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Jan Rübel
Reiten auf der Hoffnungswelle

Berlin ist der Magnet für kreative Gründer aus ganz Europa. Arbeitnehmerrechte sind in der aufstrebenden Branche unterentwickelt

"Lolovono" steht weiß in Handschrift auf dem Holzschild über der Tür geschrieben - ein Ort in Tansania. Dahinter eine Kammer mit rotem Sofa, gegenüber ein Flachbildschirm an der Wand; dazwischen im Regal ein Glas mit löslichem Bohnenkaffee, eine Petroleumlampe und ein Plastikschlauch mit 50 ml Gin; "ein Rückzugsraum für unsere Skypekonferenzen", ruft Falk Reimann, er schaut kurz hinein. "Das Zimmerchen ist typisch eingerichtet mit Fundstücken aus Afrika - damit wir uns in unsere Kunden hineinversetzen können."

Das Zimmer steht in Berlin, im dritten Stock eines alten Postgebäudes in Kreuzberg. Falk Reimann kümmert sich um Investor Relations bei Mobisol. 2012 gegründet, ist sie ein typisches Startup mit einer untypischen Idee. Mobisol verbindet Mobilfunktechnologie mit Solartechnik und Mikrokrediten; es ist die Erfolgsstory einer genialen Idee, bei der man sich fragt, warum sie erst jetzt Beine kriegt: Mobisol liefert kompakte Solarsysteme in Regionen Ostafrikas ohne Stromnetz. Die Anlagen haben eine Leistung zwischen 80 und 200 Watt; das reicht fürs Laden mehrerer Handys, Licht, Radio und TV. Die Kunden zahlen in Raten übers Mobile Banking ihrer Handys; ein in Ostafrika viel weiter verbreitetes Bankgeschäft als in Europa.

Im dem Flur hängt eine Tafel, darauf eine Digitalanzeige: "Latest System Sale 73.880" - so viele Einheiten wurden bereits verkauft. Die Idee zu Mobisol kam den Gründern bei einer Afrikareise, sie spürten die Dunkelheit am Abend in den stromlosen Gegenden, rochen den Gestank der Petroleumlampen und sahen die pralle Sonne am Tag. Sie ahnten: Sich an den Markt anpassen ist erfolgversprechender als fertige Konzepte zur Blaupause zu nutzen. Sie lernten und bauten auf.

Mobisol ist nur ein Beispiel von vielen. Berlin hat sich zum Magneten für Gründer aus ganz Europa entwickelt, im Jahr 2015 flossen rund 2,1 Milliarden Euro Risikokapital in die Stadt. Laut der Studie "Booming Berlin" vom Institut für Strategieentwicklung (IFSE) waren im vergangenen Jahr 13.200 Mitarbeiter in Berliner Startups beschäftigt, ihre Zahl habe sich binnen der letzten drei Jahre fast verdoppelt; in wenigen Jahren, so das Institut, würden Startups Berlins größten Arbeitgeber bilden. Doch was sind Startups genau? Streng genommen handelt es sich um Unternehmungen mit einem expansionsfähigem Geschäftsmodell, die ohne Internet nicht existierten und nicht älter als fünf Jahre sind - Mobisol also wird längst flügge.

Falk Reimann steht in der Küche an einem Kicker. "Unser Unternehmen ist aufgrund des Geschäftsmodells bei den derzeitigen hohen Wachstumsraten cashflow-negativ", sagt er. "Daher haben wir verschiedene Modelle zur Finanzierung entwickelt und stoßen auf großes Interesse sowohl bei potenziellen Eigen- als auch Fremdkapitalgebern." Schließlich vergibt Mobisol an seine Kunden einen Kredit; abgesichert ist er durch die Wertigkeit ihres Produkts: Wer nicht zahlt, sitzt im Dunklen.

Ein Risiko bleibt immer. Startups kommen und gehen schnell, rund ein Drittel schließt nach recht kurzer Zeit. Patrick Stähler, Autor des Buches "Das richtige Gründen", berichtete einmal der "Deutschen Welle", was oft schiefgeht: Eine Geschäftsidee müsse relevant sein und nicht hip, sagte er. "Die meisten Gründer überlegen sich, welches Produkt sie herstellen und anbieten wollen", meinte er. "Doch wer soll das Produkt kaufen? Und warum? Welches Problem wird gelöst? Welche Aufgabe übernehmen Sie für ihn?"

Schnelles Geld Startups reiten dennoch derzeit auf einer Welle der Hoffnung. Gründen wird immer einfacher, es gibt mehr Investoren und die Kosten entwickeln sich durch Cloud-Computing und OpenSource-Software bescheidener. Dass schnelles Geld indes auch Schaden anrichten kann, meint Rolf Schrömgens von der Hotelsuchmaschine Trivago: "Als Gründer spürt man Druck, den Investoren etwas vorweisen zu müssen, schneller zu wachsen", sagte er dem "Handelsblatt". "Wir haben Leute eingestellt, einfach zu viele neue Baustellen aufgemacht, die aber nicht unser Kerngeschäft waren. Dabei haben wir aus dem Blick verloren, was an unserem Geschäftsmodell funktioniert und was nicht. Gründer müssen aufpassen, dass die Kultur der Firma nicht überfordert wird." Aus den Fehlern habe man zum Glück gelernt. Auch Schrömgens zeigt sich überzeugt, dass Startups künftig einen größeren Raum in der Wirtschaft einnehmen wird. "Ich kann mir schwer vorstellen, dass in zehn, zwanzig Jahren noch viele der heutigen Dax-Unternehmen existieren. Startups werden Konzerne verdrängen."

Diese bringen eine neue Unternehmenskultur mit. Umfragen zeigen, dass Startup-Gründer eine höhere Lebenszufriedenheit angeben als Angestellte; die Identifikation mit dem Produkt scheint höher. Die Schattenseiten: Größerer Arbeitsdruck, dauerhafte Erschöpfung, Schlafmangel. Die Gründerszene romantisiert ihre Branche gern. Noch unentschieden ist übrigens der Umgang mit Arbeitnehmerrechten. Betriebsräte und Gewerkschaften geistern herum wie Fremdwörter. Angeblich passe die neue Firmenstruktur der Startups mit ihren flacheren Hierarchien nicht mehr zu formalen Frontstellungen, heißt es. Dabei wird übersehen: Auch in Startups gibt es einen Chef, der am Ende entscheidet. Die neuen Gründungen ähneln den kritisch beäugten so genannten Dinos mehr, als man gemeinhin denkt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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