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EXTREMISMUS
Pavel Brunßen
Kampf in der Kurve

Neonazis und rechte Hooligans sind Alltag in den Fußballstadien und einigen Clubs. Im Umgang mit ihnen tun sich viele Vereine schwer

Ein letztes Mal knoten die "Aachen Ultras" an diesem sonnigen Nachmittag des 12. Januar 2013 ihr Banner an den Zaun des Gästeblocks. Hunderte bunte Luftballons werden in die Luft gestreckt, Gesänge schallen auf den Platz. Doch mit zunehmender Spieldauer sinken die Köpfe der Ultras langsam nach unten, nach und nach rollen sie die Fahnen ein, die Gesänge verstummen.

Die "Aachen Ultras" werden nach diesem Spiel nicht mehr gemeinsam ins Stadion gehen. Mehr als ein Jahr lang sind die Jugendlichen immer wieder angegriffen worden, im Stadion und in der Stadt. Selbst in ihren Privatwohnungen wurden sie überfallen - von einer "Allianz der alten Werte", rechten Hooligans, rechtsaffinen Ultras des eigenen Vereins und Mitgliedern der inzwischen verbotenen "Kameradschaft Aachener Land". Warum? Weil sie sich gegen Neonazis und Diskriminierung engagierten.

Alemannia Aachen hat das Pokalspiel bei Fortuna Köln zwar gewonnen, doch gleichzeitig ihre wohl wichtigste Fangruppe verloren. Die Ultras gaben auf, aus Angst zogen sie sich aus dem Stadion zurück. Die Rechten haben gewonnen.

Konflikte wie diese schwelen in der ganzen Republik an etwa 20 Standorten - zwischen vermeintlich harmlosen Pöbeleien, der Androhung von Gewalt bis hin zu Angriffen im Stadion, in der Stadt, in den Wohnungen der Betroffenen. Im Juni 2013, sechs Monate nachdem die "Aachen Ultras" aufgegeben haben, veröffentlichte die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Band "Kategorie C" - benannt nach der polizeilichen Einordnung für gewaltsuchende Fans - ein Video auf YouTube. In diesem loben sie das "Heraustreiben der Antifa-Schweine" aus dem Stadion und fordern: "Das sollte auch überall mal passieren!". Die Konzerte der Band gelten als wichtige Treffpunkte für rechte Hooligans, Neonazis und rechtsaffine Jugendliche.

Von Hooligans dominiert In den 1980er-Jahren wurden die Kurven von Hooligan-Gruppen dominiert (siehe Beitrag auf Seite 11 unten). Einige beschränkten sich auf Auseinandersetzungen mit anderen Hools, andere verfolgten explizit politische Interessen. Ende der 1990er-Jahre rückten die Hooligans in den Hintergrund. Die ersten Ultragruppen gründeten sich, um Kurvenshows zu organisieren und die Stimmung zu verbessern. Heute findet in den oberen Ligen des Männerfußballs kein Spiel mehr ohne sie statt. Sie sind der sichtbarste und aktivste Part auf den Tribünen. An vielen Standorten tragen sie dafür Sorge, dass rassistische Gesänge nicht mehr zu hören sind. Mit ihrer häufig nicht-rassistischen bis antirassistischen Positionierung forderten sie die alten Hooligangruppen heraus. Sie kehrten in die Stadien zurück, nicht nur in Aachen.

Eine Spirale der rechten Gewalt hatte sich in den Stadien schon zuvor in Gang gesetzt: 2007 attackierten rechte Hooligans eine Feier antirassistischer Ultras in Bremen. 2008 zwangen Hooligans von Rot-Weiß Essen die gerade neugegründete Ultragruppe "Banda Confusa" zur Auflösung. 2013 gab es Angriffe unter anderem auf zivilcouragierte Ultras in Braunschweig, Duisburg und Düsseldorf.

Die Liste der Vorfälle zeigt: Neonazis im Fußball sind kein reines Ost-Problem, auch wenn Fanszenen wie die vom Halleschen FC, Lok Leipzig oder Dynamo Dresden immer wieder für Schlagzeilen sorgen. Und das auch abseits des Fußballs, im Umfeld der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida). Hier ist eine Arbeitsteilung zu beobachten: Auf der Bühne reden eher unvorbelastete Personen, während rund um die Kundgebung Hooligans als inoffizielle Ordner fungieren. In Leipzig wurde das Zusammenspiel von Agitation und Aggression noch deutlicher. Während im Januar eine Legida-Kundgebung in der Leipziger Innenstadt stattfand, an der mehr als 3.000 Personen teilnahmen, randalierten rund 250 rechte Hooligans und Neonazis in dem linksalternativ geprägten Leipziger Stadtteil Connewitz. Dass rechte Hooligans und Neonazis sich vernetzen, ist kein neues Phänomen. Gemeinsame Werte wie Männlichkeit, das Recht des Stärkeren und Gewalt stellen Bezugspunkte her, auch wenn nicht alle Hooligans rechts sind. 1983 antwortete der Anführer der "Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationaler Aktivisten" Michael Kühnen, auf die Frage, wo er Nachwuchs rekrutieren würde: Zuerst "unter Skinheads und Fußballfans, die uns sehr helfen, aber politisch noch nicht ganz zu uns gehören." In einem Rundbrief rief er zum "Kampf um die Stadionkurve" auf. Ereignisse wie bei der Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich, als deutsche Hooligans in der Innenstadt von Lille gleich mehrmals eine Reichskriegsflagge zeigten und Parolen wie "Wir sind wieder einmarschiert" riefen, sind somit weder überraschend noch Einzelfälle. Die "Erfolge" aus Aachen, bei Pegida oder auch die Demonstration der "Hooligans gegen Salafisten" aus dem Oktober 2014, bei der etwa 5.000 Personen, vor allem aus dem Neonazi- und Hooligan-Milieu demonstrierten, gaben ihnen Auftrieb. Rechte Hooligans und Neonazis führen aber nicht nur den "Kampf um die Kurven" oder den "Kampf um die Straße". Immer wieder werden auch Einflussversuche auf Sportvereine bekannt: Neonazis engagieren sich als ehrenamtliche Jugendtrainer, Schiedsrichter oder gründen gleich einen eigenen Sportverein - wie den FC Ostelbien Dornburg. Der Fußballclub wurde 2011 gegründet, spielte bis zum Ausschluss aus dem Fußballverband 2015 in der Kreisliga Süd und sorgte immer wieder mit Rassismus und Gewalt gegen andere Spieler oder die Schiedsrichter für Schlagzeilen. Diese wollten teilweise gar nicht mehr auflaufen, wenn Ostelbien spielte. Trotz der offen rechten Gewalt dauerte es fast vier Jahre, bis der Verein aus dem Fußballverband Sachsen-Anhalt ausgeschlossen wurde.

Auch auf die Angriffe in den Kurven fallen die Reaktion sehr unterschiedlich aus. Die "Aachen Ultras" kritisierten den Verein, das sozialpädagogische Fanprojekt und die Lokalpolitik scharf. Sie hätten sie in ihrem Engagement gegen Neonazis nicht ausreichend unterstützt. In Braunschweig reagierte der Verein zwar sofort nach einem Angriff rechter Hooligans gegen die antirassistischen "Ultras Braunschweig". Aber er verbot nicht den rechten Hooligans, sondern den Ultras das Auftreten im Stadion. "Wir haben die Gruppe bestraft, die provoziert hat", erklärte Sebastian Ebel, Präsident des Vereins.

Maßnahmen zur Prävention Die Liste der Akteure, die eingreifen können, ist lang: Es gibt die Fans, die auf Spruchbändern, in Fanzines oder im direkten Kontakt in der Kurve Position gegen Rechtsextremismus beziehen können. Es gibt die sozialpädagogischen Fanprojekte, die Vereine und Verbände, die Polizei und den Ordnungsdienst sowie die Politik und die Zivilgesellschaft. Wie all diese Akteure in die Rechtsextremismusprävention eingebunden sein können, zeigt das Beispiel Werder Bremen.

2007 überfielen rechte Hooligans eine Feier antirassistischer Ultras in den Räumen des sozialpädagogischen "Stand up", bestehend aus dem Fanprojekt, der DGB-Jugend und verschiedenen Jugendhäusern, im März 2008 eine Arbeitsgruppe gegen Diskriminierung. Doch der Verein sah zunächst kein Problem mit Rechtsextremen. Statt die rechten Hooligans zu sanktionieren, schlug er den Ultras einen "runden Tisch" mit den Neonazis vor. Das lehnten die Ultras ab. Erst nachdem die Lokalzeitung, der "Weser Kurier", eine Sonderseite veröffentlicht hatte, positionierte sich der Verein. Werder verbot rechte Symbole, die Antidiskriminierungs-AG führte Schulungen mit dem Ordnungsdienst zu rechten Symbolen und Codes durch. Die Parteien Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen brachten das Thema "Rechtsextremismus bei Werder Bremen" mit mehreren Anfragen in die Lokalpolitik ein. Gemeinsam wurden die Hooligans aus dem Stadionumfeld zurückgedrängt. Doch das Problem endet nicht am Stadiontor. Wo es Probleme mit Neonazis im Stadion gibt, gibt es sie auch in der Stadt und umgekehrt. Vernetzungen von den Akteuren des Sports mit denen der Stadt, wie in der Antidiskriminierungs-AG können helfen, das Problem nachhaltig anzugehen.

Rechte Hooligans sind gut vernetzt und weisen personelle wie ideologische Überschneidungen ins extrem rechte Milieu auf.

Auf den Sportplätzen kann dies bedeuten, dass es zu Übergriffen wie im Fall des FC Ostelbien Dornburg kommt. Auf den Rängen stellen rechte Hooligans vor allem eine Gefahr für diejenigen Fangruppen dar, die sich für ein Stadionerlebnis ohne Diskriminierung einsetzen. Im schlimmsten Fall, treten Sportvereine aus Angst nicht mehr an, Schiedsrichter wollen die Spiele nicht mehr leiten und Ultras geben aus Angst um ihre Gesundheit auf. Zwar gibt es viel positives Engagement im und rund um den Sport. Doch Vereine, Verbände und Politik müssen aufpassen, dass es kein zweites Aachen gibt. Die rechten Hooligans arbeiten daran.

Der Autor ist Chefredakteur des Sport-Magazins "Transparent"

Aus Politik und Zeitgeschichte

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