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DOPING
Thomas Kistner
Die große Show

Im Spitzensport sind leistungssteigernde Mittel schon lange Teil der Inszenierung. Eine Lösung ist nicht in Sicht

Die Leichtathletik von Russland bis Kenia: Dopingverseucht. Dutzende Spitzenathleten sind mit Sperren belegt, im Fall der Russen umfasst die Sanktion das komplette Olympia-Team, weil sich systematischer Betrug feststellen lässt. Radsport, Schwimmen, Wintersport haben fortwährend mit Sündenfällen zu kämpfen. Selbst dem Sport-Laien offenbart der flüchtige Blick ins Olympiajahr 2016: Der Pharmabetrug ist ein Strukturproblem, dessen Dimension es fast schon zulässt, Doping als Synonym für Spitzensport zu verwenden. Dazu passt, dass es eine Sportart schafft, sich außerhalb des Generalverdachts zu bewegen: Fußball. Der Fußball ist reicher als alle anderen Sportarten zusammen, faktisch kontrolliert er sich selbst. Da soll alles sauber sein, obwohl es von anderslautenden Belegen wimmelt: Von alarmierenden Blutstudien, die sich widersprechen, über eine Testosteron-Langzeitstudie in Europas Spitzenfußball, die einen endemischen Gebrauch avisiert, bis hin zu Fällen wie dem um den Londoner Arzt Mark Bonar, der 2016 vor versteckter Kamera versicherte, er habe Profis von vier Clubs der "Premier-League" gedopt. Die Vereine widersprachen, aber verklagt haben sie Bonar nicht. Wer klagt, riskiert, dass der Beklagte die Patientenakten vorlegt.

Gute Kameraden Dass Dopinghämmer so verbreitet sind, mag einen kundigen Beobachter der Wirtschaftsindustrie Sport nicht verwundern. Erstaunlich ist nur, wie lange es dauerte, bis die Botschaft von der manipulierten Körperkultur an das Publikum durchdrang. Das ist seit jeher das größte Anliegen des Pharmasports: Die zahlende Kundschaft darf nicht verprellt werden mit schockierenden Erkenntnissen über die kriminellen Umtriebe, die den Betrieb hinter der Hochglanzfassade von Olympia oder WM-Turnieren am Laufen halten. Pharmabetrug ist kein Randphänomen, er betrifft den einzigen Gesellschaftsbereich, der sich juristischer Autonomie erfreut und seine Probleme unter sich regeln darf: unter Sportskameraden. Schon deshalb ist es Unfug, manche Märchen der Sportfunktionäre zu glauben. Wie jenes, dass sie über ihr Anti-Doping-System den Auswüchsen die Stirn bieten. Nach dem olympischen Motto "Schneller, höher, weiter" verlaufen die Leistungssteigerungen Jahr um Jahr. Das hält Kunden bei der Stange. Nur, wie soll ein Athlet immer stärker werden: Mit Wasser und Brot allein?

Fest steht, es geht längst nicht mehr ohne Doping. Der Betrug findet direkt in der Arena statt. Und wenn der Fan etwas noch viel weniger verzeiht als Vetternwirtschaft unter Funktionären, dann ist es das Vorgaukeln sportiver Wunderleistungen, die tatsächlich Schummelware sind.

Die wissenschaftliche Analytik, mit der Pharmabetrügern nachgespürt wird, ist nahezu ineffektiv. Das Gros moderner Dopingsubstanzen ist nicht nachweisbar, andere sind nur in winzigen Zeitfenstern über Stunden detektierbar, wieder andere lassen sich verschleiern. Und ständig dringen aus der klinischen Erprobung der Arzneimittelindustrie neue, noch nicht auf dem Markt zugelassene Produkte in den Sport. Die Labore wissen oft gar nicht, wonach sie suchen könnten.

Zwielichtige Figuren Wer ein wenig Geld verdient, kann eine Betrugsvariante aufbauen, die ihn ruhig schlafen lässt. Das zeigt der jüngste Reinfall der Dopingfahnder: Über biologische Pässe wollen sie auffällige Veränderungen im individuellen Blut- und Hormonprofil des Athleten herausfiltern. Eine gute Idee. Aber schon zeigen belastbare Studien, wie Sportler mit Mikrodosierungen - darunter nachweisbare Stoffe wie Epo - unentdeckt unter ihrem Blutpass-Radar durchsegeln und dabei Leistungssteigerungen von fünf Prozent erzielen. Solche Margen machen den Unterschied zwischen einem Olympiasieger und Mitläufer aus.

Während Wissenschaftler und Laboranten die Messknechte spielen, stehen die Antidoping-Agenturen unter der Knute der Sportfunktionäre. Das zeigen auch die sportpolitischen Turbulenzen um ein staatlich begleitetes Systemdoping in Russland. Die Enthüllungsarbeit zu dieser Affäre wurde allein von Systemaussteigern und Medien geleistet. Derweil gibt sich die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada nach außen hart - intern schrieb Wada-Chef Craig Reedie liebedienerische Mails an die russische Sportführung. Der Brite Reedie sitzt im Vorstand des Internationalen Olympischen Komitees, das wiederum wird von Thomas Bach regiert. Der Deutsche gilt als Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin und pflegt einen milden Umgang mit Russlands Dopern. Bach ist der Prototyp des Funktionärs. Groß geworden im Schatten zwielichtiger Figuren (wie sein Amtsvorvorgänger Juan Antonio Samaranch), hat der Strippenzieher gern auch die große Politik im Hintergrund für sich arbeiten lassen. In der Heimat, wo er den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) führte, sperrte sich Bach gegen ein Anti-Doping-Gesetz, ausgerechnet in Deutschland, wo sich einst zwei ruchlose Dopingsysteme vereinigten. Die DDR päppelte ihre Staatsathleten flächendeckend mit brutalsten Pharmaka, dafür wurden sogar eigens Substanzen entwickelt. Aber auch bei den Athleten im Westen förderte eine Historikerstudie 2012 systemisches Doping zutage.

Verdächtiges Schweigen Die Studie endete im Streit zwischen Wissenschaftlern und dem Sport, was dazu führte, dass sie nicht über das Vereinigungsjahr 1990 hinaus reicht. Nirgendwo wurde der Betrug besser organisiert als in deutschen Landen. Aber ist all das nicht lang vorbei? Wie es heute ausschaut bei deutschen Kaderathleten, zeigt eine Studie der Stiftung Deutsche Sporthilfe, vorgelegt 2013. Bei umfassenden anonymen Befragungen räumten sechs Prozent der Kadersportler ein, dass sie regelmäßig dopen. Weitere 40 Prozent wollten die D-Frage gar nicht beantworten. Warum nicht, wenn sie sauber sind?

Fragwürdige Reform Solche und andere Erhebungen bilden die Realität ab. Sie darf nicht ans Licht. Am Verdunkeln so großer nationaler Anliegen beteiligt sich auch die Politik, die dem Doping bisweilen gewogen gegenüber steht. Ende der 1970er Jahre redete der CDU-Abgeordnete Wolfgang Schäuble im Bundestag sogar dem kontrolliertem Einsatz das Wort. Und was motiviert mehr zum Dopen als die ewige Medaillen-Zählerei, die vor Olympia auf Regierungsebene einsetzt?

Daran ändert auch das neue Anti-Doping-Gesetz nichts. Erst Ende 2013, kaum war DOSB-Chef Bach auf den IOC-Thron gewechselt, nahm die Politik das Projekt in Angriff. Anfang 2016 trat das Gesetz in Kraft - und erwies sich als Luftnummer. Es sieht weder eine Kronzeugenregelung vor, noch kappt es die Schweigepflicht für Doping-Ärzte. Als Witz entpuppt sich auch die angeblich schärfste Klinge, die Meldepflicht von Dopingverstößen an die Staatsanwaltschaft. Denn zeitgleich darf die Nada auch den jeweiligen Sportfachverband informieren, der - wie im Mai im Fall eines Fußballprofis von Eintracht Frankfurt - dann sofort den Klub und dieser den Betroffenen informiert. Bis die Ermittler zur Durchsuchung anrücken, wären im Ernstfall alle Beweise beiseite geschafft. So dreht sich der organisierte Sport im Kreis. Der Kreis bietet die beste Absicherung. Nicht vor Doping, vor Doping-Skandalen. Deshalb sind praktisch alle großen Sündenfälle, von Lance Armstrong über Jan Ullrich (Radsport) bis Marion Jones (Leichtathletik), nur dank staatlicher Ermittlungen aufgeflogen: Über Staatsanwälte, Drogen- oder Steuerfahnder. Wo die nicht hinkommen - wie in Russland - müssen die Medien ran. Fliegt etwas auf, gründet der Sport flott eine Kommission, schwört Besserung - und sitzt die Sache aus.

Prognose für Rio Deshalb braucht es eine von Sport, Wirtschaft und Politik unabhängige Kontrollinstanz. Es braucht eine forensische Analytik. Was es nicht braucht, sind Zehntausende teure Alibi-Tests, deren Berechenbarkeit jedem Doper die Lachtränen in die Augen treibt. Es braucht auch keine Tests für indische Gewichtheberinnen oder vietnamesische Trap-Schützen. Denn die sind nicht das Problem, das der Dopingsport hat. Solange es keine unabhängige Dopingbekämpfung gibt, rudert der Sport im eigenen Sumpf. Experten wie der Mainzer Sportarzt Perikles Simon prognostizieren, dass Rio die gedoptesten Spiele aller Zeiten erleben werde. Kein Fachmann würde dagegenhalten. Und auch das darf gewettet werden: Mehr als die üblichen ein, zwei Handvoll Sünder werden in Rio nicht auffliegen. Alles andere stört die große Show.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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