Inhalt

Energie
Franz Ludwig Averdunk
Kopplung droht Abkopplung

Bedenken von allen Seiten gegen geplante Netzentgeltstruktur

"Nicht auf tönernen Füßen, sondern auf gar keinen Füßen" stehen die Vorstellungen der Bundesregierung zur Entlastung von Haushalten und Industrie bei den Stromnetz-Kosten. So sah es der Sachverständige Adi Golbach von "KWK kommt". Bitte "von einem Schnellschuss absehen", riet Carsten Rolle vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).

Kritik und Skepsis bestimmten die Tonlage bei einer Experten-Anhörung zum Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung der Netzentgeltstruktur (18/11528) im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, die vom Vorsitzenden Peter Ramsauer (CSU) und dem stellvertretenden Vorsitzenden Klaus Barthel (SPD) geleitet wurde.

Preisunterschiede Ein Kernpunkt ist die Vergütung, die dezentrale Energieproduzenten bekommen, weil die Einspeisung ihres Stroms in regionale Netze weniger aufwendig sei als bei Großkraftwerken, deren Energie zunächst durch vorgelagerte Netze mit höherer Spannung geleitet wird. Die Bundesregierung sieht vor, dass diese Zahlungen aus solchen "vermiedenen Netzentgelten" schrittweise auslaufen sollen. Denn der Anstieg der dezentralen Erzeugung habe zunehmende Netzkosten verursacht, weil deren Strom in vermehrtem Maße nicht mehr vor Ort verbraucht, sondern doch über die vorgelagerten Netze in den Markt gebracht werde.

Wie alle Experten, so hob auch Rolle auf die deutlich unterschiedlichen Strompreise in Deutschlands Regionen ab - abhängig nicht zuletzt vom jeweiligen Ausbau-Umfang der Erneuerbaren Energien. Ein bundesweites gleiches Netzentgelt, für das die Bundesregierung in ihrem Gesetzentwurf die Möglichkeit schaffen will, wäre für ihn "ein Weg, der deutlich über das Ziel hinaus schösse".

Stefan Kapferer vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), unterstrich, das Prinzip der vermiedenen Netzentgelte habe für "steuerbare dezentrale Einspeisung weiterhin seine Berechtigung" - wobei es insbesondere um Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) geht. Er schlug aber die Abschaffung für "volatil einspeisende Photovoltaik- und Windenergieanlagen" gleich zum nächsten Jahreswechsel vor.

Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion GmbH sprach sich mit den Worten von Hans-Jürgen Brick "gegen eine Vereinheitlichung der Netzentgelte im Übertragungsnetz" aus - und warnte vor "negativen Folgen für die Volkswirtschaft". Einer "geringfügigen Entlastung" der Kunden im Norden und Osten stünde eine "massive Belastung" der Industrie im Westen und Süden gegenüber.

"Kritisch" sah auch Michael Wübbels vom Verband kommunaler Unternehmen (VKU), dass vermiedene Netzentgelte auch für KWK-Anlagen auslaufen sollen. Dann drohe, dass sie nicht mehr wirtschaftlich seien und zu einem beträchtlichen Teil womöglich stillgelegt würden.ri.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag