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MEDIEN
Susanne Kailitz
Neue Deutsche Welle

Von der »Stimme des Vaterlands« zu DW News - der deutsche Auslandsrundfunk hat sich gravierend gewandelt

Am Anfang hörte sich noch alles ganz beschaulich an. Er sende "diesen ersten Gruß aus der alten Heimat, der unmittelbar durch den Äther das Ohr und auch das Herz der Menschen deutscher Herkunft, Art und Sprache in aller Welt sucht", sagte Bundespräsident Theodor Heuss 1953 in seiner Radioansprache zum Sendestart der Deutschen Welle, gerichtet an "die lieben Landsleute in aller Welt": "Für die Hörer will dies Wort das Wort der Heimat sein. Diese Stimme die Stimme des Vater- und des Mutterlandes."

Heute, 64 Jahre später, hat die Deutsche Welle ein gänzlich anderes Selbstverständnis: Der staatliche Auslandsrundfunk der Bundesrepublik sieht sich selbst als Player im Wettbewerb mit CNN und BBC und will, so Intendant Peter Limbourg, "die Entscheider und Teilnehmer der politischen Meinungsbildung" erreichen, mit "Journalismus auf einem demokratischen Wertefundament". Heute informiert die Deutsche Welle im Fernsehen, Radio und Internet in 30 Sprachen über Deutschland, sie beschäftigt fast 1.500 festangestellte und ebenso viele freie Mitarbeiter. Nach eigenen Angaben erreicht sie so wöchentlich 135 Millionen Menschen in aller Welt, die meisten Nutzer hat der Sender auf dem afrikanischen Kontinent. Doch auch in der arabischen und asiatischen Welt werden die Reichweiten größer. Insgesamt, so bescheinigt es die regelmäßige Evaluation der Welle, erfüllten die Angebote "die im DW-Gesetz verankerten Wirkungsziele": Wer sie nutze, "zeichnet sich durch ein vertieftes Demokratieverständnis aus. Insgesamt gelingt der Nachweis, dass die DW wesentlich zur Reputation Deutschlands in der Welt beiträgt."

Eine gute Botschaft für den Intendanten Peter Limbourg, zuvor Informationsdirektor von ProSiebenSat.1 TV Deutschland, der 2013 das Ruder übernommen hat. Er unterzieht die Welle einer strategischen Neuausrichtung - und wird nicht müde, immer wieder klarzumachen, dass es dafür nicht nur Entschlossenheit und gute Konzepte brauche, sondern vor allem Geld.

Und das kommt bei der Deutschen Welle vom Steuerzahler. 1953 in der Verantwortung des damaligen Nordwestdeutschen Rundfunks gegründet und seit 1960 per Bundesgesetz zur eigenständigen Anstalt des öffentlichen Rechts erklärt, ist die Deutsche Welle wegen dessen ausschließlicher Kompetenz für die auswärtigen Angelegenheiten Verantwortlichkeit des Bundes - und wird, anders als die öffentlich-rechtlichen Rundfunkangebote, nicht aus den Rundfunkgebühren, sondern aus Steuergeldern finanziert. Im 2004 verabschiedeten Deutsche-Welle-Gesetz heißt es, der Sender solle "Deutschland als europäisch gewachsene Kulturnation und freiheitlich verfassten demokratischen Rechtsstaat verständlich machen". Die Angebote sollen "deutschen und anderen Sichtweisen zu wesentlichen Themen vor allem der Politik, Kultur und Wirtschaft sowohl in Europa wie in anderen Kontinenten ein Forum geben mit dem Ziel, das Verständnis und den Austausch der Kulturen und Völker zu fördern" - und das trimedial, also über Radio, Fernsehen und im Internet.

Nachdem der Bund den Haushalt der Deutschen Welle zu Anfang der 2000er-Jahre immer wieder zurückgefahren hat, wurde von der Großen Koalition 2014 eine dauerhafte bessere Förderung beschlossen. So erhält der Sender in diesem Jahr mit insgesamt 325,6 Millionen Euro fast 24 Millionen Euro mehr als 2016. Für 2018 sind insgesamt 337 Millionen Euro geplant - ob dieses Geld dann aber auch tatsächlich fließt, muss der neue Bundestag, der im September 2017 gewählt wird, beschließen.

Unter Intendant Limbourg setzt die Welle vor allem auf den Ausbau des englischsprachigen Angebots. So ist 2015 mit den englischsprachigen "DW News" das neue Flaggschiff des Senders gestartet. Mit Erfolg: Um 17 Millionen Menschen, die das DW-Angebot mindestens einmal wöchentlich nutzen, habe man seither die Reichweite erhöht, lässt der Sender wissen.

DW-Chefredakteurin Ines Pohl ist mit dem neuen Kurs zufrieden: "In den vergangenen Jahren hat die DW ihr journalistisches Profil deutlich geschärft. Wir produzieren gezielt Programmangebote für verschiedene Regionen und unterschiedliche Plattformen wie Facebook oder Twitter. So erreichen wir unsere Zielgruppe direkt dort, wo sie sich bewegt, mit Themen, die im Leben der Menschen eine aktuelle Rolle spielen." Diesen Weg werde man "konsequent weitergehen" - auch wenn der Ausbau des englischsprachigen Angebots im Bundestag vor allem Linken und Grünen missfällt. Sie glauben, es sei nicht sinnvoll, wenn die Deutsche Welle sich in Konkurrenz mit englischsprachigen Auslandssendern anderer Länder begebe. Stattdessen solle die Welle sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren.

Tatsächlich hatte Limbourg zuvor ins Spiel gebracht, das deutschsprachige Angebot zu reduzieren, sollte sein Sender finanziell nicht besser ausgestattet werden. Eine Drohung, die ihm einen Rüffel von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) einbrachte - und einen Protestbrief von mehr als 130 Mitarbeitern, Künstlern, Autoren und Wissenschaftlern, in dem sie betonten, die "chronische Unterfinanzierung der Deutschen Welle" dürfe "nicht dazu führen, dass das Herz des Programms zerstört wird".

Inzwischen ist klar: Limbourg hat hoch gepokert und gewonnen. Denn geht es nach Teilen der Politik, ist der Anspruch an seinen Sender künftig noch größer als je zuvor. Die Deutsche Welle solle ein "Gegengewicht zu Desinformation und Propaganda" sein, ließ der Chef des CDU-Netzwerks "Medien und Regulierung" und Sprecher der Unionsfraktion für Kultur und Medien, Marco Wanderwitz, gerade erst wissen. In Zeiten, in denen Medien sich dem Vorwurf ausgesetzt sehen, "Fake News" zu produzieren und Regime in dem Verdacht stehen, durch gezieltes Eingreifen Berichterstattung zu manipulieren, "brauchen wir mehr denn je leistungsfähige Rundfunkanstalten".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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