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Ansgar Graw
Im Tal der Kreativen

Das Silicon Valley ist schon seit einem Jahrhundert Ideenschmiede

Ich bin im Moment angepisst!", wütete Dave McClure, der Start-Up-Förderer und Silicon-Valley-Investor, aufgebracht von der Bühne, und er verlangte von seinen Zuhörern beim Web-Gipfel am 9. November ähnliche Emotionen: "Was ist mit euch nicht in Ordnung, wenn ihr nicht auch angepisst seid? Was ist, verdammt noch mal, mit euch nicht in Ordnung?"

Klatschend und johlend signalisierten die Anwesenden im portugiesischen Lissabon dem 50-jährigen High-Tech-Unternehmer und PayPal-Mitbegründer, dass sie über den Sieg von Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl am Vorabend in den USA ähnlich entsetzt seien.

Aber vielleicht haben sie es einfach nicht besser verdient? In diesem Wahljahr war das Silicon Valley nicht das Silicon Valley: Die Mutter aller Labore, sonst stets unkonventionell und auf Neues versessen, boykottierte bei den Präsidentschaftswahlen das Experimentelle nach besten Möglichkeiten. Nicht dass die ältliche Hillary Clinton der Traum der Computer-Nerds und Unternehmensgründer gewesen wäre. Doch Trump, so ihr Konsens, dürfe auf keinen Fall ins Weiße Haus.

Nun sind die 55,7 Millionen Dollar, die aus der Kommunikations- und Elektronik-Industrie in Clintons Wahlkampfkasse flossen, schlicht verbrannt. Die Geldgeber aus der amerikanischen Internet- und High-Tech-Industrie hatten sich verkalkuliert.

Nur einer für Trump Der einzige nennenswerte Trump-Unterstützer aus diesem Milieu, der deutsch-amerikanische PayPal-Gründer und Milliardär Peter Thiel, dürfte hingegen seine Spende in Höhe von 1,25 Millionen Dollar an den künftigen Präsidenten als kluge Investition ansehen.

Seit über einem Jahrhundert ist die prosperierende San-Francisco-Bay-Region mitsamt dem Silicon Valley der Brutkasten für revolutionäre Erfindungen. Die Erfolgsgeschichte begann 1891 mit der Eröffnung der Stanford University, gestiftet vom Eisenbahn-Tycoon und Ex-Gouverneur Leland Stanford und seiner Frau Jane. Die Universität in Palo Alto, damals recht abgelegen, aber heute nur eine halbe Autostunde von San Francisco entfernt, trägt bemerkenswerterweise im Wappen das (von Ulrich von Hutten entlehnte) deutschsprachige Motto "Die Luft der Freiheit weht". Stanford sollte den Kindern der Pioniere im Westen eine Alternative zu den Elitehochschulen des Establishments an der Ostküste bieten.

Die erste Kombination aus bahnbrechender Erfindung und kluger Investition in jener Region wird auf das Jahr 1909 datiert, als der damalige Universitäts-Präsident David Starr Jordan die Arbeit des Erfinders Lee de Forest finanzierte. Dessen Vakuumröhren, produziert in Palo Alto, ermöglichten die Entwicklung von Telefon- und Radiotechnik.

Das war der Grundstein. Bald nachdem der Erfinder der Transistoren und spätere Nobelpreisträger William Shockley 1956 seine revolutionären Halbleiter entwickelt hatte, erhielt die Gegend den Spitznamen Silicon Valley, entlehnt von dem für die Mikroelektronik unverzichtbaren Halbmetall Silizium.

Shockley hatte sich mit seiner Firma übrigens in Mountain View eingerichtet, heute Sitz von Google. Der Genius loci ist geblieben. Adobe, Apple, Cisco, eBay, Hewlett Packard, Netflix, Oracle, Tesla und Yahoo sind weitere Silicon-Valley-Marken des digitalen Zeitalters mit weltweitem Wiedererkennungswert. Hinzu kommen etwa 500 Start-Up-Firmen. Schon die Adresse bedeutet bares Geld: Unternehmen im Silicon Valley sind bis zu zehnmal so viel wert wie vergleichbare Wettbewerber fernab des Tals.

"Es ist okay zu scheitern." So beschreibt William F. Miller, Computerwissenschaftler, Atomphysiker und ehemaliger Vizepräsident der Stanford University, das Geheimnis von Silicon Valley. Werde andernorts ein Bankrott als Beleg dafür genommen, "dass ein Unternehmer nichts taugt, wird bei uns gesagt: Toll, er hat es probiert, er hat Mut. Also, bitte noch einmal", sagt der 91-jährige Miller.

Venture-Capital-Investoren und Kreative versammeln sich in einer attraktiven Region zwischen Pazifikküste und Weinbergen, und sie adoptieren die Philosophie der zweiten oder dritten Chance nach einem Scheitern - ist das der simple Algorithmus des Silicon Valley?

Ein zusätzlicher Erfolgsfaktor kommt hinzu, mit dem in der Region nicht mehr so gern geprahlt wird: Pentagon, Geheimdienste und andere Regierungsstellen haben vor allem in der Startphase enorme Summen investiert. Das begann 1957 mit dem "Sputnik-Schock", ausgelöst durch den ersten sowjetischen Satelliten in der Erdumlaufbahn. Washington wollte den Technologievorsprung der Kommunisten ausgleichen. Die von Shockley gegründete Firma Fairchild erhielt großzügige Entwicklungsbudgets von der Air Force und der eilig gegründeten Nasa. Gordon Moore und Robert Noyce, zwei Ex-Mitarbeiter von Shockley, gründeten kurz darauf die Chip-Fabrik Intel.

Der Auslandsgeheimdienst NSA prahlte gern, der größte Arbeitgeber für Mathematiker in den USA zu sein. Der Inlandsgeheimdienst CIA gründete die Venture-Capital-Firma In-Q-Tel - benannt nach Q, dem genialischen Entwickler aus den James-Bond-Filmen. In-Q-Tel investiert in für Geheimdienste interessante Firmen Beträge von 500.000 bis zwei Millionen Dollar, berichtete die "Washington Post" 2005 über das ansonsten nicht sehr transparente Geschäftsmodell. Pro investierten Dollar fließen elf bis 15 Dollar zurück - da kann sich sogar der Steuerzahler freuen.

Im Laufe der Jahrzehnte ist der Anteil der US-Behörden und Dienste an den Investitionen in die Silicon-Valley-Firmen massiv geschrumpft. Private Investoren übernahmen den Part. Und dann kam es zu einer Art Scheidung zwischen flippigen Internet-Nerds und professionellen Schlapphüten.

Im Juni 2012 war noch alles gut, als sich in Las Vegas Computer-Hacker und Sicherheitsexperten zur jährlichen Black-Hat-Konferenz trafen. Ein Redner war der damalige Chef der NSA (National Security Agency), Keith Alexander. Der Vier-Sterne-General hatte die Uniform daheim gelassen und lud in T-Shirt und Blue Jeans zur Karriere bei seinem Geheimdienst ein: "Wir brauchen euch!"

Im Juli 2013 besuchte Alexander erneut die Black-Hat-Konferenz. Diesmal trug er sein Militärhemd, und er warb nicht um Mitarbeiter, sondern wie ein Angeklagter um mildernde Umstände. Es gehe um die Verteidigung der Nation gegen den Terrorismus, sagte er. "Lügner!", schrien Zuhörer, er solle mal die Verfassung lesen. Als der Ober-Spion von der Bühne ging, hatte das etwas von Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies.

Kungeln mit Geheimdienst Wochen zuvor hatte Edward Snowden das Ausmaß der Kooperation zwischen Industrie und Nachrichtendiensten enthüllt. In Top-Secret-Programmen halfen die amerikanischen Internet-Riesen der NSA willig, Daten über Telefonate und die Email-Kommunikation ihrer Kunden zu speichern.

Amerikas Internet-Wirtschaft büßte dafür. Brasilien, dessen damalige Präsidentin wie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel am Telefon abgehört wurde, kündigte Aufträge für Microsoft und vereinbarte zudem mit der Europäischen Union die Verlegung eigener Unterseekabel nach Portugal, weil man der amerikanischen Infrastruktur nicht mehr vertraute. Ausländische Konkurrenten jagten den stets übermächtigen US-Konzernen durch Hinweis auf ihre eigene Diskretion Marktanteile ab.

Inzwischen demonstrieren die Konzerne Distanz gegenüber dem Staat. Google, Microsoft und Twitter veröffentlichten Reports über den Zugriff der Behörden auf ihre Daten. Es kam zu Klagen gegen die Regierung. Die Politik entschärfte Gesetze, die zur Zusammenarbeit mit der NSA verpflichteten.

Droht dem Silicon Valley jetzt neues Ungemach? Im Wahlkampf hatte Trump angekündigt, er werde das Programm für H-1B-Visa "für immer beenden", über das High-Tech-Firmen hochqualifizierte Computer-Experten aus dem Ausland für begrenzte Zeiträume einstellen. Stattdessen sollten zuerst Amerikaner eingestellt werden. Zudem hatte Trump Apple scharf attackiert, weil sich das Unternehmen nach dem islamistischen Terroranschlag im kalifornischen San Bernardino weigerte, den Behörden den Code zur Entschlüsselung des iPhones eines Attentäter zu überlassen. Apple-Chef Tim Cook argumentierte, die Überlassung des Codes, mit dem jedes iPhones entsperrt werden könnte, würde "sämtliche Freiheiten unterminieren, die unsere Regierung schützen soll".

Andere Ankündigungen Trumps dürften den Unternehmen hingegen gefallen, darunter die Senkung der Körperschaftssteuer und die Reduzierung von Auflagen. Am Ende dürfte sich das Silicon Valley auch mit dem ungewöhnlichen neuen Präsidenten arrangieren. Mark White, renommierter Anwalt im Tal der Erfinder, sagt es so: "Silicon Valley wird ständig neu erfunden. Wir machen das, indem wir einfach voranschreiten. Und dieser Prozess erzeugt eine Menge Leuchtkraft."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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