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Aufgekehrt
Sören Christian Reimer
Es fühlt sich doch wahr an

In vino veritas" heißt es gern nach dem zweiten Glas Rotwein in Altbauten, wenn beim Pärchenabend demonstriert wird, dass das mit dem Kleinen Latinum in der Schule doch nicht komplette Zeitverschwendung war. Stimmt natürlich nicht, aber der Chianti schmeckt trotzdem. Wikipedia sagt, dass der Spruch auf die Germanen zurückgeht, die meinten, wer besoffen ist, kann nicht lügen. Ob diese Zuordnung stimmt, weiß man nicht, es fühlt sich aber wahr an. Passt ja auch gut zu den Germanen, deren Quasi-Nachfahren jährlich auf spanischen Inseln einfallen, um Sangria, bekanntlich ein Wein-Mischgetränk, zu konsumieren. Von Lügen-Orgien hört man da wenig.

Wahr und unwahr sind in Zeiten gefühlter Wahrheit Begriffe einer vergessenen Zeit, in der man noch darüber spekulieren konnte, ob es ein richtiges Leben im falschen gibt. Heute läuft das Leben anders, meist in tabellarischer Form, und da gilt es, eine Geschichte zu erzählen, die gut ankommt. Eine Bundestagsabgeordnete mit Abitur, juristischen Staatsexamen und Erfahrungen in der Wirtschaft? Klingt gut. Fühlt sich wahr an. Auch wenn es faktisch falsch ist. Jetzt mal ehrlich: Wahrheit ist von gestern! Man kann sich aus der EU rauslügen und trotzdem britischer Außenminister werden. Oder Präsidentschaftskandidat in den USA. Trump ist bei den Fact-Checkern dieser Welt Spitzenreiter, was Falschaussagen angeht. Schaden tut's ihm nicht. Das hatte vor Jahren schon die Band "Fettes Brot" erkannt und sang: "Die Welt ist schlecht, hinterhältig und gemein. Wollt ihr die Wahrheit hören? Nein!". Oder wie wir Kleinst-Lateiner uns nach dem vierten Rotwein gern zurufen: Asinus stultus est - dumm ist der Esel!Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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