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Jan Rübel
Wellenreiten und Snowboarden für olympisches Gold

Das Internationale Olympische Komitee wählt die Disziplin aus. Bei den Spielen in Rio de Janeiro kommen Rugby und Golf neu dazu

Die Erfinder des Winter-Pentathlon hatten einfach kein Glück. Im Jahr 1948 hatten sie eine tolle Idee: Zu den Olympischen Winterspielen in St. Moritz dachten sie sich eine Königsdisziplin aus, einen Fünfkampf aus Skilanglauf, Abfahrt, Pistolenschießen, Degenfechten und Geländeritt durch Schnee. Dumm nur, dass sich lediglich 14 Athleten fanden, die sich dieser Herausforderung stellten. Und noch ärgerlicher, dass am Ende nur elf durchhielten. Beim Publikum kam dies nicht gut an. Nach dem einen Mal wurde der Winter-Pentathlon wieder aus dem Olympischen Programm gestrichen.

1896 erstmals als Wiederbegründung der antiken Festspiele Olympias im modernen Athen ausgetragen, haben sich die Spiele rund um die fünf Ringe zur ichtigsten Sportveranstaltung weltweit entwickelt. In welcher Disziplin sich die Athleten allerdings messen, legt jedes Mal das Internationale Olympische Komitee (IOC) fest. Das Motiv ist klar: Mit neuen Sportarten wollen sich die Funktionäre auf den Zeitgeist einstellen. Schließlich sind die Olympischen Spiele ein großes Geschäft - und Zuschauer eine Währung.

So wurde manches aus den Spielen gekegelt. Tauziehen, Motorbootsport und Schlittenhunderennen - all dies wurde ausprobiert und verworfen. Zuletzt mussten die Ringer um ihren Ringestatus fürchten: Der Jahrtausende alte Sport hatte 2012 bei einer Analyse aller olympischen Disziplinen nicht gut abgeschnitten, das IOC hatte dabei Kriterien wie TV-Quote, Zuschauerzahl und Ticket-Verkäufe, aber auch Verbreitung und Mitgliederzahl angelegt. Die rote Karte drohte, und die Ringer reagierten. Mit Reformen wie mehr Gewichtsklassen für Frauen und einer größeren Attraktivität (Punktewertung statt Rundenwertung) der Kämpfe konnten sie das IOC doch noch vom Verbleib im Olympischen Dorf überzeugen.

Ringe adeln Für eine Sportart sind die Ringe wie eine Adelung. Medienpräsenz und Sponsoren nehmen zu, mehr Aktive und vor allem mehr Geld wirken wie Vitaminspritzen der Disziplinen. Dabei zählt: Je hipper der Ruf vor allem unter Jugendlichen, desto größer die Chancen. So schaffte es zum Beispiel Snowboarden ins Programm und an die Fleischtöpfe der Sportförderung; eine Win-Win-Situation für die Athleten auf den Brettern und die Funktionäre im IOC.

Letztlich hat sich das IOC für eine Entwicklung weg von einem auf Sportarten ausgerichteten Programm und hin zu einem eventbasierten entschieden. In diesem Jahr zum Beispiel kommen bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro zwei neue Disziplinen hinzu: Rugby und Golf. Beide Disziplinen waren einmal olympisch gewesen. Doch Rugby war nach 1924 gestrichen worden und Golf schon nach 1904.

Für die Spiele nach Rio, also 2020 in Tokio, wird die Öffnung für neue Disziplinen noch weiter getrieben werden. Das IOC hat mit der so genannten "Agenda 2020" sich nicht mehr darauf festgelegt, die Sommerspiele auf 28 Sportverbände zu beschränken. Im Gegenteil: Die Ausrichterstädte dürfen ab nun dem IOC Vorschläge unterbreiten, welche Disziplinen in den Kanon aufgenommen werden sollten.

Für die Spiele 2020 in Tokio bedeutet dies, dass sich fünf Sportarten Hoffnungen machen können: Das Organisationskomitee schlägt dem IOC zusätzlich zum bestehenden Programm Baseball/Softball, Karate, Surfen, Sportklettern und Skateboard vor. Vor allem beide letztere Disziplinen gelten als Trendsportarten und sollen jüngere Zuschauer anlocken. Baseball und Softball sind besonders in Asien und in Nordamerika populär. Karate, ein Klassiker, hat sich bereits in den vergangenen drei Bewerberrunden vergeblich um die Erstaufnahme bemüht. Bei Sportklettern würden sich die Zuschauer an Wettkämpfe in "Bouldern", "Speed" und "Lead-Klettern" gewöhnen müssen; mit Surfen ist Wellenreiten gemeint.

Im August dieses Jahres wird das IOC über die Liste für 2020 entscheiden. Insgesamt kämen nach den Vorschlägen aus Japan 18 Events sowie 474 Athletinnen und Athleten zu den Ringspielen hinzu. IOC-Sprecher Mark Adams kündigte jedenfalls einen "neuen, frischen und sehr aufregenden Ansatz für das olympische Programm" an. Für die Karatesportler "bedeutet diese Aufwertung, dass der Sport in aller Welt eine größere Förderung erlangen kann und die zahlreichen Facetten, die wir bieten, deutlich werden", sagte Wolfgang Weigert, Präsident des Deutschen Karate Verbandes.

Kurz vor Aufnahme in die Vorschlagsliste für 2020 gescheitert sind Bowling, Rollschuhsport, Squash und Wushu, einer chinesischen Kampfkunst. Die Golf-Funktionäre jedenfalls freuen sich auf die Teilnahme 2016: "Für viele der 60 Millionen Golfer auf der ganzen Welt ist heute ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung gegangen", kommentierte Wolfgang Scheuer, Präsident des Deutschen Golf Verband, die Ringehrung.

Immerhin werden bei den Olympischen Spielen Sportarten in den Vordergrund rücken, die in Deutschland nicht gerade im Rampenlicht stehen. "Die Bedeutung des Fußballs ist zu groß geworden", sinnierte vor kurzem der scheidende Präsident von Eintracht Frankfurt, Heribert Bruchhagen: "Wir haben die Leichtathletik erschlagen, wir haben den Handball erschlagen, wir haben den Basketball erschlagen." Ab dem 5. August, wenn im Maracanã-Stadion die Eröffnungsfeier der Sommerspiele in Rio Janeiro beginnt, schlägt Olympia zurück.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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