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VW-Ausschuss
Stefan Uhlmann
Untaugliche Testverfahren

Diesel-Probleme könnten gelöst werden

In einem waren sich vergangene Woche die acht Experten im Abgas-Untersuchungsausschuss einig: Von einer illegalen Software zur Manipulation von Dieselabgaswerten, wie sie der VW-Konzern nutzte, hatte niemand Kenntnis. Zu Beginn der Sacharbeit im Ausschuss hatten die Abgeordneten vier Motorenexperten geladen, dazu einen Umweltphysiker, einen Toxikologen, eine Epidemiologin und einen Arbeitsmediziner. Es ging um Prüfverfahren für Autos, technische Fragen zur Abgasbehandlung bis hin zu möglichen Gesundheitsverfahren für die Bürger durch Stickoxide.

Prüfstand Soll ein Auto neu zugelassen werden, muss es auf den Prüfstand. Neuer Europäischer Fahrzyklus (NEFZ) heißt das Testverfahren im Labor, das es schon seit Anfang der 90er Jahre gibt. Dass dieses mit der Realität wenig gemein hat, war unter Fachleuten hingegen seit der Jahrtausendwende klar, sagte Professor Stefan Hausberger von der TU Graz. Der NEFZ soll 2017 durch ein realistischeres Verfahren World Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedere (WLTP) ersetzt werden. Hinzu kommen Straßentests (Real Driving Emissions). RDE sei noch nicht ausgereift, sagte Professor Christian Beidl von der TU Darmstadt. Eilig hatten die EU-Staaten es nicht mit den RDE-Regeln, immerhin wird seit 2010 verhandelt. Da säßen Vertreter dreier Länder, wenige Beamte der EU-Kommission rund 20 Industrievertretern gegenüber, erläuterte Hausberger.

Er und der Leiter Technik des ADAC, Reinhard Kolke, plädierten dafür, die neuen Testverfahren zu ergänzen. So sollte die Einhaltung der Grenzwerte auch durch Untersuchungen im Fahrzeugbetrieb von unabhängiger Stelle überwacht werden. Kolke regte an, dass die Hersteller die Software zur Motorsteuerung gegenüber den Behörden offenlegen. Aus Sicht von Hausberger sind die Sanktionen bei Emissionsüberschreitungen zu schwach.

Der ADAC versucht mit seinem Ecotest schon seit 2003, realitätsnähere Werte zu erhalten. Allerdings seien die Abgase beim Endverbraucher nur ein schwaches Kaufargument gewesen, räumte Kolke ein. Aktuell ist aus seiner Sicht die Technik vorhanden, um die Emissionsprobleme beim Diesel-Pkw in den Griff zu bekommen, insbesondere durch ein System, bei dem mittels Harnstoff Stickoxide neutralisiert werden können. Der Autofahrer müsste laut Kolke auf 1.000 Kilometer zwei bis drei Liter Harnstoff zuführen, ein Liter koste derzeit 0,76 Euro. Für Professor Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Kolbenmaschinen ist der Diesel der umweltfreundlichste Antrieb, und er werde es noch lange bleiben.

Umstritten sind unter Experten Gesundheitsgefahren von Stickoxiden für die Menschen. Professor Annette Peters vom Münchner Helmholtz Zentrum hält es für statistisch belegt, dass dauerhaft hohe Stickstoffdioxid-Werte für Atemwegs- sowie Herz-Kreislauferkrankungen bis hin zu Todesfällen verantwortlich sind. Der Umweltphysiker Denis Pöhler verwies darauf, dass Volkswagen in den USA mit den erhöhten Abgaswerten nicht aus Gesundheits-, sondern Umweltgründen - Stichwort Ozon - ins Visier geriet.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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