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Vor 20 Jahren...
Benjamin Stahl
Havels Rede über Heimat

Tschechischer Präsident im Bundestag Es war nicht nur eine politische, sondern auch ein philosophische Rede, die die Mitglieder von Bundestag und Bundesrat am 24. April 1997 zu hören bekamen. Nicht ganz überraschend, stand doch am Pult mit Václav Havel nicht nur der tschechische Präsident, sondern auch ein Literat und Essayist. Überraschender war dagegen das Thema, das sich der fünfte Gastredner in der Geschichte des Deutschen Bundestages gewählt hatte.

Eigentlich sprach Havel auf Einladung von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) anlässlich der deutsch-tschechischen Aussöhnungserklärung. Die "Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung" war erst einige Wochen zuvor unterzeichnet worden. Doch Havel sprach nicht über bilaterale Beziehungen. Havel sprach über "Heimat". Diese solle nicht länger als "abgeschlossene Struktur" begriffen werden, sondern als "Teil der Welt im Ganzen". Die bisherige Interpretation des Heimatbegriffs habe in ihrer extremen, nationalistischen Form Chauvinismus, Provinzialismus und Fremdenfeindlichkeit hervorgebracht - und das habe "zu Gewalt, ethnischen Säuberungen, Kriegen und Konzentrationslagern" geführt.

Politisch wurde Havel dennoch. An die Sudetendeutschen gerichtet sagte er, die Tschechische Republik könne ihnen ihr altes Zuhause nicht zurückgeben. Für ihn sei es dank der deutsch-tschechischen Aussöhnung aber möglich, die Vertriebenen nicht als Gäste, sondern als "unsere einstigen Mitbürger" willkommen zu heißen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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