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Aschot Manutscharjan
Kurz Notiert

In seinem großen Standardwerk versucht Dieter Borchmeyer, Professor ermeritus für Neuere deutsche Literatur und Theaterwissenschaft an der Universität Heidelberg, eine Antwort auf die Frage "Was ist deutsch?" Tatsächlich gelingt es ihm, das ehrgeizige Vorhaben zur deutschen Kulturgeschichte auf über tausend Seiten überzeugend abzuhandeln. Mehr noch: Borchmeyer hat "ein einziges Manifest gegen den Nationalismus" vorgelegt; denn "die Wesensbestimmung des Deutschen seit dem 18. Jahrhundert" ziele nun einmal "auf dessen Übernationalität".

Das Opus magnum ist gespickt mit Meinungen zum "Deutschsein", die von Hegel, Kant und Fichte über Goethe und Schiller zu Heine und Richard Wagner, Nietzsche und Bloch, Thomas Mann und anderen Geistesgrößen reichen. Auf dieser Grundlage beschreibt Borchmeyer den abstrakten deutschen Nationalcharakter in seinem jeweiligen historischen Kontext. Dabei blendet der Autor die Gewaltgeschichte nicht aus: So attestiert er den Deutschen, im "Dritten Reich" die humanistische und kulturelle Traditionen Deutschlands verraten zu haben. In ihrem Versagen hätten sie aller Welt vor Augen geführt, dass sie nicht stark genug waren, um sich der Barbarei zu widersetzen. Als Zeitzeugen zitiert er Gottfried Benn: In seiner Nachzeichnung einer Festsitzung der Deutschen Akademie in Anwesenheit von Goebbels beklagte dieser verbittert den moralischen Verfall des Adels und des Bildungsbürgertums: Als der Propagandaminister zu seinen "üblen völkischen Pöbeleien" ansetzte, habe sich keiner gerührt, "die großen Dirigenten, die Pour-le-mérite-Träger der Friedensklasse, die internationalen Gelehrten, der ehrbare Kaufmann - alle klatschen".

Heute sei es die Pflicht der Deutschen, sich zu ihrer europäischen und globalen Verantwortung zu bekennen. Als Land "in der Mitte von Europens Völkern" (Schiller) könne Deutschland der Geografie - aus der sich im Guten wie im Bösen seine geschichtliche Rolle herausgebildet hat - nicht entkommen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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