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MEDIZIN
Susanne Kailitz
Der OP-Roboter zittert nicht

Krankenhäuser, Ärzte, Pfleger und Patienten nutzen digitale Technik für eine moderne Versorgung

Als der französische Arzt René Laennec im Jahr 1816 das Stethoskop erfand, hätte sich niemand träumen lassen, dass dieses damals neumodische Abhörgerät einmal zum vertrauenerweckendsten Utensil der Medizin werden würde. Weil Mediziner nicht wie bis dahin ihre Ohren an die Brust der Patienten legen mussten, um Geräusche aus dem Körperinneren wahrzunehmen und für eine Diagnose nicht mehr allein auf die Schilderungen ihres Gegenübers angewiesen waren, fürchtete man, werde sich die Distanz zwischen Ärzten und Patienten vergrößern. Doch so gängig, wie das Stethoskop heute ist, wird vermutlich in wenigen Jahren Routine sein, was jetzt noch ungewohnt erscheint: Ärzte mit Computern am Krankenbett, Roboter am OP-Tisch und Diagnose-Apps auf dem Smartphone. Die Digitalisierung hat längst Einzug gehalten in die Welt der Medizin und verändert die Branche radikal. Experten gehen davon aus, dass E-Health, also der Einsatz digitaler Technologien im Gesundheitswesen, der Markt der Zukunft ist. Die Digitalisierung in der Medizin nehme "nun richtig Fahrt auf", verkündete unlängst Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes Bitkom. Die digitalen Angebote würden künftig "Prävention, Diagnose und Behandlung von Krankheiten spürbar verbessern".

Smarte Pillen Nach Umfragen des Verbandes erhoffen sich dies auch die Patienten. So hätten 61 Prozent der Befragten der Aussage zugestimmt, die Digitalisierung der Medizin berge größere Chancen als Risiken. 33 Prozent hätten grundsätzliches Interesse an Online-Sprechstunden mit ihrem Arzt, jeder fünfte würde sich im Krankheitsfall telemedizinisch überwachen lassen, 61 Prozent könnten sich vorstellen, einen Operations-Roboter in Anspruch zu nehmen. Jeder Dritte würde sich Mikrochips zur Überwachung von Körperfunktionen implantieren lassen, jeder zweite Befragte hält es für denkbar, digitale Tabletten zu schlucken, die Informationen an ein Smartphone senden. Gefahren würden hauptsächlich dort gesehen, wo es um die Sicherheit der Informationen gehe.

Smarte Pillen und clevere Implantate? Vieles davon ist noch Zukunftsmusik. Da, wo die Digitalisierung die Medizin bereits flächendeckend erreicht hat, geht es vor allem um Datenverarbeitung. "Fast alle Prozesse, die in der Klinik hinter den Kulissen stattfinden, sind inzwischen digital", sagt Stefan Härtel, Geschäftsführer der Asklepios-Kliniken Hohwald und Sebnitz. "Dokumentation, Labor, Röntgen, Anmeldung und Terminvergabe finden nur noch IT-gestützt statt." Für die Kliniken bedeute das einen besseren Informationsaustausch zwischen den Abteilungen und Ärzten oder auch im Kontakt zu niedergelassenen Kollegen. Zudem ist der schnelle Zugriff auf alle nötigen Daten gesichert.

Präzise fräsen Mehr computergestützte Technik hält auch in den Operationssälen Einzug. Vor allem bei geplanten orthopädischen Eingriffen sei es inzwischen üblich, Eingriffe zuvor am Computer genau zu planen, sagt Härtel. "Damit kann man etwa im Vorhinein die ideale Positionierung einer Hüftprothese für den einzelnen Patienten bestimmen. Das sorgt für bestmögliche Ergebnisse bei der Operation." Die Zahl der Geräte, die dort assistieren, wo die menschlichen Fähigkeiten an ihre Grenzen stoßen, steigt jedes Jahr. So lassen sich mit dem vierarmigen Robotersystem "Da Vinci", das vom Arzt an einer Computerkonsole gesteuert wird, Instrumente bei minimal-invasiven Eingriffen am Herzen oder in der Urologie millimetergenau einsetzen. Anders als der Arzt am Tisch zittert der Roboter nie. In der Orthopädie kann der OP-Roboter "Stryker Mako" Gelenkflächen so fräsen, dass die Prothesen exakt passen. Hochpräzise Laser sorgen bei Augenoperationen für narbenfreie Behandlungen. Die digitale Technik dient der Unterstützung des menschlichen Personals - überflüssig sind Mediziner damit noch lange nicht, wie Härtel sagt. "Ein Roboter kann nie die Endverantwortung für einen Eingriff übernehmen. Dafür braucht es immer noch einen menschlichen Operateur."

Wofür die digitale Medizin aber die Chancen deutlich erhöht, das sind individualisierte Therapien. Da, wo Computerprogramme blitzschnell alle denkbaren Variablen zusammenführen und Behandlungen etwa auf der Basis des DNA jedes Einzelnen berechnen können, ist es möglich, eine Chemotherapie oder Allergiebehandlung so zu gestalten, dass sie auf einen konkreten Patienten zugeschnitten und ihre Wirksamkeit höher ist.

Doch nicht nur die Behandlung schwerer Erkrankungen kann mit digitalen Möglichkeiten besser werden; auch Gesunde profitieren. Mit speziellen Apps können das Hör- und Sehvermögen getestet, Blutdruck und Blutzucker ständig überwacht werden. Schwangere können auf ihrem Smartphone Gewicht, Aktivitäten und Symptome eingeben und werden nach der Auswertung durch ein Rechenprogramm auf mögliche Risiken hingewiesen.

Wissen vernetzen Experten wie der Kinderarzt Markus Müschenich, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Internetmedizin, gehen davon aus, dass ein Mehr an Digitalisierung dazu beiträgt, die Bedürfnisse und die Sicherheit der Patienten in den Mittelpunkt zu rücken. Jedes Jahr stürben Zehntausende Patienten in Deutschland, weil ihnen Medikamente von unterschiedlichen Ärzten verschrieben würden, die schließlich tödliche Wechselwirkungen hätten. Das könne durch die Internetmedizin besser werden, "weil sie darauf ausgelegt ist, Informationen auszutauschen und zu vernetzen". Gleichzeitig gäben die digitalen Helfer den Ärzten wieder mehr Zeit für ihre Patienten. So erübrigten sich auch manche überflüssigen Arztbesuche.

Zudem gibt die Digitalisierung auch vielen Patienten die Möglichkeit, sich selbst zu helfen: So wurde etwa die App mySugr von Diabetes-Patienten entwickelt, die das Gefühl hatten, nicht optimal versorgt zu sein. Das Onlineportal mein-schmerz.de wiederum bietet Patienten die Möglichkeit, sowohl körperliche Beschwerden als auch sogenannte psychosoziale Einflussfaktoren wie Arbeitsbedingungen, psychische Gesundheit oder soziale Kontakte zu erfassen, die bei der klassischen Behandlung häufig vernachlässigt werden.

Das verbessert nicht nur die Behandlung einzelner Patienten, sondern die Qualität der Medizin insgesamt - davon ist Dr. Mazen Hagouan überzeugt. Der Facharzt für plastische Chirurgie testet das Tool "Heartbeat" im Sana Klinikum Düsseldorf. Dabei werden Brustkrebspatientinnen vor und nach einer Rekonstruktion der Brust nach ihrer Lebensqualität befragt, die Behandlung kann dann individuell angelegt werden. Hagouan meint: "Die Zeiten des allwissenden Arztes, dessen Methoden nicht hinterfragt werden, sind vorbei. Auch wenn wir mit der Digitalisierung in der Medizin noch am Anfang stehen: Mit jedem Schritt in die Richtung verbessert sich die Qualität zugunsten der Patienten. Das ist eine riesige Chance."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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