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Gastkommentare - Pro
Daniel Goffart, "Focus"
Giftiger Verdacht

Zerfrisst uns das Misstrauen?

Es fällt schwer, Zuversicht zu zeigen, wenn alle Umfragen beweisen, wie tief sich das Misstrauen bereits in unsere Gesellschaft hineingefressen hat. In immer kürzeren Zyklen sind Krisen zu besichtigen: Wirtschafts- und Finanzkrise, Euro-Krise, Flüchtlingskrise, Sicherheitskrise und der Terror. Hinzu kommen Krisen in der Ukraine, Griechenland, Syrien und der Türkei. Verstärkt wird diese Negativentwicklung durch Skandale: Doping-Skandal, VW-Skandal sowie Enthüllungen über NSA oder Lux-Leaks, um nur wenige zu nennen.

Die Wirkung ist immer gleich: Das Vertrauen der Menschen sinkt - nicht nur in die Führungseliten von Politik, Banken und Konzernen. Auch Demokratie, Marktwirtschaft und Geldsystem werden als Ganzes in Frage gestellt. Sogar den Sportlern traut man nicht mehr über den Weg: Aus sauberen Spielen werden schmutzige Siege. Nicht zuletzt greift das Misstrauen auf die traditionellen Medien über - der Begriff "Lügenpresse" dient als trauriger Beweis. Allerdings empfiehlt sich auch das Internet nicht als Alternative - es ist randvoll mit Lügen, Hetze und Hass, ohne dass die Justiz dort nachhaltig eingreifen könnte.

Die verhängnisvollste Krise aber zeigt sich im alltäglichen Zusammenleben mit unseren ausländischen Nachbarn. Als Folge von Terror, Gewalt und Intoleranz der radikalen Islamisten wachsen bei uns Misstrauen und Angst. Die Flüchtlinge, aber auch die schon hier lebenden Araber und Türken geraten unter Generalverdacht. Die Mischung aus Ressentiment, Verdacht und schlechter Erfahrung hat die alltägliche Nachbarschaft der Bürger ebenso vergiftet wie die politische Auseinandersetzung in ganz Europa. Ein Rezept für die überfällige Entgiftung ist leider nicht in Sicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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