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Götz Hausding
»Der Sport hinkt hinterher«

Sylvia Schenk von Transparency Deutschland über Probleme beim Kulturwandel innerhalb der Sportverbände, den "DFB-Skandal" und gescheiterte Olympia-Bewerbungen

Frau Schenk, warum passen Korruption und Sport so gut zusammen?

Das Korruptionsrisiko hängt vom Wettbewerb ab, hinzu kommt das Geld. Seit 1990 sind die Fernseh- und Sponsoreneinahmen enorm gestiegen. Die engen Verflechtungen von Sport, Wirtschaft, Politik und Medien führen zu einer Vielzahl von Interessenkonflikten und zu mangelnder Kontrolle. Man kann aber nicht sagen, dass der Sport - etwa im Vergleich zur Wirtschaft - besonders korrupt wäre.

Aber seit Jahren jagt doch ein Skandal den anderen.

Korruption ist wie Doping ein Kontrolldelikt, erst die Aufdeckung von Taten führt zu Änderungen. Außerdem existiert der Kampf gegen Korruption erst seit den 1990er-Jahren. Die Unternehmen in Deutschland konnten Auslandsbestechung bis 1996 von der Steuer absetzen. Sie haben auch erst nach dem Siemens-Korruptionsskandal 2006 mit Compliance angefangen. Der Sport hinkt hinterher, beeinträchtigt, wie die Vereinten Nationen, durch die internationalen Probleme. Wer wird denn in einem Land, wo Korruption grassiert, Verbandspräsident? Wohl eher keine besonders integre Person, sondern jemand, der sich in dem System auskennt und durchsetzt. Und der ist dann Delegierter beispielweise auf dem FIFA-Kongress.

Kann es ein Verband wie die FIFA schaffen, sich von der Korruption selbst zu heilen?

Es braucht öffentlichen Druck, wie in Politik und Wirtschaft auch. Drei Punkte sind entscheidend: Personen, Strukturen und die Kultur. Es gibt bei der FIFA inzwischen etliche Personen, die etwas ändern wollen. Nur die Glaubwürdigkeit an der Spitze fehlt noch. Hinsichtlich der Strukturen ist die FIFA mit der Reform ganz gut aufgestellt. Das Schwierigste ist der Kulturwandel. Erst 2016 erkannte der FIFA-Kongress: Wir haben sehr viel falsch gemacht und müssen uns grundlegend ändern. Jetzt muss weltweit den Verantwortlichen im Fußball vermittelt werden: Es gibt heute zusätzliche Anforderungen, Transparenz und Regeltreue sind entscheidend. Diese Bewusstseinsarbeit hatte bisher nicht stattgefunden.

Ist eigentlich deutschen Funktionären Korruption fremd?

Korruptionsrisiken gibt es überall. Etliche Deutsche waren oder sind in internationalen Funktionen, deutsche Delegierte vertreten ihre Verbände beim Weltkongress. Bislang habe ich nicht gemerkt, dass die Deutschen sich alle dort schon früh für Good Governance eingesetzt haben. Manche haben einfach weggeschaut, auch die Politik hat die Korruption im Sport noch nicht so lange als Thema entdeckt.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist nun auch in den Verdacht geraten, für die WM 2006 Stimmen gekauft zu haben.

Es gibt keinen Beweis für Bestechung bei der Bewerbung. Man hat aber mit harten Bandagen gekämpft, zum Beispiel Freundschaftsspiele vereinbart, um auf diese Weise um Stimmen zu werben. Auch die deutschen Botschaften haben, wie damals üblich, geholfen.

Aber was ist mit den 6,7 Millionen Euro, die der DFB gezahlt hat und deren Verbleib ungeklärt ist?

Diese Summe - zehn Millionen Schweizer Franken - wurde 2002 gezahlt. Die Entscheidung für Deutschland fiel aber im Juli 2000. Ich habe noch nie gehört, dass Bestechungsgeld zwei Jahre nach der gewünschten Handlung gezahlt wird. Am Wahrscheinlichsten war dies eine Art Kickback, entweder für eine Einzelperson oder für eine schwarze Kasse bei der 2002 finanziell klammen Fifa Dafür wurden dem DFB 50 Millionen Franken mehr als Zuschuss zugesagt, im Ergebnis also zusätzliche 40 Millionen. Von denen haben viele profitiert, denn Überschüsse des Organisationskomitees sind nach der WM an Sportorganisationen, aber auch die Ausrichterstädte verteilt worden.

Sie verteidigen das Agieren des DFB?

Nein, es war auch 2002 falsch. Es darf sich aber niemand auf das hohe Ross setzen und die Verantwortlichen nach heutigen Maßstäben verdammen. Wir müssen vor allem für die Zukunft daraus lernen. Transparency Deutschland ist mit dem DFB im Gespräch über eine beispielhafte transparente Bewerbung um die EURO 2024.

Hamburg wird sich nicht für die Olympischen Spiele 2024 bewerben. War es ein Fehler, die Bevölkerung zu fragen?

Nein. Man kann Olympische Spiele nicht ohne eine breite positive Grundstimmung in der Bevölkerung durchführen. Auch ohne ein Referendum muss intensive Überzeugungsarbeit für die Olympische Idee geleistet werden, was in Hamburg nicht geschehen ist. Wir haben derzeit in Deutschland eine Spaltung des Verständnisses von Sport: Hier der absolute Spitzensport mit all seinen Skandalen und dort das Tolle und Gute, was in den Vereinen läuft. Dass die Olympische Idee Breite und Spitze verbindet, es auch der Basis nutzt, wenn eine deutsche Bewerbung sich für grundlegende Werte auf internationaler Ebene einsetzt, einen Beitrag zur Nachhaltigkeit sowie zur Reform des Sports leistet, hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nicht vermittelt. So standen sowohl in Hamburg als auch zuvor in München selbst die Sportvereine nicht auf breiter Ebene hinter der Olympiabewerbung.

Jetzt läuft auch noch die Reform der Spitzensportförderung ohne Einflussmöglichkeit der Betroffenen ab.

Es darf nicht passieren, dass das Innenministerium und der DOSB sich untereinander darauf einigen, was in der Sportförderung läuft. Die Debatte, wie das Geld in der Spitzensportförderung ausgegeben wird, ob wir alle Sportarten fördern wollen oder nur die besonders medaillenträchtigen, muss mit breiter Beteiligung aus dem Sport, aber auch mit der Öffentlichkeit geführt werden. Schließlich ist Partizipation eines der vier wesentlichen Prinzipien von Good Governance im Konzept des DOSB.

Das Gespräch führte Götz Hausding.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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