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Joachim Riecker
Der V-Mann und das Handy

Der Fall »Corelli« sorgt weiter für Irritationen. Seltsamer Auftritt einer Zeugin

Der Fall "Corelli" wird immer mysteriöser. Berichte, wonach die Handys des 2014 verstorbenen Informanten von den Sicherheitsbehörden noch immer nicht vollständig ausgewertet wurden, haben vergangene Woche im NSU-Untersuchungsausschuss für Irritationen gesorgt. SPD-Obmann Uli Grötsch sagte, ihm fehle mittlerweile das Vertrauen, dass der Fall noch "abschließend aufgeklärt wird". Grünen-Obfrau Irene Mihalic monierte, dass im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) "das absolute Chaos" herrsche. Sie bekräftigte die Forderung nach einer Entlassung von BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen. Das forderte auch die Obfrau der Linksfraktion, Petra Pau, die zudem an die politische Verantwortung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erinnerte. Der Obmann der Unionsfraktion, Armin Schuster (CDU), entgegnete, er halte nichts davon, "bei schwerer Sturmfahrt" den Kapitän auszutauschen. Der Ausschussvorsitzende Clemens Binninger (CDU) verlangte, zunächst die Ergebnisse der Untersuchungen abzuwarten, die mittlerweile von der Bundesregierung und dem Parlamentarischen Kontrollgremium zu den jüngsten Entwicklungen im Fall "Corelli" in Auftrag gegeben wurden. Insbesondere müsse untersucht werden, ob der langjährige Neonazi und V-Mann Thomas Richter alias "Corelli" doch nähere Kontakte zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) gehabt habe, wofür es aber weiterhin keine konkreten Anzeichen gebe. Abwarten wolle der Ausschuss auch, zu welchen Ergebnissen die neu aufgenommenen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Paderborn zum überraschenden Tod "Corellis" führen werden. Er war im April 2014 tot in seiner Wohnung gefunden worden, bevor er zu einer CD aussagen sollte, die er 2006 dem Verfassungsschutz übergeben hatte und die den Schriftzug "NSDAP/NSU" trug.

Ominöser Szeneladen In der öffentlichen Sitzung bestätigte der Zeuge Ralph Münch seine frühere Angabe vor der Polizei, dass er sich "zu 90 Prozent" sicher sei, in der Zeit von 2005 bis 2007 Beate Zschäpe mehrfach im Zwickauer Textilgeschäft des Neonazis und früheren V-Manns Ralf Marschner gesehen zu haben. Ob sich die NSU-Aktivistin dort als Aushilfe, Kundin oder Bekannte Marschners aufgehalten habe, wisse er aber nicht. Münch betrieb den Szeneladen gemeinsam mit Marschner, den er nach eigener Aussage in einer Kneipe kennengelernt hatte und der sich 2007 in die Schweiz abgesetzt hat. Münch berichtete, dass sein früherer Geschäftspartner damals "mit viel Geld verschwunden" sei und ihn dadurch in den finanziellen Ruin getrieben habe. Erste Zweifel an der Seriosität Marschners seien ihm schon gekommen, als 2005 mit 25.000 Euro ein gemeinsames Geschäftskonto eröffnet werden sollte, was von fünf Banken abgelehnt worden sei. Auf die Frage, ob er Marschner als Nazi bezeichnen würde, antwortete Münch mit einem knappen "Ja".

Ein anderes Bild von Marschner zeichnete dessen ehemalige Mitarbeiterin Katrin Borowski, die den Eindruck erweckte, selbst der rechten Szene nahe zu stehen. Marschner sei ein "ganz lieber Kerl" gewesen, der "immer da war, wenn man ihn brauchte", beschrieb sie ihren früheren Chef. Als ihr die Linken-Obfrau Pau einen extrem ausländer- und frauenfeindlichen Liedtext der Gruppe "Westsachsengesocks" vorhielt, in der Marschner als Sänger fungierte, sagte Borowski, das müsse man nicht ernstnehmen. "Da denkt der sich nichts dabei", beschrieb sie Marschners Haltung zu dem Songtext. Borowski schloss aus, dass sich Zschäpe in einem Laden Marschners aufgehalten hat. Der Bauleiter Arne Andreas Ernst bestätigte schließlich, dass er auf einem Foto, das ihm vor einigen Monaten Journalisten vorlegten, das NSU-Mitglied Uwe Mundlos erkannt haben will. Nach seiner Erinnerung habe er den Mann in den Jahren 2000 bis 2002 als Vorarbeiter auf Baustellen Marschners getroffen. Ernst sagte, er habe Mundlos auf dem Foto an dessen markantem Bart und den Augenbrauen erkannt. Auf Nachfrage Binningers konnte Ernst aber keine weiteren Zeugen nennen, die seine Erinnerung bestätigen würden. Die Aussage von Ernst, die Anfang April von der Zeitung "Die Welt" publiziert wurde, hatte zu neuen Spekulationen geführt, dass der Verfassungsschutz doch Näheres über das seit 1998 untergetauchte NSU-Trio und die Straftaten wusste. An die Namen von Arbeitern auf den Baustellen, wo Marschners Firma tätig war, konnte sich Ernst nicht erinnern. Generell habe man sich dort mit "Hey" angesprochen. Den Neonazi und ehemaligen V-Mann Marschner bezeichnet Ernst als jemanden, der in Gesellschaft stets "den großen Macker" markiert habe. Bei einem Treffen unter vier Augen habe er jedoch angefangen zu weinen und gesagt: "Gib mir doch noch 10.000 Euro."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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