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TV-RECHTE
Alexander Heinrich
Wettlauf um Lizenzen

ARD und ZDF wollen von den Spielen in Rio so viel wie nie zuvor senden. Ab 2018 müssen sie um die Übertragung bangen

Die Kritik des Welt- und Europameisters fällt deutlich aus: "Schwer akzeptabel" sei die Vorrunde dieser Fußball-EM gewesen, "unansehnlich, wenig interessant, geschweige denn spektakulär", schimpfte Günter Netzer über das diesjährige Fußballturnier in Frankreich und führte das auf den neuen Modus mit 24 Mannschaften zurück, der "keine gute Idee" gewesen sei. Aus Sicht des Turnierausrichters, des europäischen Fußballverbandes UEFA, war die EM 2016 hingegen ein Riesenerfolg, zumindest finanziell. Nach vorläufigen UEFA-Schätzungen haben sich die Einnahmen aus TV-Übertragungen, Sponsoring und Eintrittskartenverkauf auf mehr als 1,9 Milliarden Euro belaufen, der Gewinn unterm Strich auf rund 830 Millionen Euro - eine Steigerung von rund einem Drittel gegenüber dem Turnier 2012. Das Kalkül dürfte also aufgegangen sein: Mehr Mannschaften im Turnier - das bedeutet mehr TV-Übertragungen bei höheren Einschaltquoten in den beteiligten Nationen und nicht zuletzt mehr Einnahmen beim Sponsoring.

Schlüsselrolle Sportliche Großveranstaltungen, ob nun eine Fußball-EM oder die Olympischen Spiele, sind ein Milliardengeschäft. Den TV-Übertragungsrechten kommt dabei die Schlüsselrolle zu. Seit 1960 verkauft das Internationale Olympische Komitee (IOC) TV-Übertragungsrechte, 1985 zog es die Vermarktung und das Sponsoring an sich. Insbesondere in den vergangenen Jahren sind die Einnahmen deutlich gestiegen - je mehr Sendestunden über den Äther laufen, desto vernehmlicher klingeln die Kassen (siehe Grafik unten). Aus der Binnenlogik des IOC ist es deshalb plausibel, auch das komplette Übertragungsgeschäft an sich ziehen zu wollen. So gilt die Gründung eines olympischen TV- und Digitalkanals als eines der Lieblingsprojekte von IOC-Präsident Thomas Bach.

Öffentlich-rechtlichen Anstalten wie ARD und ZDF, über Jahre exklusive Olympia-Sender, haben im vergangenen Jahr bereits erfahren müssen, wie der Wind sich dreht: Einigermaßen überraschend hatte das IOC die Übertragungsrechte für Europa für sämtliche Spiele in der Zeit zwischen 2018 und 2024 an den US-Medienkonzern Discovery verkauft. Für 1,3 Milliarden Euro erhält das Unternehmen die Rechte für alle Bildschirmformate, für kostenlose als auch kostenpflichtige Programme in den meisten europäischen Ländern. In Deutschland dürfte dann ein Großteil der Bewegtbilder über den Discovery-Ableger "Eurosport" laufen. Um überhaupt mit übertragen zu können, müssen ARD und ZDF Sublizenzen aushandeln. Die Gespräche dazu gestalten sich aber offenbar schwierig: Ende Juni berichtete "manager-magazin.de", dass ARD- und ZDF für Sub-Lizenzen der Winterspiele 2018 in Pyeongchang in Südkorea und der Sommerspiele 2020 in Tokio höchstens 100 Millionen Euro zu zahlen bereit seien, Discovery hingegen mindestens 150 Millionen Euro verlangen soll. Inzwischen hat das US-Unternehmen Verträge über Sublizenzen mit einigen Öfeentlich-Rechtlichen abgeschlossen, darunter in Österreich mit dem ORF, in der Schweiz mit SRG und in Großbritannien mit der BBC.

Peter Hutton, Geschäftsführer bei "Eurosport", hatte Anfang des Jahres selbstbewusst erklärt, Discovery wolle einen "Teil der Exklusivität für unsere eigenen Kanäle" behalten. Das Unternehmen müsse "nicht unbedingt sublizensieren, wir haben eigene Free-TV-Kanäle". Allerdings erreichte beispielsweise "Eurosport" 2015 nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung in Deutschland einen Marktanteil von 0,7 Prozent im Tagesdurchschnitt. ARD und ZDF könnten demgegenüber nicht nur mit ihrer langjährigen Übertragungserfahrung punkten, sondern auch auf deutlich höheren Marktanteile verweisen.

Sende-Rekord Bei den Olympischen Spielen in Rio bleibt hingegen noch alles beim Alten: Beide Sender wollen an den 19 Übertragungstagen im Wechsel von den Spielen sogar mehr berichten als je zuvor. Der Sendeablauf sieht Übertragungen jeweils von den Mittags- bis in die frühen Morgenstunden vor. Im Ersten moderieren Alexander Bommes und Gerhard Delling die Live-Übertragungen, beim Zweiten übernehmen Rudi Cerne, Katrin Müller-Hohenstein und Sven Voss. Rund 325 Stunden sollen live über den TV-Bildschirm gehen - in London waren es vor vier Jahren noch 260 Stunden. Hinzu kommen nach ARD- und ZDF-Angaben sechs teils kommentierte Livestreams für den Empfang über Computer, Smartphone oder Smart-TV (1.000 Stunden) sowie insgesamt 40 Stunden Olympia-Zusammenfassungen.

"Es ist das letzte Mal, dass wir die Rechte in diesem Umfang haben", sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey im Mai dieses Jahres. Ein solch umfangreiches Programm würden die Sender ab 2018 auch dann nicht zeigen können, wenn es überhaupt zu einer Einigung mit Discovery kommen sollte. Bei der ARD gibt man sich dennoch optimistisch: "Wir reisen mit der klaren Haltung nach Rio, dort zu zeigen, was wir können und draufhaben", sagt ARD-Olympia-Teamchef Gerd Gottlob. "Dass wir mit Blick auf die nächsten Olympischen Spiele derzeit keine Übertragungsrechte haben, führt jedenfalls nicht dazu, in unserer Leistung nachzulassen - das spornt eher an."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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