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Beschäftigung
Ole Wintermann
Keine Panik!

Ein Plädoyer für einen konstruktiven Umgang mit dem Wandel der Arbeitswelt

Die in den Print- und TV-Medien immer wieder zitierte Osborne-Frey-Studie aus dem Jahre 2013 hat sich auf die Offenheit der Gesellschaft für den digitalen Wandel der Wirtschaft, der Arbeit und des Berufsmarktes sehr kontraproduktiv ausgewirkt. Seitdem bestimmt die Aussage, dass 47 Prozent "der Arbeitsplätze" wegfallen könnten, die Debatten dieses Landes. Aufgrund der Prägnanz der Studienergebnisse sind diese medial schnell verwertet worden. Kritische Stimmen, die auf die fehlende internationale Vergleichbarkeit der Berufe und Arbeitsmärkte und die Statik der Betrachtung hingewiesen haben, gingen unter. Politik fühlt sich von der technischen Entwicklung vor sich hergetrieben.

Das generelle Problem bei dem Versuch der Politik, dieser Entwicklung zu begegnen, ist dabei die Vorstellung, man könne eine disruptiv wirkende, technologisch bedingte Änderung der beruflichen Tätigkeiten in einem linearen Modell abbilden. Dies muss zum Scheitern verurteilt sein. Es nützt nichts, das Automatisierungspotenzial in der deutschen Autoindustrie abschätzen zu wollen, wenn diese Industrie durch neue Akteure an sich in ihrer Existenz bedroht wird, da sie elementare Entwicklungen der Digitalisierung, der Elektromobilität und der Kundenwünsche (Umweltschutz, Verzicht auf Eigentum als Statussymbol) anscheinend verschlafen hat.

Wir sollten, um uns ein realistisches Bild von der Digitalisierung der Arbeitswelt machen zu können, von der Vorstellung verabschieden, dass flächendeckend ganze Berufe wegfallen werden. Sicherlich gibt es ein großes Fragezeichen hinter manchen Berufen wie den des Kassierers oder des Lkw-Fahrers. Überwiegend wird es aber eher darum gehen, dass einzelne Tätigkeitsabschnitte innerhalb eines Berufes durch Technik ersetzt werden. So ist die Firma IBM mit ihrer künstlichen Intelligenz IBM Watson zurzeit dabei, die Krebsdiagnostik und -heilung zu verbessern. Die Anamnese und Medikation wird so in naher Zukunft vom Arzt auf die künstliche Intelligenz übergehen. Dafür aber kann sich der Arzt viel besser auf das Patientengespräch fokussieren und sich hierfür fortbilden. In der Wissenschaft wird das Auffinden, Sichten und Interpretieren von Studien in Zukunft besser durch Software erledigt werden können.

Die Zukunft der Arbeit beschränkt sich nicht auf einzelne Bereiche der Wirtschaft, einer Firma oder einer Branche. Es geht nicht nur um die Kassiererin oder den Lkw-Fahrer, deren Tätigkeiten innerhalb der nächsten 20 Jahre verschwinden werden. Es geht nicht nur um die Industriekauffrau, deren Tätigkeiten zunehmend durch Software oder die Ausweitung der Tätigkeiten formal höhergestellter Angestellter überflüssig werden wird. Es geht eben auch um den formal gut ausgebildeten Angestellten im höheren Management oder sogar im Vorstand. Dessen Entscheidungskompetenz wird durch teambasierte Entscheidungsprozesse zunehmend seiner Basis beraubt.

Vor dem Hintergrund, dass "Arbeit" für die allermeisten Menschen ein konstitutives Element des Selbstverständnisses ist, wird klar, dass wir es mit einer Janusköpfigkeit der digitalen Arbeit zu tun haben. Auf der einen Seite zwingt sie uns in einen möglicherweise härteren Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt; auf der anderen Seite bietet sie aber die Chance, uns zu vergewissern, wofür wir stehen, oder zu klären, was uns antreibt.

Arbeitgeber gefragt Der von der Bertelsmann-Stiftung unterstützte "D21 Digital Index" des Jahres 2016 offenbarte dabei aber massive Defizite der Arbeitgeber und der Personalabteilungen, wenn es darum geht, Arbeitnehmer auf das digitale Arbeiten vorzubereiten. So bringen sich 78 Prozent der Arbeitnehmer und Führungsmenschen in Deutschland digitale Kompetenzen selbst bei. Nur 38 Prozent werden dabei von ihrem Arbeitgeber unterstützt. 70 Prozent der Befragten könnten mobil arbeiten - aber nur 24 Prozent sind dazu bereit oder wird es ermöglicht. Männer erhalten dabei dreimal häufiger als Frauen Zugang zu mobilen Endgeräten oder aber entsprechender Software, um überhaupt digital arbeiten zu können.

Um eine zukünftige Spaltung des Arbeitsmarktes weit zu verhindern, wäre es demnach erstens dienlich, wenn Frauen sehr viel besserer Zugang zu digitalen Werkzeugen ermöglicht würde. Die digitale Spaltung zwischen männlichen und weiblichen Arbeitnehmern ist kontraproduktiv für das Heben von internen Ressourcen in Firmen.

Zweitens sollten Arbeitnehmer und Führungsmenschen sehr viel besser von ihrem Personalabteilungen "an die Hand" genommen würden, um in das Zeitalter des digitalen Arbeitens aufzubrechen. Drittens müssen Instrumente geschaffen werden, die der immer größeren Bedeutung informellen Lernens Rechnung tragen. Nicht mehr nur das Zertifikat kann Ausweis der eigenen Bildungsanstrengungen sein.

Viertens müssen wir die Realitäten an den Schulen anerkennen. Wenn das Internet durch die Schüler genutzt wird, geht es vor allem um soziale Medien, Computerspiele und Videonutzung. Leider sind sich Medien, Politik und viele Eltern einig darin, diesen Sachverhalt zu verurteilen. Das ist das falsche Signal! Wir sollten sie vielmehr bei der produktiven Nutzung des Netzes unterstützen.

Fünftens ist das mediale Klima nicht gerade förderlich, dem digitalen Wandel der Arbeitswelt gegenüber eine Offenheit zu erzeugen. So dominieren immer neue Horrormeldungen die Schlagzeilen. Wieso finden sich nur äußerst selten Berichte über positive Beispiele der Nutzung des Netzes für den Menschen, etwa beim Einsatz für Menschenrechte und Meinungsfreiheit, Erdbebenhilfe via sozialer Medien, Open Government, Spendenkampagnen etc.? Lassen sich schlechte Nachrichten vielleicht einfach besser verkaufen?

Sechstens benötigen wir eine bessere Infrastruktur. Die durchschnittliche Bandbreite des Internetzugangs in Deutschland reicht allenfalls für einen Platz im Mittelfeld. Ländliche Regionen könnten sehr viel besser gegen Abwanderungstrends angehen, wenn sie besseren Internetzugang hätten.

All diese Änderungen der Arbeitswelt finden natürlich in einem internationalisierten Kontext statt. Beispielsweise hat sich gezeigt, dass die Flüchtlinge, die in den vergangenen beiden Jahren Deutschland erreicht haben, digital deutlich weiter sind als die Betriebe im Handwerk und die kleinen und mittleren Unternehmen, die unter Fachkräftemangel leiden. 90 Prozent der Handwerksunternehmen nutzen keine digitalen (Kommunikations-)Werkzeuge. Wäre das deutsche Handwerk digitaler unterwegs, so wäre es möglich, sie besser mit Flüchtlingen, die Arbeit suchen, zusammenzubringen.

Die Alterung der Gesellschaft und die damit schwindenden Steuer- und Sozialversicherungsaufkommen (pro Kopf) führen zudem tendenziell zu einem finanziellen Druck auf das Bildungssystem. Diesem Druck könnte durch eine Ausweitung der digitalen Bildungsinhalte und -werkzeuge kostengünstig - bei entsprechender Nutzung von etwa offenen Bildungsressourcen - begegnet werden. Allein: Es fehlt bisher die Bereitschaft zu diesem kulturellen Wandel in der Schullandschaft.

Globale Werte setzen Wir müssen uns in einer globalisierten Welt immer vor Augen halten, dass sich die Welt nicht mehr nach unseren Wertevorstellungen richtet. Fragen des Arbeitsrechts, des Arbeitsschutzes, der Lohngerechtigkeit, der Qualität von Produkten, der Bereitschaft, sein Unternehmen dem globalen Wandel anzupassen und des kulturellen Umgangs mit der Digitalisierung werden heute weltweit diskutiert und entschieden.

Die Diskussion um den Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre haben aber gezeigt, dass es möglich ist, für menschliche Werte zu werben. Dass am Ende beim Wandel der Arbeitswelt der Mensch im Zentrum stehen muss, ist ein solcher Wert, für den wir weltweit eintreten sollten.Ole Wintermann

Der Autor ist Senior Project Manager bei der Bertelsmann-Stiftung. Er schreibt zudem für die Netzpiloten und für die Journalisten-Plattform piqd.de.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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