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Gastkommentare - Pro
Rudi Wais, "Augsburger Allgemeine"
Einzige Stellschraube

das Renteneintrittsalter anheben?

D eutschlands teuerste politische Baustelle ist und bleibt die Rente. Mit mehr als 90 Milliarden Euro fließt nahezu jeder vierte Euro, den der Bund einnimmt, als Zuschuss in die gesetzlichen Rentenkassen. In wenigen Jahren bereits wird der Preis, den die Republik für ihre schleichende Vergreisung bezahlt, bei 100 Milliarden liegen - entsprechend gut will jede Reform überlegt sein, die dem System weitere Kosten aufbürdet.

Dass Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) das Rentenniveau von derzeit 48 Prozent eines Durchschnittseinkommens nicht unter die Marke von 46 Prozent fallen lassen will, ist aller Ehren Wert - viele Beschäftigte, die heute Mitte 40 oder Mitte 50 sind, treibt inzwischen die Sorge um, im Alter womöglich viel knapper kalkulieren zu müssen als ursprünglich gedacht. Zur politischen Wahrheit gehört dann aber auch, dass ein solcher Schritt zwölf Milliarden Euro im Jahr kostet und dieses Geld keine Regierung wie selbstverständlich aus dem Steuer- oder Beitragstopf schöpfen kann. Das heißt: Aus der Rente mit 67, so unpopulär sie sein mag, wird spätestens im übernächsten Jahrzehnt die Rente mit 69 oder 70 werden müssen. Das Rentenalter ist die einzige Stellschraube, an der die Politik drehen kann, ohne gleich die Konjunktur abzuwürgen. Beitragssätze von 25 Prozent und mehr wären jedenfalls Gift für sie.

Ja, es gibt Beschäftigte, die körperlich so hart arbeiten oder nach einem langen Berufsleben so ausgebrannt sind, dass sie früher aufhören müssen. Für solche Fälle allerdings gibt es die Erwerbsminderungsrente, die jetzt auch etwas aufgewertet wird. Für alle anderen gilt: Wenn die Lebenserwartung steigt, muss auch das gesetzliche Rentenalter steigen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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