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EDITORIAL
Jörg Biallas
Faust in der Hosentasche

Ob die Mehrheit der Briten jetzt, im Lichte der absehbaren Konsequenzen, wohl noch einmal für den Austritt aus der Europäischen Union stimmen würde? Inzwischen ist klar: Der Brexit kostet die britische Volkswirtschaft ein Vermögen. Er zeitigt unwägbare Folgen für den Finanzmarkt, stellt die Bürokratie des Landes vor enorme Aufgaben, wird zu Teuerung und Arbeitsplatzverlust führen und könnte sogar die Grundfesten des Vereinigten Königreiches erschüttern. Dann nämlich, wenn Schottland sich abspaltet, um weiter zur EU gehören zu können. Oder wenn die EU-Außengrenze zwischen Irland, Mitglied der Gemeinschaft, und Nordirland verlaufen und damit der mühsam erreichte Frieden in dieser Region erneut auf die Probe gestellt würde.

In Großbritannien lässt sich beispielhaft besichtigen, welche fatalen Folgen populistische Versprechen in der Politik haben können. Es ist zulässig, darüber zu diskutieren, ob und wie viel nationalstaatliches Selbstbewusstsein die EU zulassen sollte. Und es ist nachvollziehbar, wenn beklagt wird, die EU habe sich in der Vergangenheit zu sehr in die inneren Angelegenheiten ihrer Mitgliedstaaten eingemischt. Daraus aber den Schluss zu ziehen, ein Austritt aus der Gemeinschaft könne die aktuellen und zukünftigen Probleme des Landes auf einen Schlag lösen, ist nicht begründbar, ja unverantwortlich.

Angesichts der Weltlage ist klar, dass die Nationen in Europa und darüber hinaus enger zusammenrücken müssen statt sich voneinander zu entfernen. Auch wenn der Brexit in die falsche Richtung weist: Der Wust von Nachteilen, der auf die Briten unweigerlich zukommt, könnte auch dazu dienen, andere europäische Staaten von einem vergleichbaren Weg abzuhalten. Wenigstens das.

Es dürfte spannend werden zu beobachten, wie sich die Brexit-Verhandlungen entwickeln. Bande, die über viele Jahre so eng geknüpft worden ist, in nur zwei Jahren juristisch unanfechtbar zu lösen, ist eine enorme Herausforderung.

Dabei wird es nicht ohne Zugeständnisse der Aussteiger gehen. Wenn dann die britische Faust auf dem Brüsseler Verhandlungstisch immer wieder in der Hosentasche verschwindet, um überhaupt ein einvernehmliches Gesprächsergebnis zu erzielen, wird sich zeigen, wie konstant die Brexit-Begeisterung auf der Insel bleibt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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