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Götz Hausding
Reformversuch hinter den Kulissen

DOSB und BMI wollen neues Konzept für den Spitzensport. Der Sportausschuss pocht auf Mitsprache

Das Ziel wurde deutlich verfehlt. Statt der erwarteten 86 Medaillen, kehrten die deutschen Olympioniken lediglich mit 38 von den Sommerspielen 2012 aus London zurück. Die Enttäuschung war groß - auch später noch im Rückblick bei Sportminister Thomas de Maizière (CDU), der davon sprach, dass eigentlich - auch mit Blick auf die finanzielle Förderung des Spitzensports durch die Steuerzahler - ein Drittel mehr hätte drin sein müssen. Schließlich werden stolze 160 Millionen Euro jährlich für den Leistungssport aufgewendet.

Zusammen mit dem auch für den Sport zuständigen Bundesinnenministerium (BMI) arbeitet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) deshalb an einem neuen Konzept für die Spitzensportförderung. Dabei geht es aber nicht um eine simple Erhöhung der Fördersumme. Vielmehr soll diese effizienter eingesetzt werden. Darin war sich der Minister mit dem Präsidenten des DOSB, Alfons Hörmann, einig, als sie im März 2015 gemeinsam vor die Presse traten.

"Partnerschaftlich, Hand in Hand" und unter Einbeziehung von weiteren Experten wolle man die Strukturen begutachten und anpassen, kündigten sie damals an. "Natürlich" werde man auch mit dem Sportausschuss kooperieren und dann zu einem geeigneten Zeitpunkt eine Gesamtempfehlung vorlegen, sagte de Maizière. Dieser Zeitpunkt soll nun der 19. Oktober sein. Dann soll dem Sportausschuss des Bundestages das fertige Konzept vorgelegt werden. Zwischendurch werde man keine Wasserstandsmeldungen abgeben, kündigte de Mazières für Sport zuständiger Staatssekretär Ole Schröder (CDU) an. Diese Ankündigung sorgte für einigen Unmut bei einigen Abgeordneten des Ausschusses, sie fühlen sich übergangen.

Medaillenpotentiale Ziel der Neuordnung ist es, weg vom Gießkannenprinzip hin zu einer punktuellen Förderung einzelner Athleten zu kommen. "Das Fördersystem soll von einer eher retrospektiven Betrachtung der Verbände hin zu einer auf Potentialanalyse gestützten, perspektivisch ausgerichteten Förderung umgestellt werden. Sie soll sich verstärkt auf Sportarten mit Medaillenpotenzial konzentrieren", erläutert eine BMI-Sprecherin auf Anfrage.

Verbände ohne Medaillenpotenziale könnten also künftig leer ausgehen. Die Ministeriumssprecherin wollte das weder bestätigen noch dementieren. Über Konsequenzen, die sich aus der künftigen Förderstruktur für die einzelnen Bundessportfachverbände ergeben werden, könne gegenwärtig noch keine Aussage getroffen werden, betont sie. Der DOSB war zu keiner Stellungnahmen in dieser Frage bereit.

Trotz der zunächst ausgestellten Einigkeit zwischen BMI und DOSB tobt hinter den Kulissen nun ein Streit darüber, wer schlussendlich das Sagen hat. Der DOSB möchte gern - wie bislang auch - selbst über die Verteilung der Gelder entscheiden. Das BMI will diese Monopolstellung aber gern brechen und stärker als in der Vergangenheit sportwissenschaftliche Fachkompetenz - auch aus dem universitären Bereich - einbinden. Sylvia Schenk von Transparency International (TI) warnt daher: "Es kann nicht um einen Machtkampf BMI gegen DOSB gehen und die Frage, wer künftig entscheiden darf."

Doch auch innerhalb des organisierten Sports scheinen die Nerven blank zu liegen. So berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Ende Juni, dass DOSB-Chef Hörmann die Vertrauensfrage gestellt habe. Grund dafür: Der Sprecher der Spitzenverbände im DOSB, Siegfried Kaidel, soll an der DOSB-Spitze vorbei versucht haben, ein Treffen der Verbände mit dem BMI zu verabreden. Hörmanns Vorwurf nach Angaben der Zeitung: Kaidel versuche, erste "Verhinderungsstrategien" zu erarbeiten. Eine Woche später hatte man sich zusammengerauft. "Entstandene Missverständnisse" seien ausgeräumt worden, hieß es.

Kein »Blanko-Check« Völlig außen vor bei der Diskussion um die künftige Spitzensportförderung blieb bisher der Bundestag, der letztlich über den Haushaltsausschuss die Mittel für die Sportförderung freigeben muss. Im Sportausschuss wird die Kritik am Vorgehen von DOSB und BMI immer lauter: "Wir hoffen sehr, dass wir bei der Vorstellung des neuen Spitzensportförderkonzepts nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden", sagt etwa die Obfrau der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Monika Lazar. Der Sportausschuss müsse sich aktiv mit einbringen und dürfe die Reform nicht nur DOSB und BMI überlassen. Ähnlich sieht man das bei der SPD-Fraktion. Deren Obfrau im Ausschuss, Michaela Engelmeier, fordert: "Wir müssen rechtzeitig, transparent und umfassend über die Reform-Vorhaben informiert werden, da es einen 'Blanko-Check' nicht geben wird." Bei der Union bleibt man gelassen. Frank Steffel (CDU), Obmann im Sportausschuss, sagt: "Selbstverständlich werden wir uns ausführlich mit dem Minister und dem DOSB austauschen und auch eine Anhörung dazu durchführen."

Schärfer formuliert es die Vorsitzende des Sportausschusses, Dagmar Freitag (SPD). Der Ausschuss habe den Plan von DOSB und BMI durchkreuzt. "Wir wünschen uns nicht nur ein Mitsprache- und Mitberatungsrecht, sondern erwarten es und werden es uns nehmen", kündigt sie an (siehe "Parlamentarisches Profil" auf Seite 2). Mehr Öffentlichkeit - über den Bundestag hinaus - fordert Sylvia Schenk von Transparency International: "Wir brauchen eine Debatte darüber, welche Art von Spitzensport wir uns eigentlich leisten wollen und warum. Solange das nicht passiert, müssen wir uns nicht wundern, dass es bei einem Referendum keine Mehrheit für Olympia gibt."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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