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Atomare Altlasten
Moritz Leuenberger
Die Ethik des Planens

Unsere Generation steht in der Verantwortung, das Problem zu lösen

Demnächst werden die Städte im Pferdemist ersticken! Das war vor 200 Jahren angesichts des raschen Verkehrswachstums die große Sorge. Dank der Erfindung der städtischen Straßenbahnen konnte die Katastrophe abgewendet werden. Dafür entbrannte eine heftige Diskussion über die gesundheitlichen Schäden, welche die unnatürliche Geschwindigkeit der Eisenbahnen von über 35 Kilometern in der Stunde verursache. Schon damals zeigte sich, wie wenig wir die gesellschaftliche und technologische Entwicklung kalkulieren können.

Meist ahnen wir die späteren Erkenntnisse über die Folgen von Technologien gar nicht, von denen wir in der ersten Euphorie so überzeugt sind. Das Insektizid DDT, Röntgenstrahlen oder Asbest waren einst Technologien der Hoffnung. Was die Abholzung der Wälder in Istrien und Dalmatien für Konsequenzen haben sollten, sah offenbar auch niemand voraus.

Die Auswirkungen der Atomkraft und ihrer Hinterlassenschaften oder auch der Klimaerwärmung kennen wir jedoch sehr wohl. Wir können uns nicht hinter Unwissenheit verstecken. Atommeiler und nukleare Abfälle strahlen Jahrtausende vor sich hin und bilden eine Gefahr für alle Organismen. Hochradioaktive Abfälle müssen eine Million Jahre sicher gelagert werden. Die Rückholbarkeit soll für Hunderte Jahre garantiert werden. Diese Zeiträume kann sich kein Mensch vorstellen. Je länger der planerische Zeithorizont, desto schwieriger wird die Voraussehbarkeit.

Lange Zeiträume Was für Verhältnisse werden in 100, 1.000 oder 10.000 Jahren wohl herrschen? Wie können wir überhaupt mit den Generationen, die in ferner Zukunft leben werden, kommunizieren? Es gibt ganze Bibliotheken über dieses Thema. Auf einer Dissertation dazu findet sich auf der ersten Umschlagseite ein Hinweis der Druckerei, der das Problem auf den Punkt bringt: "Die Tinte dieser Arbeit wird bei optimalen Bedingungen etwa 200 Jahre lang lesbar sein."Auf Tausende oder gar eine Million Jahre planen zu wollen, ist absurd und vermessen. Die schiere Unmöglichkeit, derart langfristig zu planen, bedeutet, dass statt der zeitlichen Voraussehbarkeit die ethische Dimension des Planens im Fokus stehen muss.

Unser Gewissen verliert an Schärfe und unsere Solidarität wird schwächer, je weiter entfernt die Wirkungen unseres Handelns sind. Mit der Distanz schwindet auch die Verantwortung.

Das gilt für die räumliche Distanz: Das Mitleid mit einem Menschen, dem wir in die Augen sehen, ist größer als dasjenige mit Menschen in Syrien oder Flüchtlingen in den Lagern in der Türkei oder im Libanon. Dasselbe gilt für die zeitliche Distanz: "Nach uns die Sintflut" ist nur die krasseste Zuspitzung einer an und für sich ganz natürlichen Erlahmung der Vorstellungskraft auf unvorstellbare Zeiträume hinaus. Wir planen für unsere Kinder und Enkel. Sie kennen wir. Zu ihnen haben wir einen Bezug. Den Menschen in 1.000 oder mehr Jahren fühlen wir uns weit weniger verpflichtet.

Das gilt besonders für unsere demokratischen Gesellschaften, die sich der Selbstverwirklichung des Individuums verpflichten. Die Individualisierung steht in einem Gegensatz zu Solidarität.

Generationengemeinschaft Deswegen müssen wir uns umso deutlicher in Erinnerung rufen: Die Menschen bilden eine Gemeinschaft von Generationen, wo jede für die andere verantwortlich ist. Auch wir verdanken unser Leben den Vorfahren. Wir müssen künftigen Generationen die Erde so hinterlassen, dass sie ihr eigenes Leben und ihre eigene Freiheit so leben können, wie wir es können.

Diese Grundsätze verpflichten unser Handeln. Sie verbieten Veränderungen an der Natur, wenn sie nicht rückgängig gemacht werden können, etwa die Ausrottung einzelner Tierarten. Wir haben zudem nicht das Recht, Probleme zu hinterlassen, die wir selber nicht lösen können und die wir für uns als unzumutbar betrachten. Es ist ein irreversibler Eingriff, wenn wir auf der Erde Abfälle hinterlassen, die nach unserem eigenen Wissensstand gar nicht entsorgt werden können, weil sie entweder niemand in seiner Nähe haben will oder weil wir das technische Wissen zur Entsorgung nicht haben. Wir können uns nicht mit der Vermutung begnügen, spätere Generationen fänden dann schon eine Lösung. Wenn unser heutiges Wissen dazu nicht in der Lage ist, müssen wir jede Technik unterlassen, die solche Abfälle produziert. Wir selber müssen diesen Abfall beseitigen und, wenn wir es nicht können, dann haben wir kein Recht, ihn anzuhäufen. Unser Lebensstil darf die kommenden Generationen nicht zwingen, Gefahren, die wir hinterlassen haben, unter Kontrolle zu halten und zu beseitigen.

Seit Jahrzehnten hören wir in den Debatten zur Kernkraft dieselbe alte Leier: "Es ist nicht nachgewiesen, dass die Strahlung der nuklearen Abfälle Schäden über Generationen bewirken kann." Diese Argumentation soll unser Gewissen beruhigen. Sie ist aber falsch.

Es muss gerade umgekehrt gefragt werden: "Können wir nachweisen, dass unsere Handlungen keine unwiderruflichen Schäden anrichten?" Im Zweifel muss der Mensch sich für seine Nachkommen entscheiden und von Eingriffen absehen.

Das gilt insbesondere für hoch riskante Technologien. Gewiss, jede Infrastruktur ist mit Risiken verbunden, auch Eisenbahn und Staudämme. Das ist solange legitim, als künftige Generationen, die diese Risiken nicht akzeptieren wollen, sie dann wieder abbauen können. Wir wissen um die statistische Anzahl Verletzter oder Toter im Straßenverkehr und unsere Gesellschaft akzeptiert diese Zahl mehrheitlich. Will eine künftige Generation dies nicht, kann sie das ohne weiteres ändern, so wie wir es auch heute schon ändern könnten, wenn wir wollten. Aber es kann nicht angehen, ein Risiko auf Kosten von Menschen zu schaffen, die sich gar nicht dazu äußern können, weil sie noch nicht geboren sind. Dies ist umso verwerflicher, wenn wir die Technologien zur Bewältigung unserer Gefahren selber gar nicht kennen.

Aber genau das ist bei der Kernkraft der Fall. Da hilft es auch nichts, wenn in statistischen Studien die Wahrscheinlichkeit eines schweren Atomunfalls über mehrere 1.000 Jahre kalkuliert wird. Das ist verharmlosende Augenwischerei. Solche Studien suggerieren zunächst, ein denkbarer Unfall erfolge erst in ferner Zukunft und sei nicht schon morgen möglich. Fukushima und Tschernobyl belehren uns eines Besseren. Und selbst wenn der nächste schwere Unfall tatsächlich erst in 1000 oder mehr Jahren eintreten sollte: Wie ist es denn ethisch vertretbar, ein Risiko, das wir für uns nicht eingehen wollen, dieser künftigen Generation zuzumuten?

Daraus folgt zwingend der Ausstieg aus der Atomkraft. Weil wir ihre Folgen nicht bewältigen und beseitigen können, dürfen wir sie nicht produzieren. Gleiches gilt im Übrigen für den Klimawandel, dessen gewaltige Folgen wir ebenfalls zu verantworten haben. Die Abkehr vom Öl muss daher die Konsequenz sein.

Problem nicht abschieben Diese Erkenntnis ist allerdings nur ein Teil unserer Verantwortung. Mit dem Ausstieg aus der Atomkraft ist es nicht getan. Wir haben die Abfälle produziert und es haben selbst die davon profitiert, welche die Kernkraft bekämpft haben. Auch sie haben also kein Recht, die Entsorgung nur gerade nach dem Sankt-Floriansprinzip zu diskutieren oder sie gar grundsätzlich zu sabotieren. So wird die Lösung des Problems zulasten anderer verschoben, sei es räumlich, sei es zeitlich. Die real existierenden Abfälle haben wir jetzt und hier zu entsorgen. Jetzt: Unsere Generation hat dafür eine Lösung zu finden und kann sie nicht verschieben. Hier: Wir müssen die Lösung bei uns selber verwirklichen und können sie nicht in Staaten oder Kontinente abschieben, wo die Sicherheit, die wir für uns verlangen, nicht eingehalten wird. Falls tatsächlich Abfälle anderswo als bei uns selber gelagert werden sollten, müssten alle Kriterien erfüllt sein, die wir bei uns als nötig erachten, wie etwa die geologischen Anforderungen oder die spätere Rückholbarkeit durch andere Generationen, welche zu besseren Erkenntnissen kommen könnten.

Es gilt gegenüber unseren Nachbarn auf der ganzen Welt und es gilt gegenüber allen Nachfahren in einer späteren Welt: Wir dürfen ihnen nur das zumuten, was auch wir akzeptieren würden.

Der Autor war Schweizerischer Bundesrat (Bundesminister für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation) von 1995 bis 2010 und Bundespräsident in den Jahren 2001 und 2006.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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