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GEDENKSTUNDE
Sören Christian Reimer
Die Mutmacherin

Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger lobt Flüchtlingspolitik

Wir schaffen das." Als Ruth Klüger diesen Satz zum Schluss ihrer Rede zum "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" vergangenen Mittwoch im Bundestag ausspricht und als "heroisch" bezeichnet, sitzt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nur wenige Meter entfernt von ihr mitten im Plenum. Am Abend zuvor hatte die Kanzlerin, die mit diesen Worten vergangenen Herbst die inzwischen umstrittene Leitlinie in der Flüchtlingspolitik vorgegeben hatte, erneut um Zustimmung für ihre Politik in ihrer zerstrittenen Fraktion geworben. Mit Horst Seehofers (CSU) Bayern liegt sie ohnehin im Clinch und auch auf europäischer Ebene ist von Unterstützung für den Kurs der Kanzlerin wenig zu spüren. Klüger, die Auschwitz-Überlebende, die ehemalige Zwangsarbeiterin, stellte sich, ohne Merkel beim Namen zu nennen, demonstrativ hinter ihren Kurs. Deutschlands Haltung in der Flüchtlingskrise sei der "Hauptgrund", warum sie überhaupt nach Berlin gekommen sei, um im Bundestag von ihrem Schicksal als Zwangsarbeiterin zu berichten. Deutschland, "das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war", habe den "Beifall der Welt" gewonnen. Auch sie gehöre inzwischen zu den Bewunderern, sagte die 84-jährige US-Amerikanerin.

Die List Zuvor hatte die 1931 in Wien geborene Klüger eindrücklich und im sachten Zungenschlag ihrer Geburtsstadt von ihren Erlebnissen berichtet. Die Erfahrungen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bildeten in diesem Jahr den Schwerpunkt des seit 1996 im Bundestag begangenen Gedenkens. Die Literaturwissenschaftlerin, deren Vater, ein jüdischer Gynäkologe, und Halbbruder von den Nazis umgebracht wurden, war 1942 mit ihrer Mutter nach Theresienstadt und später nach Auschwitz-Birkenau ins sogenannte "Theresienstädter Familienlager" verschleppt worden. Die meisten dorthin Deportierten wurden in den Gaskammern ermordet. Klüger entging diesem Schicksal durch eine List. Im Sommer 1944 gelang es ihr, sich in eine "Selektion" arbeitsfähiger Frauen "einzuschmuggeln". Die damals Zwölfjährige gab sich auf Anraten einer Schreiberin als 15-Jährige aus. Es sei "eine sehr unwahrscheinliche Lüge" gewesen, gab Klüger zu, "denn ich war nach fast zwei Jahren Theresienstadt unterernährt und unentwickelt". Als ein Mann der SS Zweifel an dieser Angabe äußerte, habe die Schreiberin auf die starken Beine des jungen Mädchens verwiesen: "Sehen Sie doch nur, die kann arbeiten." Der SS-Mann ließ sie gewähren. "Einem Zufall von wenigen Minuten und einer gütigen jungen Frau, die ich nur einmal im Leben gesehen habe, verdankte und verdanke ich mein Weiterleben", berichtete Klüger, die ihre Erlebnisse in der 1992 erschienenen Autobiographie "Weiter Leben. Eine Jugend" niedergelegt hatte.

Zusammen mit ihrer Mutter wurde sie dann ins Frauenlager Christianstadt, einem Außenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen in Niederschlesien im heutigen Polen, gebracht. Die Erleichterung, Auschwitz und der "erdrückenden Todesangst" entkommen zu sein, die sie in den ersten Tagen in Christianstadt verspürt habe, habe nicht lange angehalten. Im "kältesten Winter meines Lebens" musste die dann 13-Jährige Wälder roden, Bäume ausgraben und Schienen tragen. Warum sie das tun sollte, habe man ihr nicht erzählt und es habe sie auch nicht interessiert. Manchmal musste sie zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Freundin Susi im Steinbruch arbeiten. "Im Steinbruch war es zum Verrecken kalt. Wir klammerten uns aneinander, aber das nützte nicht viel." Diese Erfahrung brannten sich bis in ihr Unterbewusstsein ein: "Vom Steinbruch träume ich noch manchmal. Es ist ganz öde, ich möchte mich irgendwo wärmen, aber wo denn?"

Nicht nur die Kälte, auch der Hunger setzte den Zwangsarbeitern zu. Klüger schilderte Begegnungen mit deutschen Zivilisten, die häufig Vorarbeiter waren. Mit einem "dicken, vierschrötigen Mann" sei sie eines Tages ins Gespräch gekommen, von der Hoffnung getrieben, von ihm ein Schmalzbrot für sich, Susi und ihre Mutter zu ergattern. Doch am Ende habe er ihr nur ein kleines Stück abgeschnitten. "Er fraß mit Genuss, während er mir vom hungernden Deutschland berichtete."

Momente der Freude fand sie in kleinen Akten des Widerstands, das Nicht-Lernen des Gleichschritts zum Beispiel. Das habe die Aufseherinnen geärgert. "Es freute mich in meinem kindlichen, vorfeministischen Widerstandstrotz, dass man jüdische Hausfrauen nicht veranlassen konnte, im Schritt zu gehen", sagte Klüger.

Das Perfide an der Stellung der Zwangsarbeiter sei ihre komplette Ersetzbarkeit gewesen. "Die Zwangsarbeiter der Nazis waren wertlos, die Ausbeuter konnten sich immer noch neue verschaffen. Sie hatten ja so viel 'Menschenmaterial', wie sie es nannten, dass sie es wortwörtlich verbrennen konnten", sagte Klüger. Das habe insbesondere für Frauen gegolten, die anders als Männer meist keinen Beruf außerhalb des Haushalts ausgeübt hätten. "Sie hatten fast nichts zu bieten als ihre beschränkte Geschicklichkeit und die verminderte Körperkraft der Hungernden." Eine Ausnahme davon sei die Prostitution gewesen. Klüger erinnerte an die Frauen, die in sogenannten "Sonderbaracken" etwa im KZ Mauthausen "sexuelle Zwangsarbeit" leisten mussten. Diesen Frauen, die, wie Klüger betonte, keine Jüdinnen sein durften, weil es sich sonst um "Rassenschande" gehandelt hätte, sei auch nach dem Krieg Unrecht widerfahren. Ihnen sei die Anerkennung als Zwangsarbeiterinnen verwehrt geblieben, sie hätten keinen Anspruch auf "sogenannte Wiedergutmachung" gehabt oder hätten ihn nicht erhoben. "Das ist nicht eine 'Arbeit', die man sich freiwillig aussucht, wie den missbrauchten Frauen nach dem Krieg manchmal zynisch vorgeworfen wurde", sagte Klüger. "Wenn wir heute hier der Zwangsarbeiterinnen von damals gedenken, so müssen wir sie miteinschließen."

Es war bekannt Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hatte zu Beginn der Gedenkstunde daran erinnerte, dass mit der Befreiung der Konzentrationslager durch die Alliierten nicht nur eine "beispiellos grausame Tötungsmaschinerie" gestoppt worden sei, der Millionen Juden, Sinti und Roma, kranke und behinderte Menschen, Kriegsgefangene, Deserteure und Andersdenkende zum Opfer gefallen waren. "Gerettet wurden zugleich Million Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, denen Deutsche die Freiheit geraubt hatten, um ihre Arbeitskraft auszubeuten." Sie hätten "am unteren Ende der menschenverachtenden Hierarchie des NS-Staates gestanden", sagte der Christdemokrat. "Ihren Tod 'durch Arbeit' nahmen die Ausbeuter bewusst in Kauf." Wie auch Klüger betonte Lammert, dass die Deutschen von der Zwangsarbeit gewusst hätten. Allein in Berlin habe es knapp 3.000 Sammelunterkünfte für rund eine halbe Million Zwangsarbeiter gegeben. Es habe sich um ein "vor allen Augen begangenes Verbrechen" gehandelt, das trotzdem "lange nicht den ihren Opfern gebührenden Platz in der deutschen Erinnerungskultur" gefunden habe. So hätten deutsche Unternehmen von der Zwangsarbeit während des Krieges "erheblich profitiert", aber erst spät Verantwortung dafür übernommen. Ohnehin könne "Entschädigung" nicht mehr als eine Geste sein, "ein Zeichen an die wenigen Überlebenden, dass wir ihre Qualen nicht vergessen haben und ihre Geschichte ein Teil unserer Geschichte ist", sagte Lammert.

Nach Klügers Ansprache dankte der Bundestagspräsident der Rednerin für ihr "eindrucksvolles Zeugnis" und ihre Worte - auch in Hinblick auf das Hier und Jetzt: "Ich bekräftige ihre Zuversicht: Wir schaffen das."Sören Christian Reimer

Die Reden von Ruth Klüger und Norbert Lammert sind in der Debattendokumentation abgedruckt. Eine Videoaufzeichnung ist auf www.bundestag.de zu finden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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