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Parlamentarisches Profil
Joachim Riecker
Grüne Abrüstungsexpertin: Agnieszka Brugger

Ein "Signal der Solidarität und Besonnenheit" soll nach dem Willen der grünen Verteidigungsexpertin Agnieszka Brugger vom Nato-Gipfel ausgehen, der am Wochenende stattgefunden hat. Für die 31-jährige Abgeordnete, die seit 2009 im Bundestag sitzt, gehört beides zusammen: Verständnis für die Sorgen und Ängste der Nato-Mitglieder im Osten Europas und Gesprächsangebote an die russische Führung. "Die Menschen in Polen und den baltischen Staaten brauchen unsere Solidarität, doch wir müssen auch alles dafür tun, dass sich zwischen der Nato und Russland keine neue Aufrüstungsspirale entwickelt", sagt Brugger, die 1985 im polnischen Liegnitz geboren wurde und 1989 kurz vor dem Fall der Mauer mit ihren Eltern als Spätaussiedlerin nach Deutschland kam. "Die Logik und das Denken des Kalten Krieges helfen uns gegenüber Russland nicht weiter." Richtig findet sie daher auch die Warnung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), die Nato dürfe nicht "durch lautes Säbelrasseln und Kriegsgeheul" die Lage weiter anheizen. "Das war eine richtige Intervention", sagt Brugger.

Dass sich Deutschland an der Überwachung und dem Schutz des Luftraums (Air Policing) von Estland, Lettland und Litauen beteiligt, hält die grüne Verteidigungsexpertin aber für ebenso richtig wie die Wirtschaftssanktionen der EU gegenüber Russland. "Die EU musste deutlich machen, dass sie die völkerrechtswidrige Annexion der Krim nicht tatenlos hinnimmt", ist Brugger überzeugt. Sie hält aber nichts davon, jetzt vom "Ende der Friedensdividende" zu reden und den Etat der Bundeswehr zu erhöhen. Das sei schon deshalb überflüssig, weil eine Panzerinvasion aus Russland "äußerst unwahrscheinlich" sei. Vielmehr drohe die Gefahr, dass etwa die russischsprachige Bevölkerung im Baltikum für eine gesellschaftliche Destabilisierung instrumentalisiert werde. "Davor können wir uns nicht in erster Linie durch militärische Mittel schützen, sondern durch andere Maßnahmen wie etwa die bessere Integration der russischen Minderheit", sagt Brugger.

Nach ihrer Ankunft in Deutschland lebte sie mit ihren Eltern zunächst in Dortmund. In Polen waren ihr Vater und ihre Mutter bei der Solidarnosc-Bewegung aktiv, was sie selbst als wichtigen Grund für ihr eigenes politisches Engagement nennt. "Ich habe von meinen Eltern gelernt, dass man Ungerechtigkeit nicht einfach hinnehmen darf, sondern etwas dagegen tun muss." 2004 trat sie als 18-Jährige bei den Grünen ein, wobei auch der Irak-Krieg eine wichtige Rolle spielte. Im gleichen Jahr zog sie nach Baden-Württemberg und begann an der Universität Tübingen mit dem Magisterstudium der Politikwissenschaft, Philosophie und des Öffentliches Rechts, das sie in Kürze abschließen möchte. "Schon im Studium habe ich mich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie man Konflikte verhindern und mit zivilen Mitteln lösen kann." 2007 wurde sie Sprecherin der Grünen Jugend Baden-Württemberg und zog zwei Jahre später auf Platz elf der Landesliste ihrer Partei erstmals in den Bundestag ein, wo sie die jüngste weibliche Abgeordnete der 17. Wahlperiode war. Sie ist Sprecherin ihrer Fraktion für Sicherheitspolitik und Abrüstung, dazu Obfrau im Verteidigungsausschuss sowie im Unterausschuss für Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung.

Brugger legt Wert darauf, sich auch bei ihrem eigenen Lebenswandel am Prinzip der Nachhaltigkeit zu orientieren. Sie ist seit Jahren Vegetarierin und achte darauf, dass ihre Wohnungen in Berlin und Ravensburg sowie ihr Wahlkreisbüro Strom nur aus erneuerbaren Energiequellen beziehen. Wann immer es der eng getaktete Kalender erlaubt, nutzt sie die Bahn und den öffentlichen Nahverkehr. Wenn bei den vielen Terminen das Fliegen aber die einzige Möglichkeit ist, zahlt sie wenigstens Atmosfair. Familie und Freunde nennt die seit 2011 verheiratete Grüne als die Prioritäten ihrer raren Freizeit. Außerdem liest sie gerne Bücher. Aktuell den Roman "Unterleuten" von Juli Zeh. Auch die fünf Bände von George R. R. Martins "Das Lied von Eis und Feuer", das Grundlage der TV-Serie "Game of Thrones" ist, hat Brugger schon verschlungen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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