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Bühne
Silke Hasselmann
Reformtheater

Fusionspläne im Nordosten stoßen auf geteiltes Echo

Ob Lessings "Emilia Galotti" am Volkstheater Rostock, ob der Psychothriller "Dangerous Games" am Jungen Staatstheater in Parchim oder "Das 5. Symphonische Konzert" am Theater Vorpommern in Stralsund - allein in der ersten Mai-Woche boten sich dem Theaterpublikum im Nordosten etliche Premieren. Alles gut also im Theaterland Mecklenburg-Vorpommern?

Natürlich nicht. In Rostock etwa wollte der geschäftsführende Intendant Joachim Kümmritz die auf der Kippe stehende Schauspielsparte stärken und dafür ein paar offene Stellen beim vergleichsweise teuren Orchester unbesetzt lassen. Das Arbeitsgericht in Rostock verhinderte den Plan. Es erklärte Ende April, dass die Geschäftsleitung vereinbarungsgemäß alle 73 Planstellen bei der Norddeutschen Philharmonie fest zu besetzen habe. Derweil bringt ein Tarifstreit das Theater Vorpommern wieder einmal an den Rand einer Insolvenz. Gerade lief der letzte Haustarifvertrag aus, durch den die Bezahlung der Mitarbeiter zuletzt durchschnittlich 17 Prozent unter dem bundesweit geltenden Flächentarifvertrag lag. Dorthin wollen die Gewerkschaften nun zurück, und zwar sofort. Die kommunalen Träger können das geforderte Tempo nicht finanzieren.

Und dann ist da noch die Theaterreform. 2012 vom damals amtierenden Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) angestoßen und nun von seiner Nachfolgerin Birgit Hesse (SPD) weiterverfolgt, besteht das politische Ziel darin, ein breites Angebot für das Publikum auf den insgesamt zwölf öffentlich finanzierten Spielstätten im Land zu erhalten. Dafür freilich müssen die Häuser zu Kooperationen, gar Fusionen bereit sein.

Die "Vorpommersche Landesbühne Anklam" ist wegen seiner speziellen Ausrichtung ausgenommen, während das "Volkstheater Rostock" nicht mitmachen will. Es solle die Eigenständigkeit nicht verlieren, so die ausnahmsweise einhellige Meinung von Stadtparlament und Bürgerinitiative. Dabei hat es die hochverschuldete Hansestadt bis heute nicht geschafft, die unbezahlbar gewordenen Strukturen des Theaters neu zu ordnen. Stattdessen verzeichnete das Vier-Sparten-Haus immer wieder die landesweit schlechteste Auslastung und höchsten Zuschüsse pro Eintrittskarte. Immerhin: Unter dem seit Herbst 2016 amtierenden Intendanten Kümmritz sind Spielfreude und vor allem mehr Professionalität in der Geschäftsführung zurückgekehrt. Vielleicht wächst da auch die Einsicht, sich zu reformieren statt totsparen zu lassen. Immerhin ist Joachim Kümmritz zugleich auch Intendant der "Theater und Orchestergesellschaft Neubrandenburg/Neustrelitz". Als solcher bereitet er gerade die Fusion mit dem "Theater Vorpommern" vor.

Kümmritz sieht es ähnlich wie sein Stralsunder Amtskollege Dirk Löschner. Der sagt mit Blick auf Theater in der Provinz: "Wir leben, wo andere Urlaub machen, und wir leben auch davon, dass so viele Menschen hier Urlaub machen." Die Kehrseite von wenig Industrie und Wirtschaft: Mäzene sind rar gesät, weshalb man auf öffentliche Zuschüsse angewiesen ist. Ein Problem in einem Land, das jahrelang die bundesweit höchsten Arbeitslosenzahlen und niedrigsten Einkommen meldete, und in dem sich nur noch 1,6 Millionen Menschen verteilen - 300.000 weniger als Anfang der 1990er Jahre. Damit erklärte übrigens Kultusminister Brodkorb gern die über zwei Jahrzehnte hinweg unveränderte Theatersubventionierung durch das Land in Höhe von 35,8 Millionen Euro: "Gleich viel Geld bei immer weniger Menschen ergibt eigentlich sogar einen steigenden Zuschuss pro Kopf."

Zehn öffentlich finanzierte Theater hatte man in Mecklenburg-Vorpommern aus DDR-Zeiten übernommen. Keine der Spielstätten ist vollends verschwunden. Doch heute fungieren die Theater in Wismar und Güstrow ohne eigene Ensembles und Produktionen als Gastspielstätten. Die Mehrsparten-Häuser in Stralsund, Greifswald und Putbus schlossen sich vor zwanzig Jahren zur "Theater Vorpommern GmbH" zusammen. Auch die 35 km auseinanderliegenden Theater von Neubrandenburg und Neustrelitz gaben ihre Parallelstrukturen auf.

Bis zum 1. August 2018 sollen diese Vielbühnen-Gesellschaften in einer noch größeren aufgehen. Arbeitstitel: "Staatstheater Nordost". Derzeit klären Arbeitsgruppen die juristischen Grundlagen. Sie erstellen einen Musterspielplan, einen Musterstellenplan, ein Konzept für die Zentralwerkstätten. Doch Zielvereinbarung hin oder her - schon lässt die Stadtvertretung gerade prüfen, ob sich Neustrelitz nicht doch wieder ein eigenständiges Theater leisten könnte. Kultusministerin Birgit Hesse nimmt es nach außen hin gelassen. Es sei "jedem kommunalen Träger unbenommen, sein eigenes Theater zu finanzieren.". Sprich: Geld vom Land gäbe es nicht.

In Westmecklenburg ist die Reform schon weiter. Im Sommer 2016 vereinten sich das "Mecklenburgische Staatstheater zu Schwerin" und das "Landestheater Parchim" zur "Mecklenburgischen Staatstheater GmbH". Zwar war das Schweriner Viersparten-Haus stets das meistbesuchte im Land, das überdies 20 Prozent seiner Kosten selbst einspielt - eine Eigenfinanzierungsquote, die sonst kein Haus erreichte. Dennoch mussten Stadt und Land auch hier Jahr für Jahr Soforthilfen überweisen - über die jährlich acht bis neun Millionen Euro an festen Landeszuschüssen hinaus. Nun ist das Land als Hauptgesellschafter direkt eingestiegen und will den Reformwillen mit dauerhaft mehr Geld honorieren.

Die Nagelprobe dürfte mit der Spielzeit 2017/18 kommen. Der nötige Etat ist mit den Gesellschaftern noch nicht endgültig ausgehandelt. Einstweilen läuft die erste Spielzeit unter dem von Nordhausen nach Schwerin gewechselten Intendanten Lars Tietje. Das Publikum scheint die künstlerischen wie strukturellen Veränderungen anzunehmen.

Die Autorin ist Landeskorrespondentin von Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und DR Wissen in Mecklenburg-Vorpommern

Aus Politik und Zeitgeschichte

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