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Nsu-Ausschuss
Franz Ludwig Averdunk
Die unerklärliche DNA-Spur »P46«

Zeugin berichtet über frühere Partys der rechten Szene in Zwickau

Ja, als junge Frau habe sie zu dieser - sie tut sich schwer mit dem Wort - "rechtsextremistischen" Szene in Zwickau gehört. Politisch? "Wir sind zu Konzerten gefahren." Es wurde gemeinsam getrunken. "Wir haben Partys gemacht." Wieso also politisch werden? "Wir waren immer lustig."

Das wirkt schon ziemlich geschönt, was die Zeugin vergangene Woche in breitem Sächsisch vor dem Untersuchungsausschuss zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) erzählt. Das NSU-Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt habe sie damals nicht gekannt, versichert sie. Ein Foto von einem Konzert wird ihr vorgelegt - sie selbst ist zu sehen, Zschäpe und Mundlos auch. Aber: Keine Ahnung, wer die waren.

Geschenkt! Scheint die Miene des Ausschussvorsitzenden Clemens Binninger (CDU) auszudrücken. Es geht ja auch nur indirekt um die Zeugin, sondern darum, was sie über die rechte Szene berichten kann - wenn schon nicht über den NSU, dann zumindest über Ralf Marschner, zu dessen Clique sie mal gehörte. Der umtriebige Mann war eine herausragende Figur unter Rechtsextremen in Zwickau. Dass er als V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz enttarnt wurde, will die Zeugin erst aus der Zeitung erfahren haben. Da habe sie - inzwischen aus Zwickau verzogen - ohnehin schon länger keinen Kontakt mehr mit ihm gehabt. Es ist ein sehr mühsames und wenig ergiebiges Frage-und-Antwort-Spiel.

Zuvor sind mit einem weiteren Zeugen zwei wichtige Fragen ohne befriedigende Antwort geblieben: Was verrät die DNA-Spur "P46"? Und: Warum wurden an 27 NSU-Tatorten nicht ein einziges Mal DNA-Spuren von Mundlos und Böhnhardt gesichert - nicht nach den 15 Banküberfällen, nicht nach den zwei Sprengstoffanschlägen, nicht nach den zehn Morden?

"Ungewöhnlich" sei das, meint der Zeuge Carsten Proff, DNA-Spezialist im Bundeskriminalamt (BKA) - für ihn als alten Hasen aber auch nicht "super ungewöhnlich". Seine Mutmaßung: Die Taten seien wohl "sehr gut vorbereitet" gewesen. Man könne ja durchaus aus dem Internet Tipps bekommen, wie DNA-Spuren zu vermeiden seien - nicht nur mit Handschuhen, sondern etwa auch Sturmhauben. Die beiden Männer seien gewiss "sehr planerisch" tätig gewesen.

Andererseits gesteht Proff ein, dass es "schon nicht einfach" sei, einen Tatort DNA-frei zu halten oder wieder zu machen: "Da muss man sich sehr anstrengen." Dann "P46". Es handelt sich um eine DNA-Spur an der Innenseite einer Socke, die im Wohnmobil gefunden worden war, in dem sich Mundlos und Böhnhardt nach ihrem Banküberfall in Eisenach umgebracht hatten. Es ist eine Mischspur, die einerseits Zschäpe zuzuordnen ist. Andererseits geht es um eine anonyme Person. Der Dateienvergleich ergab einen Bezug dieser Spur zu drei Taten in Hessen, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Proff mutmaßt, dass es sich um eine Kontamination handeln könne - womöglich durch Verbrauchsmaterial, das bei den Tatortuntersuchungen verwandt und von derselben Firma geliefert wurde. Schließlich lägen die fraglichen Delikte - schwerer Diebstahl und schwerer Bandendiebstahl - "inhaltlich weit auseinander" zum NSU-Komplex.

Proff macht die Ausschussrunde für eine gute Stunde zum Hörsaal: Vorlesung über DNA. In den NSU-Ermittlungen habe es "viele Mischspuren von magerer Qualität" gegeben: "Vieles lag an der Nachweisgrenze." So müsse man das Löschwasser berücksichtigen, sowohl beim Wohnwagen, der in Flammen aufging, als auch bei der in Brand gesetzten Wohnung des Trios in Zwickau. Zudem hätten die "Berechtigten", Ermittler vor Ort oder auch Feuerwehrleute, Spuren verursacht. Von zunächst 72 DNA-Spuren, die nicht zugeordnet werden konnten, blieben nach Ausschluss dieser Berechtigten 43 Muster über - eine davon "P 46".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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