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KURDISTAN-IRAK
Birgit Svensson
Reichlich enttäuschte Erwartungen

Die Kurden im Norden des Irak feiern Erfolge gegen die Terrormiliz IS. Doch wirtschaftlich und politisch steckt die Region in einer tiefen Krise

So viele Fahnen gab es schon lange nicht mehr in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Autonomiegebiete. Die Gesichter der Menschen strahlen, als sie sich Anfang November auf dem Marktplatz der 1,2-Millionen-Stadt im Norden des Irak versammeln. Zwei Tage lang erklingen Freiheitsgesänge aus Megafonen, Radios und Fernsehern. Die Kurden feiern ihren Sieg über den "Islamischen Staat" (IS) in Sindschar. Seit über einem Jahr war die mehrheitlich von Jesiden bewohnte Stadt in den Händen der Terrormiliz. Jetzt zeigen sich die Kurden siegesgewiss: Die Rückeroberung von Sindschar sei nur der erste Schritt. Präsident Masoud Barzani kann sich sogar vorstellen, dass seine Kämpfer, die Peschmerga, künftig verstärkt auch in Syrien eingreifen könnten. Zusammen mit der Freien Syrischen Armee könnten sie die IS-Hochburg Rakka zurückerobern, verkündet er überschwänglich. Bereits in Kobane, an der türkischen Grenze, waren Peschmerga-Kämpfer den Milizen der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) zu Hilfe gekommen und befreiten die Stadt. Warum also nicht auch Rakka im syrischen Kernland?

"Wir sind bereit", salutiert ein junger Soldat vor Kommandeur Izadin Sadus und bittet nach draußen. Auf dem Platz vor dem Hauptquartier der Brigade Zwölf bei Bashiqa, rund hundert Kilometer von Erbil entfernt, haben sich fast 40 kurdische Kämpfer versammelt, um ihre Waffen aus Deutschland zu präsentieren (siehe Text unten). Die G36-Sturmgewehre seien viel besser als die alten Kalaschnikows, loben sie. 800 hätten sie bekommen, drei BKC-Panzerfäuste und 24 Nachtsichtgläser. Der junge Peschmerga-Soldat Foad bringt einen großen Plastikkoffer, auf dem "Milan" steht. Er ist die größte Hoffnung von Sadus Männern. Gespannt schauen sie zu, wie Foad den Koffer öffnet und die Panzerabwehrrakete vorsichtig heraushebt. Als einziger der zwölften Brigade durfte der 24-Jährige eine Woche nach Hammelburg in Bayern fahren, um zu lernen, wie die Rakete bedient wird. Jetzt instruiert er die anderen. Ein Kollege hilft, die Rakete zusammenzuschrauben und sie auf die Abschussvorrichtung zu montieren. "Das Tolle an der Milan ist, dass sie sich beim Abschuss überhaupt nicht bewegt. Sie steht vollkommen still und schießt auf zwei Kilometer Entfernung", erläutert Foad mit großer Bewunderung. "Damit sind wir dem IS überlegen." Die hätten Raketen mit geringerer Reichweite, die auf einen Pick-up montiert werden müssten. Die Milan dagegen könnte überall stehen.

Großes Misstrauen Im August 2014 hatten die Peschmerga noch eine schwere Schlappe erlitten. Nachdem zwei Monate zuvor tausende Soldaten der irakischen Armee desertiert waren und dem IS Menschen, Territorium und militärische Ausrüstung nahezu kampflos überließen, kapitulierten auch die kurdischen Kämpfer vor der Miliz. Ohne größere Gegenwehr der Peschmerga fielen nicht nur die Jesidenstadt Sindschar, sondern auch die Christenstadt Karakosh sowie Gemeinden wie Bartilla und Bashiqa in die Hände der Dschihadisten. Zwar konnten die Kurden mit der Rückeroberung von Sindschar einen moralischen Sieg verbuchen, doch das Misstrauen der anderen Volksgruppen blieb. Nur wenige Jesiden wollen zurück in die Stadt. Und die anderen Städte sind noch immer in der Hand des IS - so auch Bashiqa.

"Nächstes Mal trinken wir Tee da unten", sagt Brigadegeneral Sadus und zeigt von der Anhöhe ins Tal, wo die Stadt mit ehemals 30.000 Einwohnern liegt. Deren Rückeroberung ist sein Ziel. Alles, was hinter dem Backsteinhaus des Generals liegt, ist Peschmerga-Gebiet. Alles davor kontrolliert der IS. Die Front ist nur einen Steinwurf entfernt.

Über 1.500 Peschmerga-Kämpfer haben bereits ihr Leben im Kampf gegen den IS gelassen. Immer wieder treten sie auf Minen, wenn sie Gebiete zurückerobern. Der General hofft, dass seine Leute mit der Zeit lernen, wie diese Minen entdeckt und entschärft werden können. Inzwischen gibt es auch unzählige Ausbilder aus unterschiedlichen Ländern, die den Kurden beibringen wollen, wie eine richtige Armee kämpft. Doch die Transformation gestaltet sich schwierig. Schließlich bildeten die Kämpfer jahrzehntelang eine Guerillatruppe, die vorwiegend in den Bergen entlang der türkischen und iranischen Grenze beheimatet war. Erst später wurden die Peschmerga zur offiziellen Streitkraft der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak mit den mehrheitlich von Kurden bewohnten Provinzen Erbil, Dohuk und Suleimanija.

Die Kurden waren ihrem Ziel, einen unabhängigen Kurdenstaat zu gründen, nie näher als jetzt. Und doch könnten die Probleme, die Irak-Kurdistan derzeit umtreiben, genau dies verhindern.

Denn der patriotische Freudentaumel über die Befreiung Sindschars währte nicht lange. Heute sagen die Händler auf dem Basar in Erbil: "Es geht schlecht, so schlecht wie noch nie." Der Grund dafür ist nicht allein die Bedrohung durch den IS. Kurdistan-Irak steckt auch in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise. Vor allem die jungen Kurden geben an, keine Arbeit und keine Perspektive zu finden. Außerdem sehen sie ihre Reformhoffnungen nicht erfüllt: Die Integration der Rückkehrer sei gescheitert, archaische Gesellschaftsstrukturen lebten fort. Dazu kommt: Seit vier Monaten werden die Gehälter der Staatsbediensteten nicht mehr bezahlt. Stromausfälle sind die Regel, Infrastrukturprojekte liegen auf Eis, ausländische Ölfirmen haben die Region verlassen. Ein Streit zwischen der kurdischen Region und der Zentralregierung in Bagdad stoppt die Transferzahlungen, ohne die sich Irak-Kurdistan nicht finanzieren kann. Zumal der Kampf gegen den IS und die vielen Flüchtlinge das Budget der Regionalregierung extrem belasten. Hinzu kommt, dass Kurdenpräsident Barzani seinen Stuhl nicht räumen will, wozu er aber laut Verfassung verpflichtet wäre.

Als Demonstranten mehr Demokratie und ein parlamentarisches System fordern, kommt es in Suleimanija zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Barzani beschuldigt die Oppositionspartei Goran der Aufwiegelung und wirft kurzerhand deren Mitglieder aus der Regionalregierung. Tags darauf lässt er den Vorsitzenden des Regionalparlaments nicht nach Erbil einreisen. Die sich gerne als Vorreiter einer demokratischen Entwicklung gebenden irakischen Kurden fallen in archaisch autoritäre Strukturen zurück.

Tausende wollen weg Nachdem in den Jahren nach dem Sturz Saddam Husseins 2003 tausende Kurden aus dem Exil von Europa nach Kurdistan zurückkamen, dreht sich die Bewegung jetzt um. Viele wollen Kurdistan-Irak wieder verlassen. Habib, der Euro gegen irakische Dinar tauscht und mit Feuerzeugen und islamischen Gebetsketten handelt, will nach Bayern zurück. Dort hat er neun Jahre lang gelebt, bevor er 2011 wieder nach Kurdistan kam. Marwan verkauft Datteln, Granatäpfel und Weintrauben, würde aber lieber wieder in der Pizzeria in Berlin arbeiten. Fauwzi träumt von seiner Wohnung in Duisburg, die er aufgegeben hat, um nach Erbil zurückzukehren. Seine Familie hatte ihn dazu überredet. Die Miete für seinen Laden kann er kaum noch bezahlen. "Niemand hat Geld, keiner kauft etwas." Einige Geschäfte mussten bereits schließen, weil die Besitzer entweder weg oder pleite sind.

Auch die einzige deutsche Schule im Irak verzeichnet für das laufende Schuljahr einen Rückgang der Schülerzahl - um 34 Prozent. Schätzungen zufolge haben allein in den letzten Wochen 25.000 Kurden den Irak in Richtung Europa verlassen - und der Trend hält an.

Khoshawe Farag, Politikdozent an der Universität Suleimanija, ist vor sechs Jahren aus Stuttgart nach Kurdistan zurückgekehrt. "Wir waren voller Elan, beim Aufbau unserer Region mitzuhelfen und die Gesellschaft zu modernisieren", sagt er. Seine Frau und die drei Töchter nicken zustimmend. Doch jetzt denkt auch seine Familie daran, wieder nach Deutschland zu gehen. "Was die uns alles versprochen haben", erzählt der 54-jährige mit deutschem Pass. "Nur wenig haben sie gehalten." Mit "die" meint Khoshawe sowohl die Leute um Kurdenpräsident Barzani als auch die Patriotische Union Kurdistans (PUK) um Dschalal Talabani. Noch immer sind mehr als 70 Prozent der Kurden Staatsangestellte. Der aufgeblähte Apparat verhindert jegliche Bewegung. Korruption und Vetternwirtschaft zeigen sich hartnäckiger als jeder Reformgeist.

Unliebsame Konkurrenz Von Anfang an habe sie große Ablehnung gespürt, beschreibt die älteste Tochter Khoshawes ihre ersten Eindrücke in dem für sie unbekannten Land. Yarivan war 15, als sie die Eltern mit ihr nach Erbil zurückkamen. "Wir waren eine Konkurrenz, die es abzuwehren galt", berichtet sie. Aus Opposition gegen die laizistisch erzogenen Rückkehrer gewann der Islamismus in Irak-Kurdistan wieder an Boden. Fahrradfahren und Schwimmen ist für Mädchen tabu, über die Länge der Röcke, Make-up und das Tragen des Kopftuches wird endlos diskutiert. "Es ist eine regelrechte Gehirnwäsche", meint Yarivan. Die Flucht zurück nach Europa scheint für viele junge Kurden der einzige Ausweg.

Die Autorin berichtet als freie Journalistin aus dem Irak.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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