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psychiatrie
Claus Peter Kosfeld
Wenn aus der Krise eine Krankheit wird

Arbeitslosigkeit wird von Betroffenen als extreme Bedrohung wahrgenommen - mit weitreichenden Folgen

Herr Deister, Arbeitslosigkeit kann Menschen krank machen. Wie kommt es zu dieser "psychosozialen Zermürbung"?

Arbeitslos zu werden, bedeutet eine massive Veränderung des gesamten Lebens, auch der seelischen und sozialen Seite. Wenige psychosoziale Faktoren bewirken so ausgeprägte Probleme wie die Arbeitslosigkeit. Die Folgen sind psychischer, sozialer und körperlicher Art. Es geht um den Wert von Arbeit. Wir sind sehr stark darauf bezogen, dass Arbeit einen Wert darstellt, der auch die Person ausmacht.

Welche Krankheiten treten in solchen Fällen typischerweise auf?

Häufig leiden arbeitslose Menschen an Anpassungsstörungen, sie können sich also schlecht auf die neue Situation einstellen. Hinzu kommen depressive Störungen, Angststörungen, somatoforme Störungen sowie Abhängigkeitserkrankungen.

Wie wird denn aus der akuten Krise eine Krankheit?

Problematisch wird es, wenn die Psyche nicht mehr in der Lage ist, eine neue Situation im Alltag zu bewältigen. Das können Menschen normalerweise ziemlich gut. Wenn jemand wegen Arbeitslosigkeit deprimiert ist, dann ist das noch keine Krankheit, wohl aber, wenn die Symptome deutlich verstärkt eine Eigendynamik entwickeln, etwa Schlafstörungen, Antriebsminderung, Hoffnungslosigkeit bis hin zur Verzweiflung und Suizidalität.

Der Übergang ist fließend, aber Symptome der Depression lassen sich klar festlegen. Die Frage ist, was Betroffene der neuen Lage an Bewältigungsstrategien (Coping-Strategie) entgegenzusetzen haben. Es geht gerade auch darum, diese Strategien zu verbessern, etwa in der Verhaltenstherapie.

Wer in der Weise krank ist, braucht also professionelle Hilfe?

Ja, absolut. Es ist ähnlich wie bei einem Trauerfall. Es gibt die normale Trauer und die pathologische Trauer, wenn also jemand nicht mehr aus eigener Kraft in einen normalen Alltag zurückfindet. Wer zum Beispiel Alkohol trinkt, damit es ihm gut geht, hat ein Problem.

Sind die Schäden umso größer, je länger die Arbeitslosigkeit andauert?

Nein, man kann das nicht an der Länge der Arbeitslosigkeit festmachen, sondern an der Perspektive. Wenn jemand keine Chance mehr für sich sieht, in absehbarer Zeit wieder eine Stelle zu bekommen, dann macht das krank. Die chronische Arbeitslosigkeit, die Perspektivlosigkeit, das nicht mehr gebraucht werden, das sind die Dinge, die pathogen sind.

Das müsste dann ja nach dem Umbruch in Ostdeutschland seit 1989 sehr häufig vorgekommen sein.

Ja, das ist dort häufig der Fall gewesen, dass Menschen sich nicht mehr Wert fühlen und meinen, das, was sie können, werde nicht mehr gebraucht. Viele Menschen haben große Probleme damit gehabt, für sich selbst wieder eine "wertvolle" Aufgabe zu finden. Das erleben wir gerade auch im mittleren Westen der USA.

Kann Arbeitslosigkeit zu einem bleibenden Trauma werden?

Der Begriff Trauma ist anders definiert. Es ist aber auf jeden Fall eine chronisch massiv belastende Situation, die die Anpassungsfähigkeit des Menschen überfordern kann und darüber zu Erkrankungen führt.

Sind die Symptome bei jüngeren Arbeitslosen anders als bei älteren?

Die Anpassungsfähigkeit ist auch abhängig vom Lebensalter und vom Geschlecht. Für junge Leute, die noch gar keinen Beruf haben, ist Arbeitslosigkeit eine große Bedrohung, weil dann oft die Perspektive ganz fehlt. Wenn jemand kurz vor der Rente steht, geht er mit der Lage natürlich anders um.

Für Männer hat Arbeit wiederum eine andere Bedeutung, da spielt der Kränkungsaspekt bei Erwerbslosigkeit eine größere Rolle. Die Reaktion auf die Arbeitslosigkeit hängt aber immer von der persönlichen Situation der Betroffenen ab. Ältere Männer nehmen es oft besonders schwer, weil ihre Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt faktisch beschränkt sind.

Wie erleben es Menschen, wenn nicht nur der Job abhanden kommt, sondern gleich die ganze Firma?

Das ist tatsächlich eine massive Verlusterfahrung, die vergleichbar ist mit Trauerfällen in der Familie. Für viele Betroffene ist die Firma so etwas wie Familie oder Heimat gewesen. Hier geht es darum, ob es die Betroffenen schaffen, für sich überhaupt noch eine Lebensperspektive zu entwickeln.

Ein verlorener Job ist nicht damit zu vergleichen, wenn die gesamte Grundlage des Alltags wegbricht. Wenn so eine Firma zumacht, die in einer Region viele Arbeitsplätze angeboten hat, ist das für die Menschen eine extreme Verlusterfahrung. Das kann zu schweren Depressionen und im Extremfall auch zu Suiziden führen.

Wie problematisch sind aus psychiatrischer Sicht befristete Verträge und damit verbundene ständige Jobwechsel, unterbrochen durch Phasen der Arbeitslosigkeit?

In solchen Fällen ist das mehr eine Frage, wie Menschen mit dieser beruflichen Situation jeweils umgehen. Das ist nicht per se ein Faktor, der zu einer spezifischen Erkrankung führt. Natürlich kann das auch eine schwierige Lage sein, steht aber nicht im Vordergrund, wenn es um Auslöser etwa für eine depressive Erkrankung geht.

Was macht denn eigentlich die Arbeit so unverzichtbar, abgesehen vom regelmäßigen Einkommen?

Sie ist eine Bestätigung des Wertes von Menschen. Der entscheidende Punkt von Arbeit ist: Wertschätzung, Aufgaben haben, gesehen werden, ein strukturierter Tagesablauf. Arbeit, die etwa vom Vorgesetzten nicht wertgeschätzt wird, ist demzufolge auch ein Problem. Es geht aus psychologischer und psychiatrischer Sicht um die Funktion von Arbeit. Wenn diese Funktion wegfällt, hat das Folgen.

Das Gespräch führte Claus Peter Kosfeld.

Professor Arno Deister ist Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin des Klinikums Itzehoe und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Aus Politik und Zeitgeschichte

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