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Christoph Ruf
Der kalkulierte Jubel

Spitzenpolitiker profitieren von den starken Emotionen bei bedeutenden Sportveranstaltungen

Es ist eines der Bilder, die leicht im kollektiven Gedächtnis haften bleiben im Rückblick auf die Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich. Das Bild zeigt die Tränen, die Frankreichs Spieler Blaise Matiudi bei der Übergabe der Silbermedaille vergießt. Und es zeigt Francois Hollande, der den traurigen Spieler tröstend in den Arm nimmt. Hollande, der französische Staatspräsident, der Politiker des Sozialistischen Partei, der Mann, der derzeit sondiert, ob er sich 2017 zur Wiederwahl stellen soll.

Längst hat man sich daran gewöhnt, dass bei sportlichen Großereignissen Politiker auf der Ehrentribüne Platz nehmen - manche nur bei der Eröffnung oder in der Finalrunde, andere bei so gut wie jedem Spiel ihrer Auswahlmannschaften. Die Politik nutzt dabei den Umstand, dass die Einschaltquoten bei Turnieren wie der EM oder auch bei den Olympischen Spielen gigantisch hoch sind. Die Anwesenheit der politischen Prominenz wird auch von Verbänden und Vereinen gewünscht. Jeder Landtagsabgeordnete weiß von empörten Zuschriften zu berichten, wenn einmal das entscheidende Pokalspiel eines Verbandsligisten aus dem Wahlkreis versäumt wurde.

Echte Emotionen Auf der großen Bühne birgt die Präsentation Chancen und Risiken für das Image des Politikers. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 nach dem Sieg gegen Argentinien in der Kabine der DFB-Elf vorstellig wurde, hat ihr neben Zustimmung auch Kritik eingebracht. Die Art und Weise, wie sie bei den Spielen mitfieberte, ließ sie aber parteiübergreifend in einem anderen Licht erscheinen. Die sonst so kontrollierte Kanzlerin zeigte Emotionen, die echt wirkten.

Doch die Nähe birgt für die Politik auch Gefahren. Mancher Beobachter dürfte sich beim Anblick der eingangs erwähnten Szene vom Finale in St. Denis bei der Frage ertappt haben, wer denn nun eigentlich Trost nötig habe, der unglückliche französische Spieler oder der Spitzenpolitiker, der jede gute Nachricht braucht, um aus dem Umfragetief herauszukommen? Doch selbst der zweite Platz bei der EM bedeutet für den zuletzt wenig erfolgreichen französischen Fußball einen Imagegewinn - und damit auch für den Staatspräsidenten, dessen Gegenwart Nationaltrainer Didier Deschamps lobend erwähnte.

Der Freiburger Politikwissenschaftler Ulrich Eith sagt: "Solche Veranstaltungen nutzen per Saldo sowohl der Politik als auch dem Sport." Die Gegenwart von Politikern werde vor Ort vor allem als Anerkennung der eigenen Leistung interpretiert. "Wenn man die Politiker bei solchen Veranstaltungen nicht sieht, werden sie kritisiert." Entscheidend sei allerdings die Frage, ob sie die Sensibilität besitzen, sich mit der Rolle des Beobachters zu bescheiden: "Die Hauptakteure sind die Sportler, daran darf sich nichts ändern." Ein Politiker, der zu spät zum Spiel kommt und den Stadionsprecher dazu nötigt, während des Spiels eine Durchsage zu machen, die auf den prominenten Gast hinweist, komme meist schlecht an. "Es ist allerdings auch eine Frage des Demokratieverständnisses. Politiker sollen mitten in der Gesellschaft leben und zu der gehört nicht zuletzt der Sport." Eine Sichtweise, wonach "die Politiker" eine eigene Kaste seien, die von den Wählern streng zu trennen wären, lehnt Eith ab.

Große Bekanntheit Der Richter Ingo Wellenreuther aus Karlsruhe ist seit 2002 Bundestagsabgeordneter, und heute zudem Präsident des örtlichen Zweitligisten, bei dem er seit 1981 Mitglied ist. In der baden-württembergischen Stadt dürften ihn viele Menschen zuerst mit den drei Buchstaben KSC und erst dann mit denen der CDU in Verbindung bringen.

Dass die Fußball-Nähe den Bekanntheitsgrad massiv erhöht, weiß Wellenreuther, der allerdings zu bedenken gibt, dass er damit auch der Konjunktur des Sports unterworfen ist: "Nach Niederlagen wird man von manchen Menschen schnell für alles verantwortlich gemacht, was in ihren Augen nicht gut läuft." Allerdings, sagt Wellenreuther, würde ihm das noch häufiger passieren, wenn sein Interesse am KSC nicht über Jahrzehnte dokumentiert sei. "Die Menschen haben ein Gefühl dafür, ob so ein Engagement nachhaltig ist oder nicht. Und Kompetenz hat auch noch nie geschadet." Politiker, deren Affinität zu einer Sportart oder einem Verein über lange Jahre bekannt sei, verfügten über eine andere Glaubwürdigkeit als solche, die nur zu Wahlkampfzeiten Termin-Hopping mit einer Sporthalle als Zwischenstopp betrieben.

Manche Aktion wirft freilich schon Fragen auf. 2015 organisierten die Freiburger Grünen eine Veranstaltung mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) und dem Trainer des SC Freiburg, Christian Streich. Nach Auskunft des Fußballclubs gab es dabei im Nachgang kaum Kritik daran, dass die Grünen mit dem Trainer auf einem offiziellen Plakat warben. Zum einen wohl nicht, weil er keine direkte Wahlempfehlung ausgesprochen hatte. Zum anderen auch, weil viele Äußerungen Streichs in den vergangenen Jahren auf eine inhaltliche Nähe zwischen dem Trainer und der Partei des Ministerpräsidenten hindeuten. Die Veranstaltung stand also insofern nicht unter Generalverdacht. Allerdings dürfte beiden Seiten die Makroebene bewusst gewesen sein. Der SC hat beim Neubau seines Stadions Landesmittel in Höhe von elf Millionen Euro einkalkuliert. Und der Ministerpräsident dürfte gewusst haben, dass eine gemeinsame Veranstaltung mit einem in Freiburg verwurzelten und beliebten Prominenten nicht zu seinem Schaden ist.

Antike Vorbilder Dass Sport und Politik wechselseitige Abhängigkeiten aufweisen, ist kein neues Phänomen. Schon im alten Rom oder in Olympia wussten die Regierenden um die Attraktivität des Sports, dessen Veranstaltungen im Gegensatz zu denen der Hochkultur schnell zu Massenereignissen wurden. Und wie damals ist der Sport auch anno 2016 auf die Politik angewiesen - etwa wenn es um neue Stadien und Sporthallen geht oder um die Finanzierung sportpolitischer Aktionen wie die Antirassismus- oder Anti-Doping-Kampagnen der Fußballverbände. "Auch wenn in Deutschland die Autonomie des Sports gilt, ist der Sport in großen Teilen abhängig von der Finanzierung durch die Politik", sagt Monika Lazar, die für die Grünen im Sportausschuss des Bundestages sitzt. Dass Politik und Sport interagieren, stellt sie nicht in Abrede. So würden Sport-Fachpolitiker zu interessanten Veranstaltungen - etwa zu Fußballspielen - eingeladen, andere Ausschüsse, wie etwa der Innenausschuss, böten aber bessere Möglichkeiten der Medienpräsenz. Lazar meint: "Viele Strukturen im Sport sind leider immer noch verkrustet und aus der Zeit gefallen. Hier ist es auch Aufgabe der Politik, für frischen Wind zu sorgen." Lazar nennt als Beispiel die "Sommermärchen-Affäre" um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland und sagt: "Zu deren Aufklärung wollen wir auch parlamentarisch beitragen." Sie ist Mitglied im "Roten Stern Leipzig", einem Breitensportverein, der jüngst vom DFB für sein antirassistisches Engagement ausgezeichnet wurde, und setzt sich in Berlin für Fan-Interessen ein - wie es beispielsweise auch die Piraten im nordrhein-westfälischen Landtag tun.

Dass die Bühne des Sportes genügend Möglichkeiten zum Kulissenwechsel bietet, ist dann auch folgerichtig. So ist Ex-Landesminister Michael Vesper (Grüne) Vorstandschef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), und der frühere Verteidigungsminister und SPD-Chef Rudolf Scharping ist Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer. Auch der Fußball ist parteipolitisch konnotiert. Ligapräsident Reinhard Rauball ist Sozialdemokrat, Reinhard Grindel, frischgewählter DFB-Präsident, gehörte zuvor der Unionsfraktion im Bundestag an. Den umgekehrten Weg vom Sport in die Politik beschritten der ehemalige Turner Eberhard Gienger, der seit 2002 für die CDU im Bundestag sitzt (siehe Interview auf Seite 2), und der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Bernd Heynemann, der von 2002 bis 2009 ein CDU-Bundestagsmandat innehatte.

Welche Zugkraft eine Karriere als Sportler in der Politik haben kann, zeigte sich 2014 in der Erzgebirgsgemeinde Schwarzenberg. Dort hatte der FDP-Chef und Gemeinderat Jens Zimmermann mit Skerdilaid Curri einen prominenten Kandidaten für seine Liste geworben. Der gebürtige Albaner war langjähriger Stürmer und Publikumsliebling beim Zweitligisten FC Erzgebirge Aue, dem fußballerischen Aushängeschild der Region. Mit dessen Renommée sollte die Zahl der liberalen Gemeinderäte erhöht werden. Der Plan ging nicht so recht auf. Curri wurde zwar gewählt. Zimmermann verlor hingegen sein Mandat.

Der Autor ist freier Sportjournalist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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