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Donald Trump
Damir Fras
Der unwahrscheinlichste Sieger

Mit Hetze und abseitigen Vorschlägen gewann der neue Präsident bei einer frustrierten Mittelschicht

In den ersten Wochen nach seiner Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hat Donald Trump fortgesetzt, was den unglaublichsten Wahlkampf in der US-Geschichte ausgezeichnet hat. Über Twitter unterbreitete er einen erratischen Vorschlag nach dem anderen. Erst zweifelte er ohne Not die Rechtmäßigkeit der Wahl an, obwohl er doch gewonnen hatte. Dann stellte er aus gegebenem Anlass die Meinungsfreiheit in Frage, unter die in den USA auch das Verbrennen der US-Flagge fällt. Er verkündete mit einem Tweet, dass er sich vollständig aus seinem Geschäftsimperium zurückziehen werde. Schließlich ließ er sich in dem sozialen Netzwerk auch noch über Kabarettisten aus, die sich über ihn lustig machten.

Trump und sein Smartphone bilden eine Symbiose, die viel zu dem unerwarteten Wahlsieg des unwahrscheinlichsten aller Präsidentschaftsbewerber beigetragen hat. Das innige Verhältnis will Trump offenbar auch nach der Wahl nicht völlig auflösen.Warum auch? In Trumps eigenen Worten ist Twitter ein hervorragendes Medium, um seine Positionen ungefiltert unter die Leute zu bringen. Ihm folgen bereits fast 17 Millionen Menschen.

»Schwachsinnige Idee« Twitter allein erklärt allerdings nicht den Erfolg des Milliardärs, den das liberale Magazin "The New Yorker" eine "amerikanische Tragödie" nennt. Genauer gesagt: Eine Eigenheit des US-Wahlsystems hat dafür gesorgt, dass nicht Hillary Clinton, sondern Donald Trump am 20. Januar den Amtseid als Präsident vor dem Kapitol in Washington ablegen wird. Der Filmemacher Michael Moore spricht von einer "obskuren, schwachsinnigen Idee aus dem 18. Jahrhundert", die zum Wahlsieg Trumps geführt habe.

Anders als etwa in Österreich wird der Präsident in den USA nicht direkt vom Volk gewählt, sondern von einem Wahlmännergremium, dem "Electoral College". Je nach Einwohnerzahl hat jeder US-Bundesstaat eine bestimmte Zahl von Stimmen in dem 538-köpfigen Gremium. Kalifornien etwa hat 55 Stimmen, Delaware nur drei. Weil in den meisten Bundesstaaten das Mehrheitswahlrecht gilt, heißt das: Gewinnt ein Kandidat auch nur mit einer Stimme Vorsprung in einem Staat, bekommt er automatisch alle Wahlmännerstimmen zugesprochen - "Winner takes it all".

Am 8. November ist Trump das Unerwartete gelungen. Er hat Staaten wie Pennsylvania, Wisconson und Michigan gewonnen, die bis zu diesem Zeitpunkt als Hochburgen der Demokraten galten. So kam, was weder professionelle Politikbeobachter noch Demoskopen für möglich gehalten hätten. Trump bekam die Mehrheit im Electoral College, Clinton dagegen die Mehrheit der landesweit abgegebenen Stimmen. Die Ex-Außenministerin dürfte am Ende mit 2,5 Millionen Stimmen vor Trump liegen. Der Bauunternehmer aus New York ist also kein Präsident des Volkes, sondern ein Präsident des Wahlsystems. Aber deswegen wird Trump trotzdem Präsident.

Der 70 Jahre alte Donald J. Trump, eine hochgewachsene, bullige Gestalt mit der Frisur eines Mannes, der dem Verlierer eines Haarschneide-Wettbewerbs in die Hände gefallen ist, hat eine Heerschar von Experten, Journalisten, Politikern und professionellen Beobachtern unglaubwürdig gemacht. Als er im Juni 2015 auf der Rolltreppe seines Wohn-Wolkenkratzers an der Fifth Avenue in Manhattan ins Erdgeschoß fuhr, um dort zu verkünden, dass er die feste Absicht habe, Nachfolger von Barack Obama zu werden, war das Gelächter groß. Guter Witz, sagten die Experten. Ein Journalist der "Washington Post" versprach sogar, er werde die Zeitungsseite essen, auf der er Trump in einem Kommentar im Herbst 2015 ein schnelles Scheitern vorhersagte. Als Trump dann der Kandidat der US-Republikaner wurde, ließ sich Dana Milbank von einem Spitzenkoch ein Menü aus Zeitungspapier kochen und verspeiste es.

Trump, dessen Vorfahren aus Deutschland und Schottland stammen, ist ein Kunststück gelungen. Er ist gewissermaßen in das Kostüm eines Robin Hood geschlüpft und hat sich zum Volkstribun erklärt, dessen Rhetorik Millionen von Wählern in den USA erlegen sind. Er war gleichermaßen der "Mittelfinger der republikanischen Basis" (Kolumnist Chris Cillizza) wie auch der "menschliche Molotow-Cocktail" (Filmemacher Michael Moore), der aus Wut über die Missstände im Land auf das politische Establishment in Washington geworfen wurde.

Über den ganzen Wahlkampf hinweg - und in gewisser Weise auch über die Wahlnacht hinaus - sagte und machte Trump, wonach ihm gerade war. Reflexion ist nicht seine Sache. Er zweifelt nicht an sich. Er bittet nicht um Entschuldigung. Wird er angegriffen, keilt er gnadenlos aus. Beleidigungen erklärt er zu notwendigen Verstößen gegen die "politische Korrektheit" - ein Begriff, der während des Wahlkampfs von Trumps Anhängerschaft als eine Ursache für den vermeintlichen Niedergang der USA genannt wurde.

Trump profitierte von der Verärgerung und der Furcht, die sich vor allem in der weißen Mittelschicht der USA ein Sprachrohr suchte. Viele Menschen haben das Gefühl, von den Eliten in Washington veralbert zu werden. Sie klagen über zu geringe Lohnzuwächse, sie sehen sich im Nachteil gegenüber den Millionen von illegalen Immigranten, sie fühlen sich verraten. Viele US-Amerikaner sind zornig, weil die Regierung von Barack Obama vor knapp acht Jahren auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise Banken und Großunternehmen mit Staatsgeld vor dem Untergang gerettet hat, aber die kleinen Leute nicht davor bewahrt hat, ihre Häuser zu verlieren. Da spielte es keine Rolle mehr, dass Obama die Misere von seinem Vorgänger George W. Bush geerbt hatte. Der erste afro-amerikanische Präsident in der Geschichte der USA wurde im Wahljahr 2016 dafür zur Verantwortung gezogen, dass er nicht erfolgreicher war.

Jahrelang hat die populistische Tea-Party-Bewegung dieses Gefühl aufgesogen und transportiert, allerdings damit wenig Erfolg gehabt. Im Wahlkampf des Jahres 2016 wandten sich immer mehr Anhänger der Tea Party nicht mehr nur gegen US-Präsident Barack Obama. Sie probten auch erfolgreich den Aufstand gegen das republikanische Establishment.

Erfolgreicher Verkäufer Trump wurde darüber zum Sprecher einer tief verunsicherten und frustrierten Gesellschaftsschicht, die den Zwang zur politischen Korrektheit abschütteln wollte und einem Mann ins höchste Staatsamt wählte, der kein Blatt vor den Mund nimmt und vor allem so viel eigenes Geld hat, dass er nicht allzu sehr abhängig ist von Großspendern. Nach der Wahl kündigte er sogar an, er werde auf das Präsidentengehalt verzichten. Das wurde ihm, wiewohl völlig überflüssig, als generöse Geste ausgelegt.

Es war ohnehin bemerkenswert, wie unbedeutend der persönliche Reichtum Trumps für seine Anhänger war. Es war für sie unerheblich, dass er quasi mit dem Silberlöffel im Mund zur Welt kam. Keine Rolle spielte auch die Weigerung Trumps, seine Steuererklärungen zu veröffentlichen. Das war Pflicht für Kandidaten in den Wahlkämpfen der Vergangenheit. In diesem Jahr aber nicht. Im Gegenteil sogar: Je mehr sich Berichte über Trumps Steuerakrobatik und über seine Misserfolge im Business häuften, desto enger rückten die Anhänger des Geschäftsmannes zusammen.

Das Trump-Lager verzieh seinem Kandidaten jeden Affront. Trump konnte Frauen beleidigen, er konnte von ihnen als "fetten Schweinen" und "ekelhaften Tieren" reden, er konnte gegen Einwanderer hetzen, er konnte sie als Mörder und Vergewaltiger bezeichnen. Ein Video, in dem Trump frauenfeindliche Bemerkungen machte, störte die Wähler, aber auch die Wählerinnen des Immobilienmagnaten ebenso wenig wie die Vorwürfe von einem Dutzend Frauen, sie seien von Trump sexuell belästigt worden. "Auch wenn er nicht gewinnen sollte, so bringt er doch anderen Politikern bei, keine Politiker mehr zu sein", fasste eine pensionierte Lehrerin ihre Faszination im August 2015 zusammen.

Der Trumpismus, eine Mischung aus Hetze, Verschwörungstheorie, Inhaltsleere und Fremdenfeindlichkeit, hat am 8. November gesiegt. Trump gerierte sich in der Politik als ebenso erfolgreicher Verkäufer wie im Immobilienbusiness. Schon vor fast 40 Jahren sagte der US-Architekt Der Scutt ehrfurchtsvoll über den damals noch jungen Trump: "Dieser Donald, der könnte den Arabern Sand verkaufen."

Dieses Talent hat Trump nicht verloren, auch wenn er selbst überrascht gewesen sein dürfte, dass ihm der Wahlsieg gelungen ist. Wäre Trump nicht erst Immobilienmagnat, dann Anti-Politiker und schließlich designierter US-Präsident geworden, er würde auf jedem Krämermarkt mit Erfolg Gurkenhobel verkaufen können. Er konnte wie kein Zweiter aus der Reihe der insgesamt 17 republikanischen Präsidentschaftsbewerber viel sagen, ohne eine klare Aussage zu machen. Sein politisches Programm erschöpfte sich in dem Satz:"Die Regierung ist inkompetent, aber ich bin ein großartiger Manager." Das sollte einfach heißen: Ich muss es machen, denn nur ich kann es machen. Und die Wähler glaubten es.

Kein Vorschlag ihres Idols schien ihnen abseitig. Trump musste bei Wahlveranstaltungen nur einen Satz beginnen. Die Masse vervollständigte ihn wie ein Chor, der einem Vorsänger antwortet. "Mexiko", brüllten seine Anhänger, wenn Trump fragte, wer für den Bau einer Mauer an der Grenze bezahlen werde. Sie klatschten Beifall, wenn der Bauunternehmer versprach, er werde die illegalen Einwanderer aus dem Land schaffen, die Handelsabkommen neu verhandeln, die ins Ausland verlagerten Arbeitsplätze wieder nach Hause bringen. Sie jubelten, wenn Trump sagte, er werde Amerika wieder großartig, stark und mächtig machen. Viele dieser Veranstaltungen glichen Massentreffen von bekennenden Realitätsverweigerern.

Marke Trump Es half auch nichts, dass das liberale Amerika zum Gegenangriff blies. Trump, so das normalerweise sehr zurückhaltende Magazin "The Atlantic", sei eine Krämerseele, die Verschwörungstheorien verbreite, ein entsetzlicher Sexist, erratisch, xenophob, ein Bewunderer autoritärer Herrscher, leicht reizbar, ein Feind des fakten-basierten Diskurses. Diese Kritik wirkte jedoch in der Rückschau eher kontraproduktiv. Jeder Angriff der Gegenseite bestätigte die im Trump-Lager tief verankerte Überzeugung, dass das politische Establishment nur zurückschlägt, um sich seine Pfründe zu sichern. Hillary Clinton galt als Mustervertreterin einer politischen Klasse, für die andere Regeln gelten als für Joe Sixpack und seine Familie. Dass Lügen und falsche Beschuldigungen dabei im Spiel waren, ist unerheblich gewesen. Wahrheiten waren nicht gefragt, sie störten nur.

Als langjähriger Moderator der Reality-TV-Show "The Apprentice" hat Trump gelernt, dass der Schein wichtiger ist als das Sein. Das Fernsehen hat den designierten Präsidenten der USA zu einer weltweit bekannten Marke gemacht, die dem Trump-Clan auch in der Zukunft geldwerte Vorteile bringen dürfte.

Noch ist unklar, ob es Trump gelingen wird, von einem Politik-Darsteller zu einem realen Politiker zu werden, den es braucht, um ein Land wie die USA zu regieren. Das Getwitter, von dem Trump auch nach dem Wahlsieg nicht abgelassen hat, lässt eher vermuten, dass sich der künftige "Leader of the Free World" in Stilfragen kaum ändern wird. Warum auch? In Trumps Augen hat sich der Erfolg eingestellt.

Der Autor ist US-Korrespondent der DuMont-Zeitungsgruppe.

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