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EDITORIAL
Jörg Biallas
Beitrag zur Harmonie

"Rentenpolitik" und "Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit": In gleich zwei prominent auf der Tagesordnung platzierten Debatten befasste sich der Deutsche Bundestag in der vergangenen Woche mit der Frage, wie Senioren und Schwache besser zu versorgen sind. Das ist keine leichte Aufgabe. Aber eine, die zu den wesentlichen Bausteinen einer Zukunft in sozialer Sicherheit gehört und daher bewältigt werden muss. Trotz aller Widrigkeiten. Und die sind mannigfach. Es gilt dafür vorzusorgen, dass das Rentensystem nicht implodiert, wenn die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge im kommenden Jahrzehnt massenhaft auf das Altenteil drängen.

Ohnehin sind die Herausforderungen groß genug. Schon heute ist mehr als ein Fünftel aller Bundesbürger älter als 65 Jahre; in der Europäischen Union liegt dieser Wert nur in Italien noch höher.

Der Generationenvertrag, also der Ansatz, dass die jüngere, arbeitende Bevölkerung die Ruheständler finanziert, funktioniert längst nicht mehr. Deshalb ist der Staat gefragt, alternative Finanzquellen zu erschließen und nachhaltig sprudeln zu lassen.

Doch es geht nicht nur ums Geld. In der Kontroverse um den richtigen Weg für die Rentenpolitik wird schnell übersehen, dass Alte, Kranke und Schwache schon deshalb Obhut verdienen, weil ihre Lebensleistungen eine Bereicherung für alle sind. Jahrzehntelange Erfahrung am Arbeitsplatz, aber auch die Fähigkeit, emotional und alltagspraktisch mit Krankheit und Behinderung umzugehen, geben Beispiel und machen Mut.

Finanzielle Absicherung ist also weit mehr als ein Gebot der Mitmenschlichkeit. Sie ist ebenso ein Beitrag für gesellschaftliche Harmonie, die in vielen Bereichen abhandengekommen ist.

Wer jetzt unterstellt, es sei kein Zufall, dass die Politik ausgerechnet im heraufziehenden Wahlkampf die Rentner als Zielgruppe wiederentdeckt, springt zu kurz. Gewiss, Senioren sind für alle Parteien eine verlässliche und daher wichtige Wählergruppe, die zudem ständig größer wird. Aber ebenso richtig ist auch, dass Rentenpolitik schon seit langer Zeit regelmäßig auf der Agenda steht.

Mit Populismus hat das nichts zu tun. Wohl aber mit der Einsicht, dass ohne soziale Sicherheit für alle das Gefüge des Staates auf Dauer brüchig wird.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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