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INTERVIEW
Johanna Metz
»Eine Revolution des Kopfes«

Die Informatikerin Sabina Jeschke geht davon aus, dass zahlreiche Jobs in Zukunft überflüssig werden

Frau Jeschke, in der "Industrie 4.0" ersetzen Maschinen immer häufiger den Menschen. Machen in Zukunft Roboter und Automaten unsere Jobs?

Ja, das wird so sein - viele der bestehenden jedenfalls. Zwar haben auch die vorhergehenden industriellen Revolutionen den Automatisierungsgrad unserer Arbeit immer weiter erhöht. Maschinen transportieren seit 100 Jahren schwere Gegenstände von A nach B. Doch die vierte industrielle Revolution, die etwa vor fünf Jahren begann, hat eine völlig neue Dimension: Sie ist von der Intelligenz technischer Systeme getrieben, sodass wir nicht mehr nur Körperkraft automatisieren, sondern Teile menschlicher, kognitiver Fähigkeiten. Sie ist eine Revolution des Kopfes und wird unsere Arbeitswelt fundamental verändern.

Welche neuen Fähigkeiten verlangt uns das ab?

So wie vor einigen 100 Jahren mit der Entwicklung des Buchdrucks alle Lesen und Schreiben lernen mussten, die gesellschaftlich partizipieren wollten, müssen wir heute eine "computational literacy" besitzen. Ohne umfassende Computer- und Informatikkenntnisse wird nichts mehr gehen. Industrie 4.0 bedeutet aber auch, dass wir sehr flexibel sein und ständig neue Dinge lernen müssen, weil sich durch die Transparenz des weltweiten Wissens Innovationsgeschwindigkeiten immer weiter erhöhen. Niemand kann heute sagen: Ich habe das gelernt, das will ich die nächsten zehn, 20 Jahre weiter machen.

Ein Bericht des Bundesarbeitsministeriums aus dem Jahr 2015 hat ergeben, dass 42 Prozent der deutschen Beschäftigten in Berufen mit einer "hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit" arbeiten. Droht fast jeder zweite Job in Deutschland wegzufallen?

Es ist schwer, die Zukunft vorherzusagen, und auch wenn ich viele der genannten Zahlen nur für begrenzt belastbar halte - die grundsätzliche Botschaft ist richtig: In der Industrie 4.0 werden nicht nur fünf oder zehn Prozent der Jobs wegfallen oder sich massiv verändern, sondern 30, 40 oder mehr Prozent. Das sind signifikante Größenordnungen, die wir nicht mehr ausschließlich durch gewerkschaftliche Maßnahmen oder durch mehr Weiterbildung in den Griff bekommen können. Hier entsteht ein enormer gesellschaftlicher Handlungsdruck.

Aber gerade im Technologiesektor entstehen doch auch viele neue Jobs. Gleicht sich das nicht aus?

Es entstehen tatsächlich viele neue Berufe, im Kern IT-getrieben und das in allen Branchen. Ich gehe trotzdem davon aus, dass zumindest kurzfristig mehr Jobs wegfallen könnten als neue hinzukommen. Außerdem werden die Berufe der Zukunft mehrheitlich einer hohen Qualifikation bedürfen, die nicht jeder Mensch intellektuell ausfüllen kann. Da stellt sich die Frage: Was machen wir mit den arbeitslos werdenden Truck- oder Taxifahrern, wenn bald nur noch selbstfahrende Autos und Lkws auf den Straßen unterwegs sind?

Ja, wovon sollen sie leben?

Es gibt zwei Möglichkeiten. Wenn es nur noch halb so viel Arbeit gibt, muss entweder jeder zweite zu Hause bleiben oder wir müssen die Arbeit gerechter verteilen, also alle deutlich weniger Wochenstunden arbeiten. Das hätte zum Beispiel für Familien große Vorteile. Im ersten Fall müssen wir uns über Modelle wie das bedingungslose Grundeinkommen unterhalten.

Sind die Hochqualifizierten von den Umwälzungen gar nicht betroffen?

Oh doch, sehr sogar - das Bild ist durchaus differenziert. Waren vor 100 Jahren tatsächlich in erster Linie die Geringqualifizierten in der Produktion betroffen, ist durch die wachsende Intelligenz der technischen Systeme heute praktisch keine Berufsgruppe mehr sicher. Die Industrie 4.0 trifft Lkw-Fahrer, Sachbearbeiter in Versicherungen, Banken oder Reisebüros, aber zunehmend auch Hochqualifizierte wie Ärzte, Anwälte und Notare. Nehmen Sie den Supercomputer "Watson" von IBM. Der entwickelt inzwischen Therapien für Krebspatienten und diagnostiziert seltene Krankheiten. Ich halte daher in jeder Branche ein 80:20-Phänomen für wahrscheinlich: 80 Prozent der Arbeiten werden künftig von Automaten gemacht, 20 Prozent eher vom Menschen. Da geht es dann um Einzelfallentscheidungen und besonders spezialisierte Bereiche, bei denen Automatisierungen zwar denkbar sind, deren Entwicklungsaufwand aber in keinem sinnvollen Verhältnis zur "Fallzahl" steht.

Was kann und sollte die Politik tun, um diese Entwicklung zu begleiten?

Das entscheidende Stichwort ist Deregulation. Derzeit sind Dutzende Behörden involviert, wenn etwa ein Studienfach oder der Lehrplan an die neuen gesellschaftlichen Bedürfnisse angepasst werden soll. Ähnlich ist es beim Ausbau von Infrastrukturen, bei Standardisierungen oder Zertifizierungen. Für die Industrie 4.0 muss unser Schul- und Ausbildungssystem, muss unsere gesamte Arbeitswelt in kürzester Zeit neu aufgestellt werden. Dafür brauchen wir mehr Flexibilität, mehr Dynamik und mehr Spielräume, um neue Dinge ausprobieren zu können. Und wir brauchen eine Fehlerkultur! Experimente funktionieren bekanntlich nicht immer, aber nur so kommt man weiter. Die Politik kann das unterstützen, indem sie Existenzgründer besser fördert, an den Hochschulen Räume für wirkliche Innovationen schafft und insgesamt mehr Geld in Forschung und Start-ups investiert.

Das Gespräch führte

Johanna Metz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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