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NSU-Terror
Florian Amrhein
Spurensuche in Kassel

Untersuchungsausschuss geht Fragen im Mordfall Halit Yozgat nach

Immer wieder fällt dieser Name: Andreas Temme. Die Rolle des ehemaligen Verfassungsschutzmitarbeiters, der beim Mordanschlag der rechten Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) auf einen Internetcafé-Besitzer in Kassel am Tatort gewesen sein soll, bleibt eines der großen Rätsel des NSU-Verbrechenskomplexes. Am vergangenen Donnerstag hat sich der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages erneut mit dem Fall befasst.

Halit Yozgat ist das neunte und letzte Opfer in der sogenannten Ceská-Mordserie an neun türkisch- und griechischstämmigen Migranten, die seit 2011 dem NSU zugerechnet wird. Er wurde am 6. April 2006 mutmaßlich von den NSU-Mitgliedern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in seinem Internetcafé in Kassel durch zwei Kopfschüsse getötet. Zum Tatzeitpunkt befanden sich insgesamt sechs weitere Personen in den Telefonkabinen und Computerräumen des Cafés, darunter der damalige V-Mann-Führer des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV), Andreas Temme.

Um Temme ranken sich trotz jahrelanger Ermittlungsarbeit viele Fragezeichen. Warum meldete er sich als Einziger nicht als Zeuge bei der Polizei? Wusste er womöglich, dass an jenem Tag ein Mord geschehen würde oder war er gar selbst daran beteiligt? Temme hat in zahlreichen Vernehmungen stets beteuert, er sei nur zufällig in Yozgats Internetcafé gewesen. Von dem Mord will er nichts mitbekommen haben.

E-Mail von der Chefin Der Ausschuss befragte hierzu die damalige Vorgesetzte von Andreas Temme, Iris Pilling, heute Abteilungsleiterin des LfV Hessen. Der Ausschussvorsitzende Clemens Binninger (CDU) wollte unter anderem wissen, ob Temme vor dem Kasseler Mordanschlag bereits dienstlich mit der Ceská-Mordserie befasst gewesen sei. Temme hatte im September 2012 als Zeuge vor dem ersten NSU-Ausschuss des Bundestages ausgesagt, ihm seien die Ceská-Morde damals allenfalls oberflächlich aus den Medien bekannt gewesen. Erst später kam heraus, dass das womöglich gelogen war. Das legt eine E-Mail von Iris Pilling nahe. Am 24. März 2006, knapp zwei Wochen vor dem Mord an Yozgat, schrieb die damalige Referatsleiterin eine E-Mail an ihre Mitarbeiter, in der sie Informationen des Bundeskriminalamts (BKA) über die Ceská-Morde weitergab und nachfragte, ob womöglich V-Leute in Hessen etwas darüber wüssten. Ob Temme diese E-Mail bekommen und gelesen hat, konnte Pilling jedoch nicht mit Sicherheit sagen.

Im Verlauf der Befragung wiesen die Abgeordneten auf weitere Unstimmigkeiten hin. So hatte Temme beispielsweise angegeben, für insgesamt fünf V-Leute zuständig gewesen zu sein, vier im islamistischen Milieu sowie den mittlerweile enttarnten V-Mann Benjamin Gärtner aus der Kasseler Neonazi-Szene. Die Obfrau der Linken, Petra Pau, sagte: Aufgrund von neuen Erkenntnissen, die sie öffentlich nicht zitieren dürfe, gehe sie davon aus, dass Temme noch mindestens eine weitere Quelle im Bereich Rechtsextremismus geführt habe. Hierzu wollte Pilling jedoch öffentlich keine Angaben machen.

Widersprüche offenbarten sich auch in Bezug auf den V-Mann Benjamin Gärtner, mit dem Temme unmittelbar vor und nach der Mordtat in Kassel telefoniert haben soll. Laut Pau soll Gärtner 2006 in eine Kneipenschlägerei involviert gewesen sein, an der auch weitere im NSU-Komplex bekannte Neonazis sowie ein führendes Mitglied der Rockerbande "Bandidos" beteiligt gewesen sein sollen. Konkrete Hinweise auf eine Verbindung von Gärtner zum NSU sind bisher jedoch nicht aufgetaucht.

Kurzes Ermittlungsverfahren Zuvor hatte der Ausschuss den Kasseler Staatsanwalt Götz Wied befragt, der von 2006 bis 2011 das Mordverfahren im Fall Yozgat leitete. Im Zentrum seiner Vernehmung stand die Frage, ob gegen Temme tatsächlich umfassend ermittelt worden ist. Die Abgeordneten kritisierten mitunter scharf, wie damals mit Temme als Tatverdächtigen eines bundesweiten Serienmordes umgegangen worden ist. Das Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde bereits im Januar 2007 eingestellt.

Laut des Abgeordneten Thorsten Hoffmann (CDU) sei die Polizei am 21. April 2006 zu Temme nach Hause gefahren, um ihn als Tatverdächtigen vorläufig festzunehmen und seine Wohnung zu durchsuchen. Temme habe sich daraufhin den Beamten als Mitarbeiter des LfV Hessen zu erkennen gegeben, worauf diese vorerst auf eine Hausdurchsuchung verzichteten. Das sei ein Fehler gewesen, gab Wied zu. Seiner Kenntnis nach habe es auch keine Maßnahmen vonseiten der Polizei gegeben, die Wohnung zu sichern, um einer möglichen Vernichtung von Beweisen vorzubeugen.

Warum Wied letztendlich darauf verzichtete, einen Haftbefehl gegen Temme zu erlassen, konnte er dem Ausschuss nicht wirklich plausibel machen. "Das war eine der schwersten Entscheidungen, die ich bisher treffen musste", sagte er. Gegen einen dringenden Tatverdacht Temmes habe unter anderem gesprochen, dass bei ihm die Tatwaffe nicht gefunden werden konnte und dass er als Verdächtiger "leicht zu ermitteln" war. Wer einen Mord begehen wolle, setze sich nicht vorher an den Tatort und melde sich dort an einem PC an, stellte Wied fest.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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