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RASSISMUS
Andreas Ross
Ein langer Marsch

Schwarze in den USA erfahren noch immer massive Diskriminierung und Gewalt. Die Fronten verhärten sich

Im März 2015 reiste Barack Obama nach Selma in Alabama. 50 Jahre zuvor hatte die Polizei hier am "Bloody Sunday" Bürgerrechtler zusammengeschlagen, die friedlich über die Edmund-Pettus-Brücke marschierten. Die Brutalität verursachte solche Empörung, dass Martin Luther Kings Bewegung (siehe Stichwort) ihren größten Erfolg errang: In Washington verabschiedete der Kongress den "Voting Rights Act", der die Teilnahme von Schwarzen an Wahlen gewährleistete. Fünf Jahrzehnte später konnte sich Amerikas erster schwarzer Präsident selbst als Erfüllung von Kings Versprechen rühmen. Obama würdigte die Demonstranten in Selma als Wegbereiter aller Afroamerikaner, die heute Unternehmen führten, als Richter amtierten oder dem Land in Washington dienten, "vom Kongress bis hin zum Oval Office". Wer diesen Fortschritt kleinrede, dem mangele es an Respekt vor den Vorvätern - und vor der eigenen Fähigkeit, die Dinge zum Besseren zu wenden.

Nur wenige Tage vor der Gedenkfeier hatte Obamas Justizministerium allerdings dem Polizei- und Justizwesen der Stadt Ferguson in Missouri die systematische Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerungsmehrheit vorgeworfen. Im Jahr davor hatte sich in dem Vorort von Saint Louis die aufgestaute Wut entladen, nachdem ein weißer Polizist einen unbewaffneten Schwarzen erschossen hatte. Und einige Monate später noch einmal, als Geschworene entschieden, den Polizisten nicht anzuklagen.

Obama ging in Selma darauf ein. "Was in Ferguson passiert ist, mag kein Einzelfall sein", sagte er, "aber es ist nicht mehr endemisch." Den Vorwurf, dass sich nichts geändert habe, wies er zurück. Dennoch werfe Amerikas "Rassengeschichte" nach wie vor "ihren langen Schatten auf uns", sagte der Präsident. Die Nation sei weit gekommen. "Doch der Marsch ist noch nicht vorbei."

Allerdings streben die Marschierenden führungslos in verschiedene Richtungen. Vor allem jungen Aktivisten erscheint Obamas Wahl und Wiederwahl nicht wie eine Vollendung von Kings Vision, sondern wie eine Sackgasse. Das ist nicht in jedem Fall ein Urteil über die Leistung des Präsidenten: Viele junge Schwarze feiern ihn und die First Lady weiterhin als Idole. Andere werfen Obama aber vor, im Amt zu zaghaft vorgegangen zu sein - womöglich in der Sorge, von den Weißen als Präsident der Schwarzen betrachtet zu werden. Gemein ist beiden Lagern, dass sie im Kampf gegen Rassismus nicht mehr dem Modell von King folgen wollen, in dem Massendemonstrationen ein von Pastoren und Protestführern eingesetztes Druckmittel waren, um Politikern konkrete Zugeständnisse abzutrotzen.

"Black Lives Matter" (BLM), die wirkmächtigste Bürgerrechtsgruppe dieser Tage, ist eigentlich gar keine. Was als Hashtag für Twitter-Botschaften anfing, ist bis heute eher eine Marke als ein Verband. BLM hat keine Satzung, keinen Vorstand, keinen Forderungskatalog. Es gibt ein Netz von knapp vierzig regionalen, lose verbundenen Aktivistengruppen - und viele weitere Gruppen, die unter dem gleichen Banner protestieren. Schwarzen Interessenvertretern alter Schule wie dem "Pastor" und Fernsehmoderator Al Sharpton laufen dagegen die Anhänger weg.

Ungeklärte Umstände Im Herz der Aufwallung steht der Protest gegen Polizeigewalt und Rassismus im Justizwesen. Ferguson, Baltimore und Charlotte sind nur einige der Städte, in denen Schwarze unter teils bis heute ungeklärten Umständen durch Polizeikugeln oder in Polizeigewahrsam umkamen. Aktivisten hielten Mahnwachen ab oder blockierten wichtige Straßen. In etlichen Fällen haben die Angehörigen der Opfer eine Handhabe, weil Passanten die Vorfälle mit ihren Handys gefilmt haben. FBI-Chef James Comey wittert angesichts steigender Mordraten in etlichen Großstädten einen "Ferguson-Effekt" - eine wachsende Befangenheit, die Polizisten aus Angst vor Strafverfolgung am beherzten Eingreifen zum Schutz der Bevölkerung hindere.

Fakt ist: Harsche Strafen, die zur Überfüllung amerikanischer Gefängnisse und einer rund zehnmal höheren Haftquote als in Deutschland führen, werden überproportional oft gegen Afroamerikaner verhängt. Schwarze Autofahrer werden häufiger angehalten, schwarze Drogensüchtige häufiger festgenommen, schwarze Bürger häufiger wegen ihrer Rasse nicht als Geschworene zugelassen. Auch die wirtschaftlichen Disparitäten bleiben krass: Das mittlere Haushaltkommen von Afroamerikanern liegt nur knapp über der Hälfte des weißen Vergleichswerts. Das Haushaltsvermögen beträgt sogar nur ein Zwölftel. Die Nachfahren der Sklaven hatten vergleichsweise wenig Gelegenheit, Vermögen zu erwerben und vererben, deshalb sind Schwarze viel seltener Hausbesitzer. Gut ein Viertel der Afroamerikaner lebt in Armut. Dennoch war es noch nie so salonfähig wie heute, an Afroamerikaner gerichtete Sozial- und Förderprogramme auf eine angebliche rassische Besessenheit der Linken zurückzuführen. Auch darauf gründet der Wahlsieg von Donald Trump. Er und "Black Lives Matter" sind Antipole. Doch sie haben eine gemeinsame Wurzel: den Vertrauensverlust in vermittelnde Instanzen, der in Amerika breite Bevölkerungsschichten erfasst hat. Trump wie auch die Aktivisten erreichen ihr Publikum direkt über Twitter. Sowohl die Schwarzen-Bewegung als auch der designierte Präsident mobilisieren eher mit lauten Protestbotschaften als mit Lösungsverschlägen oder gar Gesetzesvorhaben. Trump hat "Black Lives Matter" im Wahlkampf fälschlich vorgeworfen, Gewalt gegen Polizisten gutzuheißen und die schwarzen Polizistenmörder von Dallas und Baton Rouge angestachelt zu haben. "Black Lives Matter"-Aktivisten wiederum bezeichnen den Präsidenten in spé als Rassisten oder gar Faschisten. Zu einer Einladung ins Weiße Haus dürfte es sobald nicht kommen. Doch es gäbe sowieso keinen Sprecher, der im Namen der Bewegung einen "Deal" mit Trump schließen könnte. Unter Obama ging Al Sharpton im Weißen Haus ein und aus. Doch immer weniger Afroamerikaner versprechen sich etwas vom Marsch durch die Institutionen.

Manche Demokraten glauben, dass Hillary Clinton auch deshalb verloren hat, weil sie die Wählerschaft zu offensichtlich in lauter Minderheiten unterteilt habe. Dass sie sich die Klage über einen "systemischen Rassismus" in Amerika zu eigen machte, empfanden viele Weiße als Schlag ins Gesicht. Und für die Demokratin ging die Rechnung nicht auf: Rund zwei Millionen schwarze Obama-Wähler mochten Clinton ihre Stimme nicht geben.

Der Autor ist

Nordamerika-Korrespondent der FAZ.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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