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Aufgekehrt
Sören Christian Reimer
Von Flensburg lernen

Flensburg hatte einst eine für Europa beschwingende und rumreiche Bedeutung. Im 18. Jahrhundert, als die Nordlichter in Flensburg noch Dänen waren, erblühte dieses Fleckchen Erde unter dem erheblichen Einfluss der hohen Prozente als europäisches Mekka des Rum-Verschnitts. Es half, dass man in Dänisch-Westindien Zucker en masse produzierte. Rum und Ruhm sind aber bekanntlich so bekömmlich wie vergänglich, die Geschichte wechselhaft und folglich kennt man Flensburg heute nur noch, weil dort das Kraftfahrt-Bundesamt sitzt. Kein Ruhmesblatt.

Aus dieser Mahnung der Geschichte haben unsere tschechischen Nachbarn nichts gelernt: Statt Rum zu machen beziehungsweise zu trinken, meckern die Tschechen gerade rum. Eben wegen Rum. Hintergrund ist eine Offerte aus dem ehemaligen Bruderstaat Kuba. Der Inselstaat war mit seinem sozialistischen Experiment so unglaublich erfolgreich, dass noch Schulden in Höhe von rund 276 Millionen Dollar aus Zeiten des Kalten Krieges bestehen. In Überwindung der bösen Geldwirtschaft schlug laut Medienberichten Kuba vor, die ausstehenden Summen in Naturalien, sprich: Rum, zu begleichen. Vermutlich weil Rum einen hohen Gebrauchswert hat und sich nach dem dritten bis siebten Glas jedwedes Gefühl der Entfremdung, wenn es denn nicht ganz verschwindet, doch zumindest richtig anfühlt. Und die marxistische Werttheorie ist dann auch vergessen. Doch die Tschechen lassen sich offenbar nicht rumkriegen: Sie wollen harte Währung, nicht harten Alkohol. Das wundert nicht, sprießen in dem Land doch bekanntlich die Pils wie Pilze auf dem Boden. Cuba Libre, aber bitte in Peso!Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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