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Benjamin Best
Wissen, wer gewinnt

Die Verbände wirken machtlos. Nun soll ein neues Gesetz helfen

Sepp Herberger, der legendäre deutsche Weltmeister-Trainer von 1954, hat einmal gesagt: "Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht." Fußball ist ein einfaches Spiel, das weltweit Menschen genau aus diesem einfachen Grund in seinen Bann zieht: Niemand weiß vorher, welche Mannschaft gewinnt. Doch das gilt leider längst nicht mehr überall: Absichtlich verlorene Fußballspiele und irreguläre Elfmeter durch gekaufte Profis und Schiedsrichter sind zu einem Milliardengeschäft für den nationalen und internationalen Wettbetrug geworden. Gegenstand manipulierter Wetten sind Länderspiele, Spiele der Champions und der Europa League, Meisterschaftsspiele und selbst Jugendspiele. Auf 500 Milliarden Euro Umsatz wird der weltweite Sportwettenmarkt geschätzt, genau kann das niemand sagen - unumstritten dagegen ist, dass Wettbetrug längst zu einem florierenden Geschäftszweig der organisierten Kriminalität geworden ist.

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete im Juli 2015 über einen Aktenvermerk der europäischen Polizeibehörde Europol, wonach seit 2011 "fast alle großen Mafiaorganisationen mit Matchfixing in Berührung gekommen sind". Dazu passt die Aussage des ehemaligen Direktors des Bundeskriminalamtes und aktuellen Sicherheitschefs des Weltfußballverbandes (FIFA), Ralf Mutschke, der sagt, dass es in den letzten Jahren eine Verschiebung vom "traditionellen Verbrechen" wie dem Drogen- oder Waffenhandel hin zum Wettbetrug gegeben hat.

Ein Großteil der europäischen Fußballprofis sind eben keine Multi-Millionäre, sind finanziell nicht unabhängig und, wie ein Richter in Kroatien formulierte, moderne Sklaven des Systems. Das bedeutet natürlich nicht, dass Fußballspieler aus diesem Grund gleich manipulieren müssen, aber es erklärt, warum die organisierte Kriminalität es auf diese Profis abgesehen hat. Deshalb bietet der Fußball ein perfektes Ziel, denn Fußball wird überall auf der Welt gespielt, er wird immer gespielt und auf dem Sportwettenmarkt werden mit ihm die höchsten Umsätze erzielt. Und somit sind Sportwetten ein geeignetes Werkzeug für den Betrug. Sie erzeugen einen ständigen Fluss an Geld: international, unüberschaubar und unkontrollierbar.

Ausbleibende Gehälter 2012 veröffentlichte die internationale Fußballer-Vertretung FIFPro, in der weltweit 50.000 Profis organisiert sind, eine Studie mit dem Titel: "Das Schwarze Buch Osteuropas - Die Probleme mit denen sich Fußball-Profis auseinandersetzten müssen". Es ging unter anderem um Rassismus, Mobbing, Gewalt und Wettbetrug. Befragt wurden 3.357 Profis in zwölf Ländern: Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Griechenland, Ungarn, Kasachstan, Montenegro, Polen, Russland, Serbien, Slowenien und der Ukraine.

41,4 Prozent der Profis sagten, dass sie ihre Gehälter nicht pünktlich erhalten. 53,4 Prozent gaben an, dass Sieg- oder Auflaufprämien nicht pünktlich gezahlt werden. Die sich daraus ergebenden Unzufriedenheit und Sorge wird laut Studie von der organisierten Kriminalität ausgenutzt. 11,9 Prozent (fast 400) aller Spieler gaben an, dass sie angesprochen wurden, Spiele zu manipulieren und 23,6 Prozent sagten sogar, dass sie von Wettbetrug in ihren jeweiligen Ligen wüssten. Über die Hälfte der angesprochenen Fußball-Profis gaben an, dass ihre Gehälter nicht pünktlich gezahlt werden. Bei dem Thema Wettbetrug stachen drei Länder besonders hervor: 34,4 Prozent der Profis in Kasachstan räumten ein, angesprochen worden zu sein, Spiele zu manipulieren. Ähnlich verhält es sich in Griechenland, dort sind es 30,3 Prozent.

In Russland, dem Land der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft 2018, gibt fast die Hälfte (43,5 Prozent) aller Befragten an, dass sie von Wettbetrug in ihren Ligen wussten. Doch die strukturellen Probleme des Fußballs und die entsprechenden Auswüchse wie der Wettbetrug sind keineswegs nur auf Osteuropa beschränkt.

Lösen sollen die Probleme im Fußball in erster Linie die Verbände. So hoch die Begeisterung über und um den Fußball auch ist, so dürftig ist das Interesse der Anhänger und Fans für die Fußballverbände. Dabei sind FIFA und der europäische Fußballverband (UEFA) an Bedeutung kaum zu überbieten. Sie vergeben und organisieren Europa- und Weltmeisterschaften, stellen die Spielregeln auf und sind die höchste Gerichtsbarkeit im Fußball. Doch in den letzten Jahren stehen FIFA, UEFA und viele andere Verbände für Korruption und illegale Absprachen und haben jede Glaubwürdigkeit verloren.

Dabei wird gerne von den internationalen Verbänden eine sogenannte "Null-Toleranz Politik" gegenüber Wettbetrug und Spielmanipulation propagiert. In den letzten Jahren wurden Spieler, Schiedsrichter, Vereinsfunktionäre und sogar ganze Mannschaften gesperrt. Doch wie konsequent verfolgt etwa die UEFA Vorwürfe gegen die eigenen Funktionäre? Im Sommer 2015 wird bekannt, dass der frühere Fußball-Profi Davor Suker vor seiner Funktionärskarriere enge Kontakte zum verurteilten Wettbetrüger Ante Sapina gehabt haben soll. Mittlerweile ist Davor Suker Präsident des kroatischen Fußballverbandes und Mitglied des UEFA-Exekutivkomitees. Es gibt sogar Hinweise, dass einige europäische Funktionäre ihn als Nachfolger von Michel Platini als UEFA-Präsident sehen.

Ermittlungsunterlagen der Bochumer Staatsanwaltschaft beschreiben ein anderes Bild von Davor Suker. Grundlage für die Unterlagen und Einschätzungen der Ermittler sind abgehörte Telefonate und SMS-Verkehr. Suker soll für Sapina als Strohmann Wetten platziert haben und im Gegenzug dafür Hinweise auf ein vermeintlich manipuliertes Spiel bekommen haben, um selbst Wetten zu platzieren.

Die UEFA beruft sich darauf, dass Suker im damaligen Bochumer Verfahren weder als Beschuldigter noch als Zeuge geführt wurde. Suker selbst gibt den Kontakt zu Sapina zu, bestreitet aber jegliche illegale Aktivitäten. In ihren Statuten wertet es die UEFA schon als Regelverstoß, wenn nicht "unverzüglich und unaufgefordert" Kontakte zu Wettbetrügern gemeldet werden. Die UEFA ist selbst in Besitz der Ermittlungsakten und gibt an, in voller Kenntnis über deren Inhalt zu sein - demnach auch über die Hinweise zu Sukers Kontakten. Dass der Kroate dennoch einen der höchsten Posten im europäischen Fußball bekleidet - für die UEFA offenbar kein Problem. So sieht die Null-Toleranz Politik der UEFA aus.

Aufklärung Dennoch wurden in den letzten Jahren Maßnahmen getroffen, die Wettbetrug und Spielabsprachen verhindern oder zumindest eindämmen sollen. Es gibt Aufklärungskampagnen, Ombudsmänner oder Warnsysteme. In Deutschland gab es in den letzten zwei Jahren weder in der 1. noch in der 2. Bundesliga auffällige Spiele. Fraglich ist, ob das ein Resultat der angesprochenen Maßnahmen ist oder ob der finanzielle Aufwand für Wettbetrüger, Profis zu bestechen, in den deutschen Eliteligen einfach zu hoch ist.

Die deutsche Spielergewerkschaft VDV kommt in einer Befragung aus dem Jahr 2014 zu einem erschreckendem Ergebnis: Nur 18 Prozent der befragten Profis aus Vereinen der 1. Bundesliga gaben an, geschult worden zu sein. Darüberhinaus vermeldet die Gewerkschaft, dass viele Spieler in vertraulichen Gesprächen zugaben, die Regeln, die DFB und DFL zur Vorbeugung gegen Spielmanipulation aufgestellt haben, überhaupt nicht im Detail zu kennen.

Neue Gesetze Der internationale Wettbetrug hat gegenüber nationalen Ermittlungs- und Justizbehörden einen entscheidenden Vorteil: Er ist organisatorisch wesentlich besser aufgestellt. Bisweilen gewinnt man den Eindruck, dass die Strafverfolger ins Hintertreffen geraten sind. Entweder fehlen der Justiz die richtigen Werkzeuge, sprich eine länderübergreifende Zusammenarbeit und neue Gesetze, oder die Warnsysteme sind so konstruiert, dass sie mühelos umgangen werden können.

Die langjährigen Erfahrungen der Bochumer Ermittlungsgruppe "Flankengott" haben gezeigt, dass neue, weitergehende strafrechtliche Regelungen nötig sind, um schneller und effektiver zu ermitteln. Die Bundesregierung hat reagiert und im April 2016 den vorgelegten Entwurf eines Gesetzes zur Strafbarkeit von Sportwettbetrug und der Manipulation von berufssportlichen Wettbewerben beschlossen und im Juli im Bundestag eingebracht (18/8831).

Doch bereits im Vorfeld gab es Bedenken: So hält etwa der Deutsche Richterbund die bisherige Rechtsprechung, durch den Tatbestand des Betruges, ausreichend gedeckt. Durch den Entwurf würden Erwartungen an ohnehin bereits stark belastete Staatsanwaltschaften herangetragen, die vor allem, auch infolge von Einsparungen im Justizapparat in den Ländern, nicht geleistet werden können. Die Politik, so der Richterbund, könnten über die Sportförderung Einfluss und Druck auf Verbände im Kampf gegen Manipulation ausüben.

Dass Gesetze Wettbetrüger im Sport aufhalten werden, muss also leider stark angezweifelt werden. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis ein neuer Wettskandal bekannt wird.

Der Autor ist freier Journalist, Filmemacher und Buchautor.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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