Inhalt

BUNDESTAG
Volker Müller
Kein Heiligenbild

Medienpreis Politik für Radiofeature »Rhetorik der Macht«

Kann das gut gehen, wenn eine Journalistin über ihre ehemalige Schulkameradin, die inzwischen Politikerin ist, ein Radiofeature produziert? Die Jury meinte ja und hat der freien Hörfunkjournalistin Sandra Stalinski für ihr Porträt der hessischen Grünen-Politikerin Angela Dorn den Medienpreis Politik 2015 des Deutschen Bundestages zuerkannt. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) verlieh ihr den Preis in der vergangenen Woche. Damit ging der mit 5.000 Euro dotierte Preis zum zweiten Mal hintereinander an eine Vertreterin des "guten alten Dampfradios", wie Jury-Vorsitzender Thomas Kröter von der DuMont Redaktionsgemeinschaft anmerkte.

Beide, die Journalistin und die Politikerin, kennen sich aus der gemeinsamen Schulzeit in Aschaffenburg. Angela Dorn, die Porträtierte, hat bei den Grünen Karriere gemacht. Sie ist inzwischen Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion im Hessischen Landtag, außerdem Diplom-Psychologin und Mutter von drei Kindern. Für die Journalistin Sandra Stalinski war dies Anlass, den alten Kontakt wieder aufleben zu lassen und herauszufinden, ob und wie sich die Schulfreundin in ihrem Job als Politikerin verändert hat. Das Ergebnis, das das Deutschlandradio Kultur am 6. Juli 2015 als halbstündiges Radiofeature ausstrahlte, lautet: Ja, Angela Dorn hat sich verändert in diesem Beruf. Sie spielt eine Rolle, wenn sie in der Öffentlichkeit steht.

Thomas Kröter sagte, die Jury habe sich gefragt, ob die Tatsache, dass sich beide von früher gut kennen, die Objektivität der Journalistin eingeschränkt habe. Sie sei aber zum Ergebnis gekommen, dass durch die alte Freundschaft eine Vertrauensbasis geschaffen wurde, die den Zugang zu Angela Dorn erleichtert hat. Dadurch sei kein unkritisches Heiligenbild, aber auch kein Zerrbild der Porträtierten entstanden. "Rhetorik der Macht oder: Wir wird man (als) Politiker?" hatte Sandra Stalinski ihr Feature betitelt. Ihr Beitrag sei eine "kleine Vertrauenserklärung für die Menschen, die sich für dieses Gemeinwesen engagieren", sagte Kröter.

Kröter leitete die siebenköpfige, aus Journalisten zusammengesetzte Jury, die aus 61 Bewerbungen eine Vorauswahl von drei Nominierten traf. Jury-Mitglied Claudia Nothelle vom Rundfunk Berlin-Brandenburg würdigte neben dem preisgekrönten auch die beiden anderen Beiträge: Einen Live-Blog von "netzpolitik.org", einer "Plattform für digitale Freiheitsrechte", und ein Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) mit dem frühen Bundestags- und Europaabgeordneten der Grünen, Werner Schulz.

Markus Beckedahl und Andre Meister sind die Protagonisten von netzpolitik.org, die im vergangenen Sommer wegen Verdachts des Landesverrats in die Schlagzeilen geraten waren. Nominiert war ihr Live-Blog vom 21. Mai 2015, als der Präsident des Bundesnachrichtendienstes Gerhard Schindler im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages als Zeuge vernommen wurde. Ihr Beitrag trägt den Titel "Wir wollten aus Snowden-Dokumenten lernen, ob wir das auch können". Darin sind die Fragen der Abgeordneten und die Antworten des Zeugen in komprimierter Form protokolliert. Die Frage, ob ein solcher Blog Journalismus sei, habe die Jury bejaht, sagte Claudia Nothelle. Parlamentarische Arbeit werde "in seltenem Maße" transparent dargestellt, der Beitrag steche durch seine "Andersartigkeit" hervor.

Das FAZ-Interview führten die beiden Redakteure Eckart Lohse und Matthias Wyssuwa mit Werner Schulz in dessen Haus in der Uckermark. Leitmotiv: die politische Rede. Dazu passend trägt das Interview den Titel "Gegen Windmühlen reden", erschienen ist es am 31. Dezember 2014. Im Interview schimmere Schulz' "Sehnsucht nach funkelnden Worten und pointierten Formulierungen" durch, lobte Claudia Nothelle.

Fundamentales Misstrauen Bundestagspräsident Lammert sagte, 25 Jahre nach der friedlichen Revolution sei der Bundestag mit Bürgerbriefen zur aktuellen politischen Situation konfrontiert, in denen der Wahrheitsgehalt von Presseberichten dem zu DDR-Zeiten gleichgestellt werde. Im Begriff "Lügenpresse" schlage sich ein fundamentales Misstrauen nieder, was Anlass zur Besorgnis gebe. Gleichzeitig gebe es aber hohe Werte für die Qualität des journalistischen Angebots im Allgemeinen. Lammert erinnerte an den Aufruf der ZDF-Moderatorin Dunja Hayali bei der Verleihung der Goldenen Kamera, offen zu sein und fair zu bleiben, denn die Wahrheit brauche einfach Zeit. "Seien Sie offen, bleiben Sie fair, differenzieren Sie. Gönnen Sie sich die Zeit, die die Wahrheit braucht", appellierte Lammert an die Journalisten.

Der Medienpreis Politik, den der Bundestag seit 1993 vergibt, würdigt publizistische Arbeiten, die zu einem vertieften Verständnis parlamentarischer Praxis beitragen. Ausgezeichnet werden können Beiträge aller Medienformen, regionalen wie überregionalen Zuschnitts.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag