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GESUNDHEIT
Claus Peter Kosfeld
Leistungselite mit Tunnelblick

Erschütternde Erkenntnisse über die Nebenwirkungen im Spitzensport. Langfristige Risiken unterschätzt

Es ist der 13. Juli 2014, nachmittags kurz nach 17 Uhr Ortszeit in Brasilien: Deutschland und Argentinien bestreiten seit 17 Minuten das Finale der Fußballweltmeisterschaft. Im vollbesetzten Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro ist noch kein Tor gefallen, als der 23-jährige Verteidiger Christoph Kramer von einem Gegenspieler schwer gerammt wird. Mit der Schulter trifft der Argentinier den Deutschen so heftig am Kopf, dass Kramer sofort niedersinkt. Ein knock-out, ein Foul, das nicht einmal geahndet wird. Minutenlang liegt der Deutsche benommen am Boden und wird vom Mannschaftsarzt versorgt, der ihn wenig später zurück auf den Rasen schickt. Der schlaksige Kramer ist rot im Gesicht und schaut aus glasigen, müden Augen, er hat gerade eine schwere Gehirnerschütterung erlitten.

Was in dem Moment niemand ahnt: Kramer läuft völlig orientierungslos auf dem Platz herum. Geleitet wird das Finale vom italienischen Schiedsrichter Nicola Rizzoli, der später berichtet, Kramer sei kurz nach seiner Wiedereinwechslung zu ihm gekommen und habe gefragt, ob das hier das WM-Endspiel sei. Rizzoli hält das zunächst für einen Witz, Kramer wirkt aber gar nicht vergnügt. Und so informiert Rizzoli den deutschen Mitspieler Bastian Schweinsteiger und fordert, Kramer vom Platz zu nehmen, was in der 31. Spielminute auch geschieht. Ein Albtraum für den Spieler in dieser Partie, womöglich aber auch sein Glück, denn ein weiterer Schlag dieser Art gegen den Kopf hätte nach Ansicht des renommierten Schweizer Sportmediziners Gery Büsser den jungen Mann töten können. Kramer selbst kann sich später an nichts erinnern, die Zeit auf dem Spielfeld ist wie weggewischt, für ihn ein doppeltes Pech an so einem historischen Tag, an dem die deutsche Elf den WM-Titel holte.

Viele Kopfverletzungen Fälle wie dieser sind im Leistungs- und Spitzensport eher die Regel als die Ausnahme, wenn sie auch nicht immer so lebhaft erörtert werden wie der Fall Kramer oder 1979 der tragische Unfall des Handballers Joachim Deckarm, der bei einem Zusammenstoß auf dem Feld ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt, monatelang im Koma lag und seither schwer behindert ist. Gehirnerschütterungen gehören zu den gefährlichsten und häufigsten schweren Verletzungen im Profisport. Vor allem Sportarten, bei denen der Frontalzusammenstoß quasi stilprägend ist, sind prädestiniert für diese Art von Blessuren, etwa Eishockey, American Football oder Rugby. Aber auch beim Skirennen, Boxen, Fußball, Handball oder in der Formel 1 kommt es öfter zu schweren Kopfverletzungen mit teilweise erheblichen physischen wie psychischen Spätfolgen. Und nicht jeder Sportler ist mit einem Helm geschützt.

Wie aus einer Aufstellung der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG), dem größten Träger der gesetzlichen Unfallversicherung und zuständig für Sportvereine, hervorgeht, liegen im bezahlten Sport die Unfälle beim Fußball mit einem Anteil von 65 Prozent weit vorne. Es folgen Handball (16 Prozent) und Eishockey (zwölf Prozent). Kopfverletzungen nehmen bei der Art der Blessuren mit 8,4 Prozent einen vorderen Platz ein. Angeführt wird das Ranking nach einer Auswertung der Versicherungsfälle von 2014 von Verletzungen der Kniegelenke (16,8 Prozent), der Oberschenkel und des Sprunggelenks (15,8 beziehungsweise 15,1 Prozent).

Ob etwas für den Körper nützlich oder schädlich ist, kommt immer auf die Dosierung an. Da macht der Sport keine Ausnahme. Mit regelmäßiger sportlicher Bewegung, da sind sich Mediziner und Psychologen einig, lassen sich Risikofaktoren für zahlreiche schwere Krankheiten mindern. Auf der anderen Seite können sportliche Exzesse zu gravierenden Schäden an Körper und Geist führen, im Extremfall auch zum Tod.

Schmerzmittel gefragt Im Leistungssport werden Mädchen und Jungen schon in frühen Jahren daran gewöhnt, Schmerzen auszuhalten, nicht nur, wenn es um Muskelkater geht. Mit Sprüchen wie "Nur die Harten kommen in den Garten" machen Funktionäre, Betreuer, Trainer, Ärzte und Konkurrenten klar, wie hoch im Spitzensport die Latte hängt. Turner, Leichtathleten, Tennisspieler oder Ringer lernen schon als Kinder, Verletzungen und Schmerzen als ständige Begleiter zu akzeptieren. Eine Folge davon ist Medikamentenmissbrauch. Mit Schmerzmitteln in der praktischen Familienpackung werden Leistungsdellen und Zweifel ausgeschaltet.

Die junge Leistungselite mit ihrem Tunnelblick ordnet dem sportlichen Erfolg alles andere unter, mit immensen körperlichen, psychischen und sozialen Risiken. Der Sportwissenschaftler Ansgar Thiel von der Universität Tübingen hat in Studien ermittelt, dass Spitzensportler sich so lange gesund fühlen, wie sie ohne gravierende körperliche Beeinträchtigungen ihre Wettkämpfe bestreiten können. Selbst Fieber hält sie nicht zurück, von diffusen Kopfschmerzen mal ganz abgesehen. Befragungen von Spitzensportlern brachten laut Thiel eine geradezu erschreckende Erkenntnis. So würde ein knappes Viertel der Befragten für einen Weltmeistertitel eine Lebenszeitverkürzung von 30 Jahren in Kauf nehmen, statt mit mittelmäßigen Leistungen 90 Jahre alt zu werden. Spitzensportler, schreibt Thiel in einem Aufsatz, lebten "in einer Kultur des Risikos"; Ärzte und Physiotherapeuten gälten als erfolgreich, wenn es gelinge, angeschlagene Athleten gerade vor Großereignissen rechtzeitig einsatzfähig zu machen.

Eine gesundheitsbezogene Perspektive, also die Heilung von Verletzungen im klassischen Sinne, scheint im Spitzensport keine große Bedeutung zu haben. Welche Folgen der oft jahrelange Exzess am eigenen Körper haben kann, machen illustre Beispiele von Prominenten deutlich. So kann Wimbledonsieger Boris Becker (48) mit künstlicher Hüfte beim Tennis nur noch zuschauen, und Carl Lewis (55), neunfacher Olympiasieger und einst Weltrekordhalter über 100 Meter und im Weitsprung, leidet an Arthritis und muss befürchten, nach zahllosen Stauchungen des Rückens bald nicht mehr laufen zu können. Dass die Parkinson-Erkrankung des unlängst im Alter von 74 Jahren verstorbenen Mohamed Ali womöglich durch die schweren Schläge im Boxring verursacht oder begünstigt worden ist, kann zumindest nicht ausgeschlossen werden. Nachgewiesen ist, dass häufige Gehirnerschütterungen zu chronischen Nervenschädigungen wie Alzheimer oder Amyotropher Lateralsklerose (ALS) führen können. In den USA ist das Thema Gehirnerkrankungen als Folge des Sports inzwischen nicht mehr exotisch, seit ein Zusammenhang vermutet wird zwischen Football und der Chronisch traumatischen Enzephalopathie (CTE), einer Nervenkrankheit mit Symptomen wie Verwirrung, Sprachproblemen, Vergesslichkeit sowie langfristig Demenz und Parkinson. Früher war CTE als Boxersyndrom bekannt mit Auswirkungen, die als Punch-Drunk bezeichnet wurden, weil schwere Kopftreffer dazu führten, dass angeschlagene Boxer wie Betrunkene durch den Ring taumelten.

Elternproteste in den USA haben nun dazu geführt, dass in den Fußballvereinen die Kinder vom Kopfballspiel verschont werden sollen. Die Medizinerin Inga Katharina Körte von der Ludwig-Maximilians-Universität München hat in ihrer Forschungsarbeit herausgefunden, dass auch häufige leichte Erschütterungen des Kopfes, wie beim Kopfballspiel, nicht gut für das Gehirn sind. Sogenannte Scherverletzungen im Gehirn könnten längerfristig zu Konzentrations- und Gedächtnisstörungen oder zu dementiellen Erkrankungen führen. Eigentlich müssten Fußballer also Helme tragen oder Kopfbälle verboten werden. Ob solche Regeländerungen durchsetzbar wären, sei mal dahingestellt. Immerhin zeigen Untersuchungen auch, dass viele Leistungssportler sehr körperbewusst leben und seltener zu klassischen Drogen greifen. Wie die vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft von 2009 bis 2014 geförderte Studie Individuelles Gesundheitsmanagement im Olympischen Nachwuchsleistungssport (GOAL) gezeigt hat, bewerten junge Athleten ihren Gesundheitszustand als gut, freilich in einer Phase des Lebens, wo sie sich für unkaputtbar halten. Gleichwohl haben Jungprofis der GOAL-Studie zufolge mit "spitzensportspezifischen Gesundheitsproblemen" zu tun, mit Überlastungen bis zum Burn-out, wachstumsbedingten Einschränkungen, Müdigkeit, Ernährungs- oder Gewichtsfragen. Auch werden Schmerzen verheimlicht aus Angst vor dem sportlichen Umfeld. Dies ist gravierend, weil Trainern und Eltern auch in Gesundheitsfragen eine Schlüsselrolle zukommt. Druck kann eine Sportlerkarriere abrupt beenden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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