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MUSLIME
Damir Fras
»Nur einen Terroranschlag entfernt von der Verhängung des Kriegsrechts«

Weniger als ein Prozent der US-Amerikaner gehören dem Islam an. Der künftige Präsident will sie in einer Datenbank erfassen - zur »Terrorvorbeugung«

Der handgeschriebene Brief ist in seiner Aussage unmissverständlich. Donald Trump, heißt es in den anonymen Schreiben, werde mit den Muslimen das machen, was Hitler mit den Juden gemacht habe: "Ihr Muslime seid ein abscheuliches und schmutziges Volk. Ihr seid böse. Ihr betet den Teufel an. Aber der Tag der Abrechnung ist gekommen."

Der Brief ist dieser Tage in einer Moschee in Kalifornien eingegangen. Die Polizei versucht, die Schreiber der hasserfüllten Zeilen zu ermitteln. Und die Adressaten versuchen, Haltung zu bewahren.

Angst vor Schlimmerem Seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten sind viele Muslime in einem Gemütszustand zwischen Hoffen und Bangen. Einerseits hoffen sie, dass es nicht so schlimm kommen wird, wie befürchtet. Andererseits haben sie Angst, dass es noch viel schlimmer kommen könnte. Die angesehene Beobachtungsstelle für Rassismus, Extremismus und Fremdenfeindlichkeit, das Southern Poverty Law Center, hat in den ersten zehn Tagen nach der Wahl fast 900 Fälle von Hass-Attacken gegen Minderheiten registriert. Etwa sechs Prozent davon waren gegen Muslime gerichtet - jene Religionsgruppe, die sich Trump im Wahlkampf in besonderem Maße vorgenommen hat. Nach einer Statistik der US-Bundespolizei FBI ist die Zahl der Übergriffe auf Muslime im Jahr 2015 rasant angestiegen. Auch im Büro von Jim Sues ist ein Brief eingegangen, abgeschickt in Anchorage/Alaska von einer Gruppe, die sich "Global Security Bureau" nennt und nur eine Postfachadresse aufweist. Im Umschlag steckt ein Flugblatt, das nicht auf den ersten Blick mit Hasstiraden aufwartet wie der Brief aus Kalifornien. Aber Sues macht sich dennoch Sorgen wegen der Kreuzritter-Symbolik und der wirren Einträge. Er sagt, die hasserfüllte Rhetorik gegen Muslime gebe es nicht erst seit der Wahl. Aber er habe den Eindruck, die Wahl Trumps zum Präsidenten habe eine Schleuse geöffnet.

Sues ist Regionaldirektor von CAIR im Bundesstaat New Jersey. Der Rat für amerikanisch-islamische Beziehungen unterstützt US-Muslime, wenn sie sich diskriminiert fühlen. Sues sagt, er habe immer noch Hoffnung, dass Trumps schrille Ankündigungen aus dem Wahlkampf nicht mehr als Kneipengeschwätz waren.

Dessen anti-muslimischer Wahlkampf begann vor mehr als einem Jahr. Im November 2015 behauptete Trump, er habe gesehen, wie am 11. September 2001 Tausende von Muslimen in New Jersey gejubelt hätten, als das World Trade Center einstürzte. Beweise dafür gibt es nicht. Trumps Anhänger jubelten trotzdem.

Dann geschah das Attentat von San Bernardino, und Trump forderte einen vorläufigen Einreisestopp für Muslime in die USA. Diese Idee schwächte er später etwas ab, um dann von einer Datenbank zu fabulieren, in die alle Muslime in den USA aus Gründen der Terrorvorbeugung aufgenommen werden sollten. Außerdem sollen Menschen aus Ländern, die mit dem Terrorismus in Verbindung stehen, künftig sorgfältig wie nie zuvor überprüft werden, bevor sie ein Einreisevisum bekommen.

Das ist alles noch unscharf. Doch viele Muslime sind verunsichert und ängstlich. Muslimen-Funktionär Sues sagt, würden Trumps Ansagen in Politik übersetzt, dann würde sich die Spaltung der US-Gesellschaft nur noch verschärfen. Er hofft darauf, dass sich Trump mit Mitarbeitern umgeben wird, die um diese Gefahr wüssten. Doch die ersten Personalentscheidungen deuten in eine andere Richtung. Der künftige nationale Sicherheitsberater Trumps hat den Islam beispielsweise einmal als gefährliche politische Ideologie bezeichnet, einen "bösartigen Krebs".

Intellektuelle wie Moustafa Bayoumi sorgen sich. "Es fühlt sich an, als seien wir nur einen Terroranschlag entfernt von der Verhängung des Kriegsrechts", schreibt der Professor aus New York im "Guardian": "Und dabei hat die neue Regierung ihre Arbeit noch nicht einmal aufgenommen." Heute gebe es weiße US-Amerikaner, die glaubten, dass die Muslime daran arbeiteten, das islamische Rechtssystem der Scharia einzuführen. "Diese Vorstellung kultiviert eine Stimmung der Verbitterung und des Argwohns, obwohl sie fundamental falsch ist", sagt Bayoumi. Doch wie gegen Stereotypen ankämpfen, wenn der Sieger der Präsidentschaftswahl die klischeehaften Bilder immerzu mit neuer Farbe auffrischt?

Mohamed Khairullah hat eine Idee. Er ist 41 Jahre alt, gebürtiger Syrer, Muslim und seit mehr als einem Jahrzehnt Bürgermeister des Städtchens Prospect Park in New Jersey. Khairullah sagt, man müsse sich einmischen, jetzt noch mehr als zuvor: "Wenn du nicht am Tisch sitzt, dann bist du Teil der Speisekarte."

Wachsende Widerstände Seit der Wahl habe er viele Nicht-Muslime getroffen, die zusammen mit Muslimen im Land Schlimmeres verhindern wollten. Wenn Trump die Idee einer Datenbank für Muslime tatsächlich verwirklichen wolle, dann werde er schon sehen, was er bekommen werde. "Mir haben Christen und Juden gesagt, dass sie sich dann einfach als Muslime ausgeben und registrieren lassen werden", sagt Khairullah. Widerstand formiert sich auch anderer Stelle. Hunderte Mitarbeiter von US-Technologiekonzernen haben mittlerweile auf der Website neveragain.tech schriftlich hinterlegt, dass sie niemals Informationen für eine Muslimen--Datenbank liefern wollen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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