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FINANZEN
Jens Weinreich
»Weniger Demokratie ist hilfreich«

Knebelverträge und Milliardenkosten schrecken immer mehr westliche Staaten ab. Neue Global Player bei Sportgroßereignissen sind Staaten wie Russland oder Katar

Alle Jahre wieder wird über Sinn und Unsinn von Mega-Events im Sportbusiness debattiert. Eine der eindrücklichsten Wortmeldungen kam vor wenigen Tagen aus Italien. Dort bezeichnete Virginia Raggi, frisch gewählte Bürgermeisterin Roms, die finanziellen Lasten derartiger Sportveranstaltungen als "unethisch".

Rom bewirbt sich derzeit neben Los Angeles, Paris und Budapest für die Olympischen Sommerspiele 2024. Ministerpräsident Matteo Renzi unterstützt die Pläne, Virginia Raggi will bis Oktober über den Fortgang der Bewerbung entscheiden.

Bereits im Februar 2012 musste Roms Olympiabewerbung für 2020 eingestellt werden, nachdem sich der damalige Ministerpräsident Mario Monti geweigert hatte, die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) geforderten Knebelverträge mit Milliardenbürgschaften zu unterzeichnen. "Wir müssen vernünftig sein", erklärte Monti. Die Olympiaplaner hatten mit Kosten von 9,5 Milliarden Euro kalkuliert.

In Brasilien kamen Politiker jüngst auf eine besonders raffinierte Idee: Im Juni rief der Interims-Gouverneur von Rio de Janeiro den öffentlichen Notstand der Finanzverwaltung aus, um einen weiteren Zuschuss des Bundes von einer Dreiviertel Milliarde Euro zu erzwingen. Damit sollten nicht nur die letzten schwer stockenden Olympia-Projekte, wie die U-Bahn zum Olympiazentrum Barra da Tijuca, finanziert werden, sondern auch dringende soziale Maßnahmen und die Gehälter der streikenden Staatsdiener, die Monate auf Überweisungen warteten.

Es gibt gute Gründe, derlei olympisch bedingte Finten als "unethisch" und "unverantwortlich" zu bezeichnen, wie es auch die ständig wachsende und verzweifelte Olympia-Opposition in Brasilien tut. Sinnbildlich dafür steht der Empfang, den streikende Polizisten im Juli den ersten Olympiagästen machten: "Willkommen in der Hölle", hieß es auf Plakaten.

Die Spiele der 31. Olympiade vom 5. bis 21. August in Rio de Janeiro werden insgesamt weit mehr als 20 Milliarden US-Dollar kosten, addiert man sauber die drei üblichen Etats - Organisation, Sportstättenbau, allgemeine Infrastrukturmaßnahmen - und macht nicht nur jene Rechnung auf, die Sportfunktionäre aus dem IOC und den Fachverbänden bevorzugen. In diesen 20 Milliarden, die zu gut zwei Dritteln aus öffentlichen Kassen beglichen werden, soweit man bisher weiß, sind die Sicherheitskosten noch nicht einmal enthalten: Diese belaufen sich auf mindestens 1,5 Milliarden US-Dollar, eher deutlich mehr. Auch der größte Teil der Kosten für den Sportstättenbau wird in den sogenannten Non-OCOG-Etat ausgelagert. Auf diese Weise lassen sich bei Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften regelmäßig schwarze Zahlen im Organisationsetat basteln und der Öffentlichkeit vorgaukeln, Mega-Events wären per se ein Gewinn für die Ausrichter. Das läuft im IOC nicht anders als im Fußball-Weltverband FIFA.

Es gibt aber noch eine andere, damit eng verbundene Konstante: Sportkonzerne wie das IOC und die FIFA, die derzeit in ihren jeweiligen Vierjahres-Geschäftszyklen mehr als 5,5 Milliarden Dollar umsetzen, sind bei diesen Projekten stets die Gewinner, denn Olympia, die Fußball-WM und andere Großereignisse werden in einem Franchise-System ausgetragen: Die Sport-Multis bestimmen die Regeln, schießen nur einen begrenzten Betrag zu und tragen keinerlei finanzielle Risiken. Die ausrichtenden Staaten und Städte unterwerfen sich den vertraglichen Bedingungen, die Experten als Knebelverträge brandmarken, und tragen sämtliche Risiken. An diesem grundlegenden Geschäftsprinzip hat sich auch im Rahmen der sogenannten Reform-Agenda 2020 des IOC nichts geändert (siehe Stichwort).

Zuletzt haben Medien regelmäßig Ergebnisse der sogenannten Oxford Studie des dänischen Wissenschaftlers Bent Flyvbjerg aufgegriffen. Demnach werden die ursprünglichen Etats Olympischer Sommerspiele im Schnitt um 176 Prozent und die der Winterspiele um 142 Prozent überzogen. Im Vergleich zu anderen Großprojekten, wie hierzulande etwa Stuttgart 21, erscheint Olympia dadurch geradezu kostengünstig. Doch die Studie bezieht sich allein auf die sogenannten sportbezogenen Kosten und vernachlässigt die generellen Infrastruktur- und die tatsächlichen Sicherheitskosten, die bei Mega-Events mehr als die Hälfte des Gesamtpaketes betragen.

In demokratisch strukturierten Nationen ist die Nachfrage nach Mega-Events in den vergangenen Jahren auch aus diesen Gründen akut gesunken. Wenn die Bürger über die Projekte entscheiden dürfen, muss eine Olympia-Offerte nach der anderen eingestellt werden. So zuletzt in Hamburg (siehe Text oben). In Schweden, Norwegen und Italien setzten Politiker Stoppzeichen. Die Ausrichtung der gigantischen Veranstaltungen verlagerte sich daher immer weiter nach Osten. Russland, China, Katar und einige ehemalige Sowjetrepubliken wie Aserbaidschan oder Turkmenistan sind die neuen Global Player im Sportbusiness. Dort werden irrwitzige Milliardensummen investiert, dienen Mega-Events der Image-Wäsche und dem Nation Building. Kritische Medien gibt es kaum, Referenden kennt man dort nicht. Wie hat einst Jérôme Valcke gesagt, der inzwischen wegen schwerwiegender Korruptionsvorwürfe entlassene Generalsekretär der FIFA? "Das mag jetzt verrückt klingen, aber manchmal ist weniger Demokratie bei der Planung einer WM hilfreich."

Der Autor arbeitet als freier Sportjournalist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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