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Florian Zimmer-Amrhein
Faszination Paralympics

Herausforderungen für Ärzte und Trainer

Der Weitspringer Markus Rehm, die Basketballerin Marina Mohnen und der Segler Heiko Kröger treten in Rio de Janeiro als Favoriten auf eine Goldmedaille an - und trotzdem sind ihre Namen weitgehend unbekannt. Sie sind deutsche Teilnehmer der Paralympischen Spiele, die vom 7. bis 18. September ausgetragen werden. Leistungssport treiben mit einer Behinderung? Das passt in den Köpfen vieler Menschen noch immer nicht so recht zusammen - trotz der mitunter bemerkenswerten Erfolge und Biografien deutscher Para-Sportler.

Auch viele Ärzte stünden dem Leistungssport Behinderter skeptisch gegenüber und begründeten dies mit einer möglichen Verschlimmerung der Behinderung, schreiben die Autoren einer Studie im Deutschen Ärzteblatt. Die Sorge sei jedoch unbegründet. Eine Verstärkung von Behinderungen durch intensives Sporttreiben sei bei paralympischen Sportlern bisher nicht nachgewiesen worden. Das Überlastungsrisiko der gesunden Körperpartien aufgrund der einseitigen Belastung werde häufig überschätzt, die Leistungsfähigkeit der körperlichen Restfunktion dagegen unterschätzt. Ignoriert würden oft die vielen gesundheitlichen und sozialen Vorteile, die der Sport auch Menschen mit Behinderung biete.

Jürgen Kosel ist seit 2007 leitender Sportarzt des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) und wird das deutsche paralympische Team in Rio hauptverantwortlich betreuen. Er sagt: "Wenn man als Sportler eine körperliche Einschränkung hat, muss man dies an anderer Stelle irgendwie kompensieren und das kann durchaus zu einer Überlastung führen." Als Beispiel nennt Kosel den oberschenkelamputierten Hochspringer, der auf einem Bein anhüpft und abspringt. "Die Tausenden Sprünge im Training und Wettkampf belasten Knie, Hüfte und Sprunggelenke natürlich viel höher als bei einem nichtbehinderten Athleten mit zwei Beinen", erklärt er. Es komme deshalb auf den richtigen Trainingsaufbau an. Die Trainer stünden vor der Herausforderung, die sportartspezifischen Bewegungsabläufe der Behinderung entsprechend anzupassen. "Manchmal muss man Sportler auch bremsen und sagen: 'Hör mal, diese Sportart ist nichts für dich, damit schädigst du dich zu sehr'", sagt Kosel. Neben den üblichen Sportverletzungen müssen sich Mediziner im Behindertensport um sehr spezifische Probleme kümmern. Stürze mit dem Rollstuhl etwa führen häufig zu schlimmeren Verletzungen, weil der Sportler in seinem Sportgerät festgeschnallt ist und kaum Möglichkeiten hat, den Fall abzufangen. Bei Sportlern mit Prothesen kann es zu Druck- und Scheuerstellen am Stumpf kommen. Schwerstbehinderte Athleten benötigen zusätzliches Pflegepersonal. Auf 100 Sportler kommen im paralympischen Team daher rund 60 Betreuer. Damit ist laut Kosel die Betreuerquote aber nur um zehn Prozent höher als im nicht behinderten Team, in dem im Schnitt 50 Betreuer je 100 Athleten abgestellt seien.

Mit den Paralympics in London 2012 habe der Behindertenleistungssport eine nie dagewesene mediale Öffentlichkeit und damit einen enormen Schub bekommen, sagt DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher: "Wir sind noch längst nicht am Ende unserer Entwicklung angekommen. Diese Faszination, die von den Spielen ausgeht, wollen und müssen wir nutzen für den gesamten Behindertensport in Deutschland." Der DBS wird voraussichtlich 140 bis 145 Athleten nach Rio entsenden. Verkündet wird das endgültige Team am 1. August in Berlin.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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