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FUßBALL-EM
Daniel Theweleit
Sport im Zeichen des Terrors

Mit Scharfschützen auf den Dächern, Tausenden Polizisten auf den Straßen und Kontrollen sicherte Frankreich die Europameisterschaft vor dem Terror.

Der Gedanke an die Gewehrläufe dort oben auf dem Parkhaus ist schwer loszuwerden. Vor und nach jedem Europameisterschaftsspiel in Lille führte der Weg der meisten Zuschauer direkt durch den Zielbereich der Scharfschützen. Schwarz gekleidete Männer richteten ihre Waffen auf die vorüber schlendernden Leute, in der Luft lag das Knattern von Hubschraubern, die über dem Stade Pierre Mauroy in Lille kreisten. Unten zwischen den Leuten spielte eine Blaskapelle, ein paar Clowns auf zwei Meter hohen Stelzen tanzten dazu, schnitten Grimassen, machten Scherze und posierten für Fotos. Es sind seltsame Gegensätze, die hier aufeinander trafen.

Die bezahlten Gaukler, die sich vor allen Spielen in Lille vor dem Eingangsbereich zur Ehrentribüne herumtrieben, waren ein gekaufter Farbfleck, der von den Schattenseiten dieser Europameisterschaft ablenken sollte. Aber das funktionierte längst nicht immer. Immer wieder gab es Momente der Anspannung, die allgegenwärtig war bei diesem Fußballturnier, das am Ende tatsächlich ohne größeren terroristischen Anschlag zu Ende gegangen ist.

Noch wenige Tage vor dem Eröffnungsspiel sagte der deutsche Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen: "Wir wissen, dass der IS die EM ins Visier genommen hat." Anderen Berichten zufolge sah auch die immer bedeutungsloser werdende Organisation Al-Qaida die EM als Chance, sich auf der großen Tribüne des internationalen Terrorismus zurückzumelden. Überdies gebe es in Frankreich und in Belgien jede Menge bereitwillige Selbstmordattentäter, die nur auf eine günstige Gelegenheit warten, schrieben große Zeitungen. Passiert ist - abgesehen von dem Polizistenmord durch einen IS-Anhänger in der ersten Turnierwoche - nichts. Nach einem Anschlag wäre die EM "sofort beendet worden", sagte Jacques Lambert, der Chef des Organisationskomitees am Tag nach dem Finale. Diese Information hatte er bis dahin zurückgehalten, um potenziellen Tätern kein zusätzliches Motiv zu liefern.

Erfolgreiches Konzept Das Sicherheitskonzept ist aufgegangen, wobei die Gründe für den glimpflichen Verlauf der Veranstaltung nicht alleine in der guten Arbeit der 42.000 Polizisten, der 30.000 Gendarmen, der 30.000 privaten Sicherheitsagenten und der 10.000 Soldaten in den Städten, Stadien und Bahnhöfen liegen. Sie haben eine Aufgabe bewältigt, die bei einer derartigen Großveranstaltung eigentlich nicht zu bewältigen ist. Wer während des Turniers in Frankreich unterwegs war, entdeckte überall weiche Ziele, die selbst ein perfekt arbeitendes System niemals absichern wird. Ein Selbstmordattentäter, der bereit ist, sich in einer Menschenmenge in die Luft zu sprengen, hätte jeden Tag große Gruppen feiernder Menschen vor Cafés, Bars und auf Plätzen gefunden, die völlig ungeschützt sangen und tranken. Metros und Straßenbahnen waren ebenfalls in vielen Momenten ohne ernsthaften Check zugänglich.

Und selbst im inneren Sicherheitsbereich der Stadien entdeckten aufmerksame Besucher immer wieder Lücken im System. Hierher kamen nur Zuschauer mit Ticket oder Leute mit offizieller UEFA-Akkreditierung. Die Zuschauer wurden abgetastet, Taschen durchsucht, Journalisten und andere akkreditierte Besucher mussten einen Metalldetektor passieren, das Gepäck wurde wie am Flughafen durchleuchtet. Aber schon nach wenigen Tagen wurden die Sicherheitskräfte nachlässiger. An diversen Spielorten raunten sich Reporter Geschichten zu, wie sie über unbewachte Wege aus Parkhäusern oder Lücken in Bauzäunen ins Stadion gelangen konnten, ohne eine Sicherheitsschleuse zu passieren.

Beruhigend waren solche Berichte nicht, aber es wird diese Geschichten auch bei den kommenden Turnieren geben. Im Verlauf eines derart komplexen Events passieren Fehler. Es ist eine naive Utopie zu glauben, dass ein Stadion, das in eine vorhandene Infrastruktur, in städtische Topographien eingebettet ist, über Wochen 24 Stunden am Tag zu überwacht werden kann. Einige Ultras vom Balkan haben das erkannt und die Lücken im System für eine zweifelhafte Protestaktion genutzt.

Nach der Partie zwischen Kroatien und Tschechien tauchten Lagepläne der Arena von Toulouse auf, denen zu entnehmen war, wie sich Pyrotechnik auf die Tribüne schmuggeln lässt. Als aus Wut über den kroatischen Fußballverband zahlreiche Bengalos gezündet werden, musste das Spiel für einige Minuten unterbrochen werden. Es wurde auf Sicherheitsfirmen, die Uefa und die Polizei geschimpft, man kann aber auch einfach froh sein, dass es keine Terroristen waren, die die Überwachung unterlaufen haben. Es war ein Moment, der zeigt, dass sich kriminelle Energie auch von gewissenhaft arbeitenden Sicherheitskräften kaum aufhalten lässt. Klare Fehler passierten aber trotzdem.

Hooligans Die Reaktion der Polizei auf gewalttätige Hooligans war ein Desaster (siehe auch Text unten). "Die Beamten schritten, wenn es Vorfälle gab, überhaupt nicht oder sehr spät ein", sagt Daniela Wurbs in einem Kicker-Interview. Wurbs ist Sprecherin der "Football Supporters Europe", die im Auftrag der UEFA die Fanbetreuung organisiert. Sie kritisiert die mangelnde Bereitschaft der französischen Polizei zur internationalen Kooperation. Verglichen mit der in Deutschland als Sommermärchen verklärten WM von 2006 ist trotzdem wenig passiert. Vor zehn Jahren gab es schwere Ausschreitungen in Dortmund, Köln und Hamburg, 9.000 Menschen wurden in Gewahrsam genommen, 875 Menschen wurden verletzt. Die Bilanz der EM 2016 führt 1.550 Störer an, die von der Polizei aus dem Verkehr gezogen wurden und rund 100 Verletzte.

Wirklich neu ist, dass die Anwesenheit der behelmten Sicherheitsleute mit Gewehr vor der Brust, die im Bundesliga-Alltag häufig provokant wirkt, bei diesem Turnier von vielen Zuschauern als angenehm empfunden wurde. "Wenn man hier Polizei sieht, die zum Beispiel bewaffnet ist, dann hat das eine ganz andere Wirkung, als in anderen Situationen, weil man ja auch geschützt sein möchte", sagt Volker Goll von der Koordinationsstelle Fanprojekte, der den deutschen Anhang durchs Turnier begleitet hat. Irgendwann gewöhnte man sich sogar an die Wege durch die Schussfelder der Scharfschützen, das subjektive Gefühl zu so einem Turnier und seinen Gefahren ist ja - wie fast immer wenn es um Ängste geht - ein fließendes Phänomen. Die Vorberichterstattung und die ersten Tage der Turniere waren traditionell durchsetzt von Schreckensmeldungen und Horrorszenarien, dann traten die Emotionen des sportlichen Geschehens in den Vordergrund.

Angel Maria Villar Llona, der die EM als Übergangschef des derzeit führungslosen europäischen Fußballverbandes UEFA begleitete, verkündet in seiner Bilanz: "Die französische Polizei und die Militärs haben fantastisch gearbeitet und die Sicherheit von Millionen Fans aus ganz Europa garantiert." Auch Frankreichs Präsident François Hollande feierte das Turnier als "Sieg für Frankreich" Nicht sportlich, "Les Bleus" verlor das Finale, aber im Kampf gegen den Terror.

Es ist aber ein fragiler Sieg, wie nur wenige Tage nach dem EM-Finale der Anschlag in Nizza offenbaren wird. Mindestens 84 Tote und Dutzende Verletzte sind die erschreckende Bilanz der Amokfahrt mit einem Lastwagen am französischen Nationalfeiertag. Die Terrororganisation "Islamischer Staat" bekennt sich zu dem Anschlag, auch wenn unklar ist, ob überhaupt eine Verbindung zwischen dem mutmaßlichen Täter und der Organisation besteht. Die französische Nationalversammlung verlängerte den Ausnahmezustand, der eigentlich Ende Juli - nach EM und "Tour de France" - enden sollte, vergangene Woche um weitere sechs Monate. Der Ausnahmezustand war nach den Anschlägen von Paris im November 2015 verhängt worden.

Der Autor ist freier Journalist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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