Inhalt

FUSSBALL UND GEWALT
Mirjam Rüscher
Auf der Suche nach dem ultimativen Lustgewinn

Hooligans geht es nicht mehr ums Spiel, es geht ihnen um den Kick. Die Schläger kommen aus allen Gesellschaftsschichten

Blutüberströmte Gesichter, Massenschlägereien, Randale - während der Europameisterschaft haben Hooligans den Hafen und den Marktplatz von Marseille in Kampfschauplätze verwandelt (siehe Text oben). Die Szenen waren erschreckend, aber überraschend waren sie für Experten wie Gunter A. Pilz nicht. Die Gewaltausbrüche seien absehbar gewesen, sagt der Soziologe und Fanforscher. "Die Hooligans haben sich im Vorfeld intensiv ausgetauscht. Nicht ohne Grund sind Spiele wie das zwischen England und Russland als Hochrisikospiele eingestuft worden." Auch abseits internationaler Turniere sind Szenen von verfeindeten Fangruppen, von Hooligans, die provozieren und sich Gefechte untereinander und mit der Polizei liefern, am Rande von Fußballspielen immer wieder zu erleben. Die Szene glorifiziert ihre Taten. Videos von Auseinandersetzungen werden in Sozialen Netzwerken geteilt. Eigene Kodizes und Regelsätze sollen dem Gewaltrausch den Schein von Ordnung verleihen.

Wer sind diese Menschen, die sich da prügeln, was treibt sie an? Hooligans - das sind meistens Männer zwischen 18 und 35 Jahren, denen es schlicht um die Gewalt geht. Sie ist längst zum Selbstzweck geworden. Anders als bei den sogenannten Ultras, die Pilz als vereinsorientiert und überwiegend friedlich beschreibt, spiele der Fußball für die Hooligans keine Rolle mehr. In anonymen Interviews berichten Hooligans vom besonderen Reiz, dem Kick, wenn sie sich zum Pöbeln und Saufen verabreden und bewusst die Auseinandersetzung suchen. "Rennen, Jagen, Schlagen - das gehört zur Lustoptimierung. Für die Hooligans schafft dieses Gefühl sonst nichts, keine Droge und auch keine Frau", sagt Pilz. Die Gewalttätigkeit in der Masse, als Teil eines Kollektivs, wird für viele zum ultimativen Lustgewinn.

Arbeitslose und Anwälte Hooligans stammen nicht nur aus einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Unter ihnen sind alle vertreten, vom abgehängten Arbeitslosen bis zum erfolgreichen Anwalt, vom Einzelgänger bis zum Familienvater. Die Motive, sich der Szene zuzuwenden, sind jedoch unterschiedlich. So hat Fanforscher Pilz zwei verschiedene Gruppen ausgemacht: "Die Prolos haben eine niedrige Bildung und geringe Zukunftsperspektiven. Sie verschaffen sich in Gruppen über die Gewalt ein positives Selbstwertgefühl. Die Akademiker stammen aus höheren Bildungsschichten, sie sind auf der Suche nach dem letzten Kick und nutzen die Gewalt als Abenteuer."

Dass dieses Phänomen ausgerechnet im Fußball zu beobachten ist, hat einen guten Grund. "Die Bühne, auf der sich die Hooligans hier präsentieren können, ist riesig. Fußball ist die Sportart Nummer eins", sagt Pilz. Die Stadien sind vielleicht die letzten öffentlichen Bastionen, in denen Emotionen frei ausgelebt werden können. Da dürfen auch Männer mal weinen, sich umarmen und hemmungslos feiern. Sie fiebern mit der Mannschaft, schimpfen auf den Schiedsrichter und streiten sich mit gegnerischen Fans.

Dieser Fußball mit all seinen Emotionen bietet Hooligans die perfekte Fläche. Getarnt unter dem Deckmantel des Sports können sie ihre Gewaltfantasien ausleben. Wut und Aggressionen werden im Alltag häufig unterdrückt, auch weil es oft an einem Schuldigen fehlt. Wer ist verantwortlich für die eigene Unzufriedenheit oder die Ungerechtigkeit, die einem widerfährt? Im Fußball, so Pilz, brächen diese Emotionen hervor, hier ist die Lage eindeutig. "Es sind enge Räume mit klaren Abgrenzungen und Feindbildern - es gibt ein 'wir und die anderen'", sagt Pilz. Gleichzeitig lässt sich die Unzufriedenheit über das eigene Leben im Stadion leicht vergessen. Der Frust über die Arbeitslosigkeit oder den Job, die gescheiterte Beziehung, die Bevorzugung von Kollegen oder die Benachteiligung aufgrund der Herkunft - beim Fußball zählt das alles nicht mehr "Es ist ein dankbares Feld, um Selbstwertgefühl aufzubauen und Bestätigung zu erhalten", erklärt der Fanforscher.

Brennglas der Gesellschaft Doch Gewalt rund um den Fußballplatz ist nicht nur Ausdruck individueller Lust an der Prügelei. Konflikte zwischen Nationalitäten, gesellschaftliche Spannung, all das kommt im Fußball zum Vorschein (siehe Seite 12). In dem Sport würden heute immer mehr weltpolitische Konflikte ausgetragen beziehungsweise dort hineingetragen, sagt Pilz. Eine Partie zwischen Albanien und Serbien oder der Ukraine und Russland habe dann natürlich eine gewisse Brisanz. Auch zwischen den Spielern kann es da zu Konflikten kommen. Für Spieler wie Fans geht es um viel: Sieg oder Niederlage, Ansehen, Stolz, den Klub, das Land. "Bei der Gewalt im Fußball handelt es sich nicht nur um einen Spiegel der Gesellschaft, sondern um ein Brennglas", betont der Soziologe. Die Problemlagen in der Gesellschaft würden hier verstärkt. Die Gewalt könne niemals losgelöst von der Gesellschaft betrachtet werden. "Je mehr Konflikte und Anspannungen es gibt, desto mehr kommt es zu gewalttätigen Szenen im Fußball."

Immerhin: Verglichen mit den Hochzeiten der Hooligans in den 1980er und 1990er Jahren sei die Gewalt grundsätzlich weniger geworden, stellt Pilz fest. Darüber hinaus hätten sich die Auseinandersetzungen durch die zahlreichen Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien in ferne Bereiche verlagert. "Dennoch", betont Pilz, "haben die Ereignisse in Frankreich gezeigt, dass die Gewalt zurück ist."

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag