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Gastkommentare - Contra
Ulrich Schulte, "die tageszeitung", Berlin
Historischer Fehler

Auch Deutsche Grenzen schließen?

D ie Grenzen zu schließen wäre ein historischer Fehler. Es ist richtig, dass sich Kanzlerin Angela Merkel diesem Szenario hartnäckig verweigert. Was nach einer guten Idee klingt, um die Flüchtlinge zu stoppen, richtete immensen Schaden an.

Das zeigt ein Gedankenspiel. Als erstes ginge es um die Grenze zu Österreich, dem letzten Transitland auf der Balkanroute nach Deutschland. Allein diese Grenze ist 815 Kilometer lang. Sie ließe sich nur mit immensem Aufwand sichern, mit Zäunen, Stacheldraht, zehntausenden Polizisten. Selbst wenn man die Kosten vernachlässigt: Deutschland sendete ein fatales Signal in die Welt. TV-Sender zeigten verzweifelte Familien vor dem deutschen Zaun. Vielleicht käme es zu Gewalt. Ein offenes, auf Mitmenschlichkeit setzendes Europa wäre Vergangenheit. Für Merkel, die in der DDR aufwuchs, muss das eine fürchterliche Vorstellung sein.

Wie ginge es weiter? Die Wirtschaft litte, wichtige Verbände wie der DIHK sagen Milliardenverluste voraus. Arbeitsplätze gingen verloren. Das Pendeln in grenznahen Gebieten, der große Vorteil des Schengen-Raumes, wäre perdu. Vor allem aber würden alle anderen EU-Staaten dem deutschen Beispiel folgen. Europa schottete sich ab. Die Leidtragenden wären die Staaten mit EU-Außengrenzen. Griechenland, sowieso existenziell geschwächt, bräche unter der Last der Flüchtlinge zusammen. Italien litte, weil sich die Fluchtrouten verlagerten. Tausende verzweifelter Menschen ertränken im Mittelmeer. Die Türkei jagte die Leute ins Kriegsgebiet nach Syrien zurück.

Nein, Merkel hat Recht. Eine Grenzschließung mündete in einer Katastrophe. Diese Krise ist zu ernst für Scheinlösungen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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