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Interview
Eva Bräth
»Zwei Schritte vorwärts, einer zurück«

Der Politikwissenschaftler Günther Maihold über die Zukunft Kubas nach Castro

Herr Maihold, Fidel Castro ist tot. Was bleibt von ihm?

Fidel Castro verkörpert einen neuen politischen Nationalismus Kubas, der ein eigenes Entwicklungsmodell für die Insel begründet hat. Er ist der Übervater der Revolution gewesen. Fast 70 Prozent der Kubaner kennen keinen anderen Präsidenten.

Castro hatte eine prägende Kraft, die sich aus seiner Vita, dem Auftreten und der Fähigkeit zur Mobilisierung der Gesellschaft ergab. Daraus speiste sich eine Akzeptanz seiner Person, ein Bild des Kümmerers. Gleichzeitig hat die kubanische Revolution ihr Ziel größerer sozialer Gleichheit verfehlt. Durch die Aufteilung der Wirtschaft in einen Dollar- und Nicht-Dollar-Sektor hat sich die Ungleichheit heute vertieft.

Fidel Castros Bruder Raúl hat 2008 die Präsidentschaft übernommen und viele Reformen angestoßen. Bekommt der Reformkurs nun einen neuen Schub?

Das ist derzeit nicht absehbar. Raúl Castro hat angekündigt, 2018 seine Ämter niederzulegen. Jeder, der ihm nachfolgt, wird damit beschäftigt sein, die verschiedenen Strömungen innerhalb der Kommunistischen Partei zusammenzuhalten. Er wird daher keine dezidierte Führungsrolle wahrnehmen können, sondern eher abwägend regieren müssen. Gerade die orthodoxen Kräfte suchen nach einer neuen Rolle und werden ihre Position massiv in die Führungsdebatte einbringen.

Zuletzt gab es auch Signale, dass die Wirtschaftsliberalisierung Teilen der Regierung zu weit geht. Ist es wahrscheinlich, dass sie die Öffnung zurücknimmt?

Es hat in Kuba immer zwei Schritte vorwärts und einen zurück gegeben. Neben den Machtverhältnissen in der Kommunistischen Partei sind die sozialen Folgen der Öffnung entscheidend. Derzeit gibt es etwa einen Abbau der Staatsbeschäftigung. In der Folge sind viele kubanische Beamte gezwungen, eine informelle Beschäftigung aufzunehmen. Dadurch verliert die Regierung auch Kontrolle und möglicherweise die Loyalität einer Bevölkerungsgruppe. Und das führt zu unmittelbaren Reaktionen innerhalb der Führungsriege.

Was bedeutet der Wahlsieg Donald Trumps für die US-kubanischen Beziehungen?

Trump bedient sich jetzt erst einmal einer Rhetorik, um die radikaleren Kräfte in Florida, wo viele Exilkubaner leben, an sich zu binden. Aber ich glaube kaum, dass es unter Trumps Präsidentschaft zu einem kompletten Rollback kommt. Die Regierungen werden sich auf eine pragmatische Politik der Verständigung einigen und Abkommen mit überschaubarer Reichweite schließen. Denn dies ist notwendig, um wichtige Themen wie Migration, Wirtschaftsbeziehungen, Tourismus und die Rücküberweisungen der Exilkubaner zu organisieren.

Venezuela, Kubas wichtigster Verbündeter, steckt in einer schweren Krise. Welche Auswirkungen hat das auf Kuba?

Die kubanische Regierung befindet sich in einem Prozess des vorsichtigen Taktierens mit verschiedenen Partnern, um auf diese Weise mögliche Folgen der venezolanischen Krise abzufedern. So hat sie die Beziehungen mit China intensiviert und Investitionsprogramme mit Brasilien aufgelegt. Nicht zuletzt gibt es die neuen Handelsbeziehungen mit den USA. Dennoch wird die Krise Venezuelas Folgen haben, wenn die Öllieferungen ausbleiben und die Energieversorgung nicht mehr gesichert ist. Auch die Deviseneinnahmen könnten weiter sinken. Demgegenüber steht ein massiver Ausbau des Tourismus, vor allem US-Amerikaner reisen inzwischen vermehrt nach Kuba.

Castro war die Symbolfigur der Linken. Wer könnte an seine Stelle treten?

Ich sehe niemand, der das ideologische Erbe Fidel Castros gegenwärtig antreten könnte. Das war bis vor wenigen Jahren mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez anders. Chávez hat ja sogar ausdrücklich versucht, dieses Erbe für sich in Anspruch zu nehmen. Die heutigen Gesellschaften bringen nur schwerlich Figuren mit einer derartigen Strahlkraft hervor.

Das Gespräch führte Eva Bräth.

Günther Maihold ist stellvertretender Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Lateinamerika.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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