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Gastkommentare - Contra
Timot Szent-Ivanyi, DuMont-Hauptstadtredaktion
Uneinschätzbar

demenzforschung ohne Eigennutz?

Auf den ersten Blick scheint die Sache klar zu sein: Es gibt bisher keine Medikamente gegen Demenz, also sollten alle Hindernisse für die Bekämpfung dieser fürchterlichen Krankheit beseitigt werden. Organisationen wie die Alzheimer Gesellschaft müssten daher auf mehr Möglichkeiten für Arzneimitteltests an Dementen drängen. Doch aus gutem Grund ist das Gegenteil der Fall.

Niemand kann Jahre im Voraus eine Zustimmung zu Tests geben, dessen Ziele, Risiken und Nebenwirkungen noch völlig unbekannt sind. Wissenschaftler warnen, dass sich viele zum Teil schwere Nebenwirkungen von Arzneimitteln erst in späteren Phasen einer klinischen Entwicklung zeigen. Es besteht daher die Gefahr, dass die Probanden in sehr gefährliche Situationen geraten, denen sie bei klarem Bewusstsein nie zugestimmt hätten.

Zwar wollen die Befürworter einer Rechtsänderung dem gesetzlichen Betreuer das letzte Wort überlassen, wenn eine Vollmacht für eine gruppennützige Forschung vorliegt. Er ist aber ausschließlich dem Wohl seines Schützlings verpflichtet, dem diese Forschung gerade nicht dient. Der Betreuer gerät so in einen unauflösbaren Konflikt.

Natürlich schränkt es das Selbstbestimmungsrecht der Bürger ein, ihnen eine Teilnahme an klinischen Prüfungen zu verwehren. Es mag der Wunsch von Betroffenen sein, sich der Forschung zur Verfügung zu stellen, um der Krankheit wenigstens einen Sinn zu geben. Aber wie fühlt sich jemand, der im fortgeschrittenen Zustand der Demenz Spritzen bekommt oder in die enge Röhre eines Computertomografen geschoben wird? Das kann kein Gesunder einschätzen. Manchmal muss der Staat seine Bürger auch vor sich selbst schützen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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