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OLYMPIA-VERGABE
Andreas Hardt
Ende der Träume

Den Ambitionen von Hamburg und München, die Spiele auszurichten, haben die Bürger in Volksentscheiden zuletzt eine klare Absage erteilt. Während die Politik die Chancen betont, fürchten viele Einwohner hohe Kosten und Umweltschäden

Mich hinterlässt dieses Ergebnis immer noch ratlos." Michael Neumann (SPD), bis Januar Hamburger Innen- und Sportsenator, kann das Geschehene auch neun Monate nach dem gescheiterten Olympia-Referendum nicht fassen. Wie kein zweiter Politiker hatte er sich für die Bewerbung der Hansestadt um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2024 stark gemacht, die Ausrichtung der Spiele sah er als "Riesenchance" für Hamburg an. Doch dann votierten - auch zur Enttäuschung der deutschen Sportler - im November 2015 mehr als 51 Prozent der Hamburger gegen die Teilnahme. "Offensichtlich passen der olympische Gedanke und Deutschland im Moment nicht zusammen", schlussfolgerte Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), kurz nach dem Votum. Neumann trat von seinem Amt zurück, heute lehrt der Diplom-Politologe wieder an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg.

Bereits zum siebten Mal war damit eine deutsche Olympiabewerbung gescheitert. Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit hatten die Bürger den Ambitionen der Politiker in einer Befragung eine Absage erteilt. Erst 2013 waren es die Einwohner von München, Garmisch-Partenkirchen, Ruhpolding und Berchtesgaden gewesen, die eine Bewerbung ihrer Städte um die Winterspiele 2022 ablehnten. Die Gegner führten als Hauptargumente Eingriffe in die Natur der Alpenregion, "Knebelverträge" mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und eine drohende Kostenexplosion an.

Schon bei der Bewerbung von Berchtesgaden für die Winterspiele 1992 hatten sich Gegner und Befürworter heftig befehdet. "Das Berchtesgadener Land", warnte eine Bürgerinitiative, "wird wegen 14 Tagen zum Jahrmarkt umgewandelt." Bei einer - inoffiziellen - Bürgerbefragung sprachen sich 55 Prozent der Bewohner gegen die Spiele aus. Austragungsort wurde schließlich das französische Albertville.

Proteste in Berlin Auch die Berliner Bewerbung für die Sommerspiele 2000 wurde von massiven Protesten begleitet. Militante Olympia-Gegner verübten zahlreiche (Brand-)Anschläge, die Berliner Polizei richtete eine Sonder-Ermittlungsgruppe ein. Auch die Planungen verliefen chaotisch. Nachnutzungskonzepte für die zu bauenden sportlichen Anlagen fehlten, die Koordination zwischen Senat, Olympia-GmbH und Nationalem Olympischen Komitee (NOK) war schlecht. Dabei sollte die Austragung der Spiele in der wiedervereinten Stadt zu einem Symbol für das neue Deutschland und die Überwindung des Kalten Krieges werden. Am Ende gewann Sydney die Wahl klar, während Berlin sich international blamiert hatte.

Die Hauptstadt verzichtete nach diesen Erfahrungen darauf, 2002 nochmals ihren Hut in den Ring zu werfen. Jedoch waren Hamburg, Frankfurt, das Rhein-Ruhrgebiet, Stuttgart und Leipzig an einer Bewerbung für die Sommerspiele 2012 interessiert. Das NOK ließ daraufhin mit großem Aufwand einen Evaluierungsbericht erstellen, aus dem hervorging, dass Hamburg das beste und chancenreichste Konzept hatte. Trotzdem entschied sich die NOK-Vollversammlung im April 2003 für Leipzig. 2004 wurde die Stadt vom IOC jedoch nicht einmal als Kandidatenstadt zugelassen. Das IOC bemängelte die Infrastruktur und die Pläne zur Unterbringung der Sportler.

Hamburg wagte 2015 einen zweiten Anlauf für die Sommerspiele 2024, diesmal unterstützt von den Sportfunktionären, der Handelskammer, dem Großbürgertum und allen relevanten Parteien der Stadt. Es wurden Konzepte für die Nachnutzung der Sportbauten entwickelt, Neubauten am Hamburger Hafen sollten nach der Austragung der Spiele zu Miet- oder Eigentumswohnungen werden. Neben den Wettkampfstätten sollten rund hundert Sportanlagen aus dem Breitensport für Olympia saniert werden. Die Begeisterung war zunächst groß, eine repräsentative Umfrage durch den DOSB ergab im März 2015 eine Zustimmung der Hamburger Bürger von 64 Prozent. Schließlich wurde Hamburg "als Bewerberstadt der Spiele in Deutschland" ausgewählt. Sportsenator Neumann schien fast am Ziel.

Doch noch stand das Referendum aus. "Wir haben immer gesagt, wir machen es nur, wenn die Bürger der Stadt ebenfalls dafür sind", erklärt Neumann die Hamburger Strategie. Auch der DOSB unterstützte diesen Schritt. "Das IOC will Olympia in Städten austragen, in denen die Bewohner dahinter stehen", betonte Präsident Hörmann. Das würde, hoffte man, auch die Erfolgsaussichten der Bewerbung deutlich erhöhen. Neumann nennt noch einen weiteren Grund: "Hamburg hat eine ausgeprägte Kultur der Volksbefragungen. Und bevor uns die Olympiagegner zwingen, wollten wir lieber selbst fragen."

Selbstverständlich, sagt Neumann, habe man nach München geschaut und versucht, aus der Abstimmungsniederlage 2013 zu lernen. So seien die Bürger der Hansestadt früh in die Planung einbezogen worden, sie konnten sich in Workshops informieren und eigene Vorschläge einbringen. "Alle Argumente, die in München zur Ablehnung führten - Umweltaspekte, Enteignung für Wettkampfstätten, fehlende Einbindung der Bevölkerung - gab es bei uns nicht", meint er. Dennoch endete die Abstimmung mit einer Niederlage für die Olympiabefürworter. Dabei, findet Neumann, hätten die Gegner nur die seit jeher bekannten, und aus seiner Sicht von Hamburg widerlegten Ablehnungsgründe wiederholt: Zu hohe Kosten, die besser für andere Dinge wie Kindergärten genutzt werden sollten. Ein korruptes IOC. Die Sorge, von Olympia würde nur eine reiche Kaufmannsclique profitieren, während die Bürger draufzahlen würden. Auch hieß es, die neugebauten Wohnungen würden unbezahlbar, die Stadt für Wochen dichtgemacht, die Freiheiten der Bürger beschnitten.

Doch kurz vor der Abstimmung verstärkten noch weitere Gründe die ablehnende Haltung vieler Hamburger. Im Sommer 2015 drängten plötzlich hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland - schnell wurde klar, dass damit viele neue Herausforderungen, auch finanzieller Art, verbunden sein würden. Zudem wurde publik, dass der Deutsche Fußball-Bund und der Weltfußballverband Fifa tief in einen Korruptionsskandal verwickelt sind. Im November, kurz vor dem Referendum, verübten islamistische Terroristen in Paris Anschläge mit mehr als hundert Toten, auch vor dem größten Stadion der Stadt, dem Stade de France. Sicherheitsbedenken machten die Runde.

Dass der Bund außerdem bis zum Tag des Referendums keine definitiven und belastbaren Angaben über seine Beteiligung an der Finanzierung der Spiele in Hamburg machte, wirkte sich bei der Abstimmung ebenfalls negativ aus. Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) hatte im Vorfeld lediglich versichert: "Wir werden uns einigen." Vielen Bürgern war das offensichtlich zu wenig angesichts geschätzter Gesamtkosten von 11,2 Milliarden Euro.

Trotz all dieser Hürden war Senator Neumann bis zuletzt überzeugt, dass die Wahl mit einem überzeugenden Votum pro Olympia ausgehen würde. Doch am Ende des Abstimmungstages standen Ratlosigkeit und Enttäuschung. Und der Traum vom Olympia in Deutschland fand für unabsehbare Zeit ein Ende.

Der Autor ist freier Journalist in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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