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Gastkommentare - Pro
Christian Schlesiger, "Wirtschaftswoche"
Zu Ende denken

KLIMASCHUTZ ohne Atomkraft?

Es klingt widersprüchlich. Obwohl Deutschland jedes Jahr mehr Strom aus regenerativen Quellen erzeugt, verharrt der Kohlendioxid-Ausstoß seit fünf Jahren auf gleich hohem Niveau. Braucht der Klimaschutz also doch CO2-freie Atomkraft, um die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen? Nix da. Klimaschutz geht auch ohne Kernkraft. Allerdings muss die Politik die Energiewende konsequent zu Ende denken. Es reicht nicht aus, die Stromproduktion auf grün umzustellen, den Verbrauch aber zu ignorieren. 20 Prozent der CO2-Emissionen entfallen auf den Autoverkehr, 30 Prozent entstehen beim Heizen. Die Bundesregierung kann in beiden Bereichen mehr tun: etwa die Ladeinfrastruktur für Elektromobile schneller ausbauen, ökologische Mobilitätskonzepte wie Ride-Sharing in Städten mit Elektroautos fördern und die Forschungsintensität erhöhen. Auch die Eisenbahn kommt zu kurz. Ein Güterzug ersetzt 45 Lastwagen! Doch ökologischer Schienenverkehr genießt in der Bundesregierung keine Priorität. Im Wohnungsbau könnte sie die Umrüstung von 17 Millionen Heizungen steuerlich fördern. Die Investitionskosten würden sich für die Eigentümer sogar schnell amortisieren.

Klar ist natürlich auch: Allein durch die Umstellung des Autoverkehrs von fossilen Brennstoffen auf Elektroantrieb nimmt der Strombedarf zu. Umso wichtiger ist, dass der Strom aus der Steckdose nicht aus klimaschädlichen Kohlekraftwerken stammt. Um Strom bezahlbar zu halten, hat die Bundesregierung die Förderung des Öko-Stroms auf Ausschreibungen umgestellt. Das ist richtig. Jetzt muss der Bau der Stromautobahnen konsequent voran schreiten. Sonst verkümmert Grün-Strom irgendwo auf dem Weg zum Verbraucher - und damit auch der Klimaschutz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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