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Filmförderung
Katharina Dockhorn
Millionensummen für deutsche Drehs

Die große Gesetzesreform fiel aus. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) schießt mehr Geld in Bundestöpfe

Auf dem Roten Teppich in Cannes werden in wenigen Tagen Fatih Akin und Diane Kruger gefeiert. Ihr Drama "Aus dem Nichts" entstand mit Unterstützung der Filmförderungsanstalt (FFA) sowie der bei Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) angesiedelten Kulturellen Filmförderung. Akin, Gewinner des Goldenen Bären mit "Gegen die Wand", erhielt zudem Steuergelder von den Förderern aus Hamburg und vom Deutschen Filmförderfonds (DFFF).

Akins Film ist ein Beispiel unter vielen: Ohne staatliche, bedingt rückzahlbare Darlehen läuft an deutschen Sets keine Kamera. 18 Institutionen versorgen die Branche mit Geld der Steuerzahler beziehungsweise aus einem Solidarmodell. Das Filmförderungsgesetz (FFG) verpflichtet seit 1968 alle Verwerter von Kinofilmen, eine Abgabe an die FFA zu zahlen, damit deutsche Kinofilme entstehen.

Eine grundlegende Novellierung des FFG für den Markt des 21. Jahrhunderts war für diese Legislaturperiode versprochen. Sie blieb aus. So konnte der Bundestag im Vorjahr nur eine kleine Reform des FFG beschließen. Drehbuchautoren erhalten mehr Geld, Gendergerechtigkeit ist angestrebt. Das Grundproblem ist ungelöst: Produzenten können kaum Eigenkapital bilden. Das gesamte Fördersystem ist so gestrickt, dass sie selten vom kommerziellen Erfolg ihrer Filme profitieren. Deshalb hängen sie weiter am Tropf von Sendern und Förderern, jenen Playern, die grünes Licht für den Drehstart geben.

Insbesondere die Fernsehsender sind das Zünglein an der Waage bei den Förderentscheidungen. Sie bestimmen Inhalt und Look der Filme, obwohl sie nur rund zehn Prozent zur Finanzierung beitragen. Um die Abhängigkeit vom Geschmack der Redakteure zu verringern, müssten auch die Politiker der Bundesländer bereit sein, die Regularien ihrer Förderanstalten des öffentlichen Rechts auf den Prüfstand zu stellen. Entsprechende Signale fehlen bisher. Bund und Ländern fällt es ohnehin schwer, in Sachen Film gemeinsam vorzugehen. Jahrelang stritten sie über die Digitalisierung der Filmtheater, jetzt blockieren sie sich bei der Rettung des Filmerbes.

30 Millionen pro Jahr Herzstück der Bundesfilmförderung bleibt das FFG. Auf dessen Grundlage zahlt die FFA jedes Jahr rund 30 Millionen Euro für den Dreh von Filmen aus. Die Hälfte geht automatisch an Produzenten wie Til Schweiger, die Millionen in die Kinos locken. Außerdem werden künstlerische Ehrungen wie der Oscar und die Lola oder Festivaleinladungen nach Berlin und Cannes belohnt. Anders sieht das in den Bundesländern aus: Sie haben diese Kriterien nie in ihre Referenzförderung übernommen. Sie honorieren ausschließlich kommerzielle Erfolge, es geht ihnen um wirtschaftliche Standortpolitik.

Die andere Hälfte der Mittel der FFA steht für neue Projekte zur Verfügung. In den Genuss der Millionen kommen künftig weniger Filme. Die ausgewählten Projekte werden dafür mit Budgets ausgestattet, die einen attraktiven, visuellen Schauwert garantieren. 2,5 Millionen Euro Minimum pro Film sind in der Diskussion.

Eigene Akzente Kulturstaatsministerin Grütters setzt zudem im Bundesrahmen eigene Akzente. Um den Doppelcharakter des Films als Wirtschafts- und Kulturgut zu wahren, pumpt sie Millionen in zwei Fördertöpfe der Bundesregierung. Die spannende Frage wird sein, ob sie das überholte System stützen oder den Filmemachern die ersehnte kreative Freiheit bringen.

Mehr Geld wird es 2018 für die Kulturelle Filmförderung geben, die 2016 etabliert wurde. Experimente wie "Victoria" finden hier die passende Anlaufstelle. Der Etat soll von 15 auf 25 Millionen Euro steigen. Von den ausgewählten 66 Langfilmprojekten, die Förderung aus diesem Topf bekamen, waren im Vorjahr 35 Prozent Debüts oder Zweitfilme. Mit diesem Engagement bietet Grütters jungen Filmemachern Alternativen zu den Sendern und Länderförderern. Diese haben für den Nachwuchs Programme wie "Debüt im Dritten" aufgelegt. Die niedrig budgetierten Filme haben selten Kinoqualität und floppen an der Kasse. Die Regisseure wechseln danach zum Fernsehen. Die gut gemeinten Fördermaßnahmen wurden so zur subventionierten Meisterklasse der Sender.

Auch beim DFFF hat Grütters nachgelegt. Der Filmförderfonds gewährt allen Produzenten einen Zuschuss von 20 Prozent auf die deutschen Herstellungskosten. Sein Etat wurde in diesem Jahr von 50 auf 75 Millionen Euro erhöht. 2018 soll er auf 125 Millionen steigen - 50 für den deutschen Film und 75 für internationale Koproduktionen und hochbudgetierte deutsche Filme wie "Cloud Atlas".

Mit der Trennung im DFFF beseitigt Grütters die Angst, dass die DFFF-Millionen an Spielberg, Tarantino & Co. gehen. Ihre Filme erhielten jährlich rund 27 Millionen Euro. Um künftig Filme wie "Der Vorleser" oder "Bridge of Spies" anzulocken, ist für die deutschen Koproduzenten und technischen Dienstleister die geplante Änderung der Regularien ausschlaggebend. Bislang wurden höchstens 10 Millionen Euro je Film gewährt, künftig könnten es 25 sein.

Der Rest des DFFF-Geldes geht an deutsche Produzenten. Die Erhöhung hilft, Kostensteigerungen aufzufangen sowie angemessene Honorare zu zahlen. Auch die Zahl der Filme könnte steigen. Das wirft allerdings eine weitere Frage auf: Wie sollen all diese Werke ihr Publikum finden? Die Fördermittel für Kinos, Festivals und Verleih wuchsen nicht in dem Maße wie die Produktionsförderung.Katharina Dockhorn

Die Autorin arbeitet als freie Filmjournalistin in Berlin.

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