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Ortstermin: Die »American Academy«
Eva Bräth
Transatlantischer Dialog am Wannsee

Wer die US-Botschaft in Berlin besuchen möchte, muss sich ins politische Zentrum begeben. Neben dem Brandenburger Tor hat die diplomatische Vertretung ihren Sitz. US-"Botschafter" kann man aber noch an ganz anderer Stelle antreffen: In der American Academy am Wannsee. 1994 von US-Diplomat Richard Holbrooke gegründet, fördert die private Einrichtung den Dialog zwischen der alten und der neuen Welt.

Mit der S-Bahn geht es in den Berliner Südwesten, Ausstieg am Bahnhof Wannsee, dann fünf Gehminuten durch die Villenkolonie am Sandwerder. Auf der Uferseite liegt das weiße zweistöckige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, in dem die American Academy untergebracht ist. Das Eisentor öffnet sich, Programmdirektor Thomas Rommel kommt durch die Tür. Er erklärt die Arbeit der Einrichtung: "Die Academy versteht sich als Ort, an dem hochqualifizierte Geistes- und Sozialwissenschaftler, aber auch Journalisten, Künstler und Policy-Experten aus den USA ihre Forschung voranbringen und sich mit der Stadt vernetzen", sagt der Literaturwissenschaftler, der seit September an der Academy arbeitet und zuvor Rektor des Bard College in Berlin war. Zwölf Stipendiaten arbeiten sechs Monate an ihrem Projekt und stehen mit Berliner Wissenschaftlern und Kulturschaffenden in Kontakt. Sie wohnen in der Akademie, tauschen sich regelmäßig aus: "So kann Interdisziplinarität auf natürliche Weise im Alltag entstehen", erklärt Rommel.

Exklusiv, aber öffentlich - diese Prinzipien sind der Akademie wichtig. Die Stipendiaten sollen "die fachliche Spitze der USA" abbilden. Eine Gutachterkommission wertet jährlich hunderte Bewerbungen aus. Aber jeder soll durch öffentliche Veranstaltungen an der Arbeit teilhaben können, nicht nur die klassisch bildungsorientierten Gruppen, sagt Rommel.

Primäre Interessen seien "das Netzwerken" und der "intellektuelle und kulturelle Austausch". "Die Fellows kommen als Botschafter Amerikas hierher und sie gehen als Botschafter Berlins zurück", sagt Rommel. Ein Dialog entstehe auch bei den Diskussionsveranstaltungen: "Über die Fachdiskussion hinaus gibt es eine Vermittlung von Gesprächs- und Debattenkultur", sagt Rommel begeistert. Das 2013 gegründete "Richard Holbrooke Forum for the Study of Diplomacy and Governance" wird ab Frühjahr 2017 zusätzlich Veranstaltungen anbieten.

Der Dialog zwischen Deutschland und den USA sei wichtig, weil die Länder eine besondere Freundschaft verbinde, betont Rommel. "Die Verbindung ist hier spürbar", sagt er.

Ist der transatlantische Dialog nach der Wahl von Donald Trump noch wichtiger geworden? "Es ist nun besonders wichtig, ein Forum für den Austausch verschiedener Vorstellungen zu haben", meint Rommel. Als unabhängige und überparteiliche Institution sei die Akademie dafür besonders geeignet. d

Die Einrichtung finanziere sich ausschließlich durch private Gelder, Rommel zeigt die Spendentafel, die im Eingangsbereich hängt. Hauptspender sind die Nachfahren der jüdischen Bankiersfamilie Arnhold, die vor dem Zweiten Weltkrieg in der Wannsee-Villa lebte und 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen musste. Die Familie veranstaltete damals regelmäßig Diskussionsabende. "Die American Academy knüpft heute an diese Tradition an", erzählt Rommel.Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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