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Ortstermin: Am Spreeufer im Regierungsviertel
Eva Bräth
130 Jahre Parlamentsgeschichte in 30 Minuten

"An Tagen wie diesen", schallt es durch das Regierungsviertel. Neugierig steigt eine vorbeifahrende Frau von ihrem Fahrrad. Auf den Stufen am Spreeufer sitzen bereits viele Menschen. Sie schauen auf die Bilder, die auf das "Bullauge" des gegenüberliegenden Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses projiziert werden. Gerade sieht man dort Menschenmassen im Freudentaumel, sie tanzen auf der Berliner Mauer. Die Bilder sind Teil der Großbildprojektion "Dem Deutschen Volke. Eine parlamentarische Spurensuche. Vom Reichstag zum Bundestag". Mit zahlreichen O-Tönen und Originalaufnahmen wird im 30-minütigen Schnelldurchlauf die Geschichte des deutschen Parlamentarismus erzählt. Der Film zeichnet nach, wie das Reichstagsgebäude erbaut, zerstört, wieder instandgesetzt, verhüllt und umgebaut wurde, bis es schließlich 1999 wieder gesamtdeutscher Parlamentssitz wurde.

Die Zuschauer erleben aber keine trockene Geschichtsstunde, sondern eine aufwendige Inszenierung. Auf fünf Flächen mit einer Größe zwischen 21 und 300 Quadratmetern wird der Film projiziert. Die Architektur des Bundestags ist Teil der Installation. Das Lüders-Haus verwandelt sich in eine Kinoleinwand, der Verbindungssteg über der Spree wird je nach historischem Ereignis bespielt - die Zeit der deutschen Teilung ist beispielsweise durch einen roten Stacheldraht symbolisiert.

Bereits seit 2012 zeigt der Bundestag die Installation, die noch bis zum 3. Oktober kostenfrei besucht werden kann. Mehr als 447.000 Menschen aus aller Welt haben sie sich seitdem angesehen. Jedes Jahr zieht das Open-Air-Kino mehr Zuschauer an: 2012 waren es circa 62.000, im Jahr 2015 schon 160.518. Die Installation kommt auch an diesem Abend gut an. Die Passagiere vorbeifahrender Partyboote bejubeln die Szenerie. Am Ende der Vorstellung applaudieren die Zuschauer.

Der Berliner Peter Grab und seine Frau sehen den Film nicht zum ersten Mal. Auch in den vergangenen Jahren waren sie schon öfters da. Der Film ist sehr ansprechend gemacht mit der Kombination von Licht und Film", schwärmt der 69-Jährige. Grab will, dass mehr Menschen die Geschichte des Staates kennen, für den er viele Jahre als Beamter gearbeitet hat. 1994 kam er in die damalige Berliner Außenstelle des Bundesinnenministeriums, mittlerweile ist er pensioniert. ,,Ob er nächstes Jahr wiederkommen will? "Schauen wir mal", sagt er.

Dass sich der Besucht lohnt, haben Taina (27) und Valeryn (28) von Freunden gehört. Das Ehepaar aus der Ukraine, das seit Kurzem in Berlin lebt, ist angetan. Es sei toll, dass freie Information für alle zur Verfügung gestellt und auch schmerzvolle Kapitel der Geschichte nicht verdrängt werden. "Gerade für junge Leute ist das wichtig, damit sich Fehler nicht wiederholen", sagt Taina. Lorena, Marta, Julia und Alva, vier Medizinstudentinnen aus Madrid, pflichten bei. Dem Film gelinge eine gute Zusammenfassung. Besonders beeindruckt sind sie vom Abschnitt über den Mauerfall. ,,Er stellt sehr gut dar, wie ergreifend das gewesen sein muss", sagt Alva. "Der Film ist wirklich empfehlenswert", findet Lorena.Eva Bräth

Zu sehen ist die Großbildprojektion noch bis zum 3. Oktober. Aktuell starten die Vorführungen um 22 Uhr. Weitere Informationen sind auf der Webseite des Deutschen Bundestages unter www.bundestag.de/grossbildprojektion zu finden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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